Advent will immer wieder Neu anfangen – 1. Adventssonntag B

Erste Lesung aus dem Buch Jesaja, Kapitel 63 und 64
16b Du, HERR, bist unser Vater, „Unser Erlöser von jeher“ ist dein Name.
17 Warum lässt du uns, HERR, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, sodass wir dich nicht fürchten? Kehre zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbbesitz sind!
19b Hättest du doch den Himmel zerrissen und wärest herabgestiegen, sodass die Berge vor dir erzitterten,
64,3 Seit Urzeiten hat man nicht vernommen, hat man nicht gehört; kein Auge hat je einen Gott außer dir gesehen, der an dem handelt, der auf ihn harrt.
4 Du kamst dem entgegen, der freudig Gerechtigkeit übt, denen, die auf deinen Wegen an dich denken. Siehe, du warst zornig und wir sündigten; bleiben wir künftig auf ihnen, werden wir gerettet werden.
5 Wie ein Unreiner sind wir alle geworden, unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid. Wie Laub sind wir alle verwelkt, unsere Schuld trägt uns fort wie der Wind.
6 Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, festzuhalten an dir. Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und hast uns zergehen lassen in der Gewalt unserer Schuld.
7 Doch nun, HERR, du bist unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände.

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 13
33 Gebt Acht und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
34 Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug die Vollmacht seinen Knechten, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.
35 Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen.
36 Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen.
37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!

Autorin:
Utta Hahn (2)Utta Hahn, Gemeindereferentin, Dekanatsreferentin in Schwäbisch Hall

 
Die Predigt:
Advent will immer wieder Neu anfangen

Liebe Leserin, lieber Leser,
Jesajatexte begleiten uns durch den Advent. Vor allem in den letzten Kapiteln des Prophetenbuches finden wir Visionen, Hoffnungsbilder und Zusagen. Das Volk Israel damals und wir heute können daraus eine Haltung lernen, die uns aktiv auf das Kommende blicken lässt, auch wenn wir es nicht genau planen und vorhersagen können.

Der Abschnitt, der heute unser Lesungstext ist, beginnt mit der Vergewisserung:
Du Herr, bist unser Vater – und endet mit derselben. Alles was dazwischen steht, geschieht in dieser Beziehung zu Gott, dem Vater.

Ich möchte annehmen, dass es eine gute, wohlwollende, liebende Beziehung ist – dass der Gott, den Jesaja verkündet, der ist, den Jesus verkündet. Ein Bild, das wir Menschen nicht immer mit unseren Erfahrungen decken können, das aber sehr wohl ein positives sein möchte.

Hier im Text sind mir drei Aspekte ins Auge gesprungen.

Hättest du doch den Himmel zerrissen und wärest herabgestiegen,…

Dieser Vers lässt in mir direkt das Adventslied „o Heiland reiß die Himmel auf“ (GL 231) anklingen. Auch wenn der ganze Liedtext von Friedrich Spee, dem Jesuiten und Kämpfer für die Menschenrechte im 17ten Jahrhundert, nicht direkt diesen Jesajatext vertont und auch noch andere Schwerpunkte hat, so steckt in dieser getragenen fast melancholischen Melodie für mich der Seufzer des Jesaja-Verses. Hier wie dort ist die Sehnsucht mit Händen zu greifen.

Ach, warum ist es nicht so – es wäre doch so einfach – es wäre doch so einfach für Gott, den Himmel zu zerreißen und herabzusteigen, unsere Not, unser Leid, unsere Probleme zu lösen – zu ER-lösen und uns Harmonie und Frieden zu bringen.

Dieser Seufzer, den spüre ich auch in unserer derzeitigen Lage – Advent im Jahr 2020 zwischen Sorge und Angst wegen der Pandemie und der Sehnsucht nach dem, was Advent uns immer vor Augen führt – nach Harmonie, nach Geborgenheit, nach Nähe; nach der Nähe Gottes und der Nähe lieber Menschen. Der Seufzer, der sieht, dass es nicht ist, wie wir es uns wünschen.

Mit Jesaja möchte ich aber weitergehen…

Seit Urzeiten hat man nicht vernommen, hat man nicht gehört; kein Auge hat je einen Gott außer dir gesehen, der an dem handelt, der auf ihn harrt.

„Kein Aug hat je gesehn, kein Ohr hat je gehört“ – das ist das Wort, das in mir widerhallt. Das mir vertraut klingt, das ich nachklingen lassen will, das ich ergründen will. Jesaja bleibt nicht beim Seufzen stehen. Er erinnert sich an seine Gotteserfahrungen und muss sich eingestehen, dass die in Größe und Tiefe, in Weite und Glück alles übersteigt, was wir Menschen mit unseren Sinnen wahrnehmen oder vorstellen können. Was also tun mit unseren Wünschen und Sehnsüchten?

