Angst und Enge weichen Gottes Shalom – 2. Sonntag der Osterzeit / Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit

Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
Erste Lesung aus der Geschichte der Apostelinnen und Apostel, Kapitel 4
32 Die Menge der zum Glauben Gekommenen war ein Herz und eine Seele und niemand sagte von irgendetwas, das er oder sie besaß, dass es Privateigentum sei, sondern sie teilten alles, was sie hatten.
33 Mit großer Macht legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu, des Herrn; und großes Wohlwollen lag auf ihnen allen. 34 Es litt doch auch niemand Mangel unter ihnen. Alle nämlich, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften sie, brachten die Verkaufserlöse herbei
35 und legten sie den Aposteln zu Füßen.

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 20
19 Am Abend dieses ersten Tages nach dem Sabbat, als die Jüngerinnen und Jünger hinter geschlossenen Türen saßen aus Angst vor der jüdischen Obrigkeit, da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: »Friede sei mit euch!«
20 Als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite. Da freuten sich die Jüngerinnen und Jünger, dass sie Jesus den Lebendigen sahen.
21 Jesus sagte noch einmal zu ihnen: »Friede sei mit euch! Wie mich Gott gesandt hat, so sende ich euch.«
22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und sagte ihnen: »Nehmt die heilige Geistkraft auf.
23 Allen, denen ihr Unrecht vergebt, ist es vergeben. Allen, denen ihr dies verweigert, bleibt es.«
24 Aber Thomas, einer der Zwölf, der Didymos oder Zwilling genannt wurde, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
25 Die anderen Jüngerinnen und Jünger sagten zu ihm: »Wir haben Jesus den Lebendigen gesehen.« Er aber sagte zu ihnen: »Wenn ich nicht die Wunden der Nägel in seinen Händen sehe und meinen Finger in die Nägelwunden lege und mit meiner Hand in seine Seite greife, dann werde ich nicht glauben.«
26 Nach einer Woche saßen die Jüngerinnen und Jünger wieder drinnen und Thomas war bei ihnen. Jesus kam – die Türen waren verschlossen – und trat in ihre Mitte und sagte: »Friede sei mit euch!«
27 Dann sagte er zu Thomas: »Lege deinen Finger hierher und sieh meine Hände an und nimm deine Hand und greife in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!«
28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: »Ich verehre dich und will dir gehorchen, du bist der Lebendige, mein Gott!«
29 Jesus sagte zu ihm: »Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Glücklich sind, die nicht sehen und trotzdem glauben.«
30 Jesus tat noch viele andere Wunderzeichen vor seinen Jüngerinnen und Jüngern, die nicht in diesem Buch aufgeschrieben sind.
31 Dieses hier aber ist aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Erwählte Gottes, und als Glaubende in seinem Namen Leben habt.

Autorin:
Greiner-Jopp Gabriele 2017Gabriele Greiner-Jopp lebt in Wendlingen, war als Dekanatsreferentin, Gemeindereferentin und Beraterin tätig

 
Die Predigt:
Angst und Enge weichen Gottes Shalom

Liebe Leserin, lieber Leser,
sind Sie/seid ihr gut durch diese Osterwoche gekommen? Oder eher so lala? Ist etwas in Gang gekommen in Ihnen/bei Euch wie z.B. bei den Emmaus Jüngern, oder gleicht die Seelenlage, v.a. jetzt während der dritten Welle der Pandemie, eher der Situation der Jüngerinnen und Jünger in Jerusalem: so richtig Raum hat nur die Angst – heute vor Corona, damals vor den Feinden Jesu.

Die Angst der Jünger in Jerusalem damals und die Angst vieler Menschen heute ist verständlich; der Auferstandene kritisiert auch ihre Angst nicht, er redet diese nicht klein, sondern bricht sie auf: in ihre Mitte, schreibt Johannes, kommt er und bringt eine neue Wirklichkeit, den Frieden, wie es im Deutschen heißt. Auf hebräisch – in der Sprache Jesu – heißt es „Shalom“ und darin schwingt mit, was auch zum Frieden gehört: Freude, Sicherheit, Wohlergehen, mit sich, der Welt und Gott im Reinen zu sein, das Ende von Streit, Krieg und Not natürlich auch. All das schwingt also mit, wenn der Auferstandene den Frieden wünscht und damit eine neue Wirklichkeit in unsere Angst bringt.