Schaffen wir das, sie in dieser Beziehung zu Gott zu betrachten? Einem Gott, der über alle Jahrhunderte hinweg Menschen die Erfahrung geschenkt hat, dass sie in seiner Liebe aufgehoben und begleitet sind? Einem Gott, der sich nicht zu einem „Wunscherfüller“ verkleinern lässt.

Das ist vielleicht die große Herausforderung, wie unser Glaube wachsen will und kann. So wie Kinder lernen müssen, dass Erwachsen-Werden heißt, im Vertrauen auf das Gelernte selbst Verantwortung zu übernehmen und die Welt zu gestalten. So ist der Advent die wiederkehrende Einladung, neu zu lernen, dass wir im Vertrauen auf die Gotteserfahrungen unserer Vergangenheit und der Vergangenheit vieler vieler Menschen die Welt, in der wir heute sind, gestalten können und dürfen.

Und schließlich führt uns Jesaja noch zu einem dritten Bild.

Doch nun, HERR, du bist unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände.

Welch eine Wandlung vollzieht Jesaja in diesen wenigen Zeilen. Auch wenn uns Ton und Töpferscheibe nicht mehr im Alltag begleiten. Tongeschirr ist eher rar geworden – es eignet sich nicht so gut für die Mikrowelle; es hat RuckZuck Scharten und Macken; es ist nicht so zart und edel wie Porzellan. Vielleicht haben manche noch Erinnerungen, dass es im Kunstunterricht in der Schule auch mal ein Projekt / eine Aufgabe gab, etwas aus Ton zu formen. Vielleicht gibt es auch die Erinnerung, wie schwer das war, die Form, die man sich im Kopf vorstellte in das Material zu bringen.

Das Bild von Gott dem Töpfer, wir dem Ton in seinen Händen – das ist ein starkes.
Das anerkennt unsere Geschöpflichkeit.
Das kann uns helfen, uns selbst anzunehmen – mit allem was wir sind und haben, was wir können und was wir lernen, was wir wünschen und was wir erhoffen.
Und wer je Ton in der Hand hatte, weiß, dass das Formen und Gestalt Geben nur mit viel Achtsamkeit, Behutsamkeit, Geduld, mit dem genauen Anteil an Wasser, der richtigen Temperatur, mit viel Konzentration und Liebe verbunden ist.
Jeder Ton ist anders.
Jeder Tag ist anders.
Welch Mühe, Konzentration, Geduld, Behutsamkeit, Achtsamkeit und Liebe hat Gott wohl in mich „gesteckt“, um mir das mitzugeben, was allein mein Leben ausmacht und zum Strahlen bringen kann.

Die Gemeinschaft von Taizé, die zur Zeit auf das verzichten muss, was sie als eine ihrer Grundaufgaben sich gestellt hat, Menschen in Gastfreundschaft aufzunehmen und die Frohe Botschaft mit ihnen zu teilen, diese Gemeinschaft hat sich als Broterwerb die Töpferei gewählt. Die Tonprodukte werden verkauft. Der Erlös dient dem Lebensunterhalt der Gemeinschaft.

Die Töpfer dort kennen sicher den Jesajatext – und es ist ein Beten, ein Mitarbeiten an der Schöpfung, wenn sie selbst töpfern, wenn sie formen und wenn sie auch das Werk, das dabei entsteht in die Beziehung zu Gott hineinstellen. Und weil in guter mönchischer Tradition Beten und Arbeiten ineinander fließen, gibt es ein Gebet, das dies ins Wort bringt.

    Herr,
    mache mich zu einer Schale
    offen zum Nehmen
    offen zum Geben
    offen zum Geschenkt Werden

    Herr,
    mache mich zu einer Schale für dich,
    aus der du etwas nimmst,
    in die du etwas hineinlegen kannst.

    Wirst du bei mir etwas finden
    was du nehmen könntest?
    Bin ich wertvoll genug,
    so dass du in mich etwas hineinlegen wirst?

    Herr,
    mache mich zu einer Schale für meine Mitmenschen
    offen für die Liebe, für das Schöne,
    das sie verschenken wollen,
    offen für ihre Sorgen und Nöte
    offen für ihre traurigen Augen
    und ängstlichen Blicke,
    die von mir etwas fordern.

    Herr
    mache mich zu einer Schale.

So beten die Töpfer in Taizé, heißt es.

Liebe Leserin, liebere Leser,
dieser Advent könnte anders werden als die vorherigen. Aber ich möchte ihnen mitgeben, dass jeder Advent anders sein möchte, als die vorherigen.

Advent will immer NEU anfangen, all das zu gestalten, all das zu erwarten, was in unserem Horizont liegt.

Finden Sie Ihren Advent – in den Bedingungen, die wir dieses Jahr haben – und geben Sie Acht auf sich und ihre Mitmenschen.

Vielleicht tut sich ein Türchen auf, das hinter ihren Wünschen, Sehnsüchten und Nöten ein Vertrauen und eine Zuversicht auf unseren Gott, der unser Vater ist, entdeckt. Amen.

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