Trauen wir ihm? Den Jüngerinnen und Jüngern in Jerusalem zeigt er seine Wunden: Ich kenne eure Angst, ich habe Schmerz, Zweifel, Verlassenheit und selbst den Tod durchlebt und doch bin ich bei euch, jetzt, lebendig und nah. Heute würden wir vielleicht sagen, er ist solidarisch mit seinen Freundinnen und Freunden. Sie sind nicht allein. Und weil manche Wirklichkeit, auch wenn sie schön ist, erst so nach und nach in uns einsickert, wünscht er ihnen gleich noch einmal den Shalom. Doppelt genäht hält besser, die Bekräftigung wirkt nachhaltiger, lässt Zeit um Aufatmen.

Seit einem guten Jahr geben wir einander den Friedensgruß, der uns an den Auferstandenen erinnert, mit Zeichen statt mit Handschlag, manche winken sich zu, manche wenden sich nach allen Seiten den Menschen in der Kirche zu. Sich in Blick nehmen, voreinander verbeugen, mit Lächeln und Zuwendung die Distanz überbrücken – das ist für mich jedes Mal eine Auferstehungserfahrung in dieser Corona-Zeit. In einer Kirchengemeinde habe ich erlebt, dass der Friedensgruß nach dem Kyrie einander zugesprochen wird – mit einem Mal war da eine andere, freudige Atmosphäre in der Gemeinde, ich habe ab da anders mitgefeiert.

Und jetzt, nachdem die Enge dem Shalom Gottes gewichen ist, kommt die Zusage, damals und heute an uns: Sie und wir werden mit Gottes Geist begabt. Wie Gott der Schöpfung und den Menschen zu Beginn Lebensatem eingehaucht hat, wie Jesus beim Sterben seinen Lebensatem über die Welt aushaucht, so haucht er ihnen jetzt neues Leben ein, Gottes unsterbliche, ewige Geistkraft oder die Ruach, wie es hebräisch heißt. Innerhalb von 4 Versen im Evangelium ändert sich die Situation völlig: Aus Angst wird Freude aus Erstarrung Leben, aus Abgeschlossenheit Aufbruch. Am Abend dieses ersten Tages ist ein Prozess in Gang gekommen. Ostern dauert, wir können dieses Geschehen gar nicht an einem oder zwei Festtagen begreifen. Und das Pfingstfest beginnt schon hier, am Abend in Jerusalem.

Weitergeben können wir nur, was wir in uns haben; deshalb brauchen die Jüngerinnen und Jünger jetzt die göttliche Geistkraft, um selbst im Sinne Jesu tätig zu werden. Wozu das geführt hat, haben wir in der Lesung aus der Apostelgeschichte gehört: Sie waren ein Herz und eine Seele. Im wahren Sinn des Wortes beseelt vom Geist Jesu, konnten sie ihr Leben miteinander teilen.

Mit der Zusage von Gottes Geist ist eine Gabe und Aufgabe verbunden: Die Sündenvergebung. Diese ist ein göttliches Privileg und wurde schon Jesus angekreidet als er Kranke nicht nur körperlich heilte, sondern ihnen ihre Sünden vergab. Diese Vollmacht erhalten im Johannesevangelium ganz selbstverständlich alle Jüngerinnen und Jünger Jesu – anders als im Matthäusevangelium; dort erhält sie ausschließlich Petrus. Das hat dazu geführt, dass aus der Vollmacht für alle oft genug ein klerikales Machtmittel von Priestern wurde, mit schlimmen Folgen bis heute.

Was hindert uns heute, die Vollmacht, die Jesus uns als Jüngerinnen und Jünger erteilt hat, ernst zu nehmen? Selbst-bewusster als getaufte und gefirmte – geistbegabte – mit Vollmacht ausgestattete Kirchenmitglieder zu handeln? Zumal diese Gabe für uns alle auch eine Aufgabe beinhaltet. Was immer wir tun in seinem Namen, es hat Folgen und Auswirkungen auf die Menschen. Im Guten wie im Schlimmen. Ob wir versöhnungsbereit sind oder nicht. Seien wir uns dessen bewusst.

Ja, an Ostern ist etwas in Gang gekommen, das ist wahr und es ist noch lange nicht zu Ende! Es wird auch bei den Aposteln nicht alles glatt gehen, davon erzählt der zweite Teil des Evangeliums vom zweifelnden Thomas – aber das wäre eine zweite Predigt.

Für diesen zweiten Sonntag in der Osterzeit wünsche ich uns, dass wir uns den Frieden, den Shalom des Auferstanden zusprechen lassen in diesen schwierigen Zeiten, dass wir aus seinem Geist leben und in der Vollmacht seiner Liebe handeln; hingebungsvoll, versöhnungsbereit und gegen die eigenen Ängste.

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