Brot der Erde und Brot des Himmels – Fronleichnam / Hochfest des Leibes und Blutes Christi A

Zweite Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth,Kapitel 10
Schwestern und Brüder!
16 Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi?
17 E i n Brot ist es. Darum sind wir viele e i n Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.

Autorin:
Elisabeth SchmitterElisabeth Schmitter, Pastoralreferentin, war tätig im Bischöflichen Ordinariat Rottenburg, Hauptabteilung Pastorale Konzeption, und arbeitet weiter in Verkündigungssendungen des SWR

 
Die Predigt:
Brot der Erde und Brot des Himmels

Liebe Brüder und Schwestern,
(in der Anrede halte ich mich gern an die Höflichkeitsregel und beginne mit den ‚Brüdern‘ – in der Hoffnung, dass die es auch so machen)

‚Fronleichnam‘. Das Fest, das wir heute feiern, hat den seltsamsten Namen, den ein Fest überhaupt haben kann. Er ist zusammengesetzt aus zwei Teilen, die beide für heutige Ohren nicht eben einladend klingen: ‚Fron‘ – das klingt nach finsterem Mittelalter, nach Leibeigenschaft und Schuften-Müssen. Und ‚Leichnam‘, na ja, das klingt fast schon makaber im Zusammenhang mit einem freudigen Fest. Und beide Wortteile zusammen ergeben erst mal gar keinen Sinn.

Schade eigentlich, dass dieses Fest sich durch seinen schaurigen Namen selbst im Weg steht. Denn es hat – natürlich – weder mit Zwangsarbeit noch mit Leichen zu tun, sonst gäbe es ja wahrlich nichts zu feiern. Fron heißt im Mittelhochdeutschen Herr, und lichnam heißt Leib, zusammen also Leib des Herrn. Fronleichnam ist das Fest der Eucharistie, das Fest des Abendmahls, des letzten gemeinsamen Mahls, das Jesus mit seinen Freunden gefeiert hat.

Was damals ein Abschiedsmahl im Kreis der engsten Freunde war, das feiern wir heute als Gedächtnismahl auf den Plätzen unserer Städte und Dörfer. Eine unscheinbare kleine Brotscheibe ist für uns das heilige Zeichen dafür, dass der Herr mitten unter uns ist. Und wenn wir dieses Brot sichtbar durch die Straßen unserer Städte und Dörfer tragen, dann tun wir dies, weil wir wissen und bekennen: Überall dort, wo sich unser Leben abspielt, überall dort ist auch der Platz, an den unser Gott gehört. Er will bei uns zu Hause sein, auf den Marktplätzen der Welt ebenso, wie in den verborgensten Winkeln unserer Seelen. Die Welt, unsere Welt mit all ihrem Glanz und mit all ihrem Elend, sie wird sozusagen ausgeleuchtet. Ausgeleuchtet mit einem Licht, in dem sich alles sehen lassen kann. Gott und die Welt gehören in Liebe zusammen – das ist die Botschaft von Fronleichnam.

Und dass gerade das Brot zum Zeichen, zum Symbol dafür geworden ist, das könnte gar nicht besser passen. Brot – das ist das Lebensnotwendige, das Unscheinbare und Nüchterne, das Selbstverständliche und Alltägliche. Brot ist ein Bild, ein Symbol für all das, was wir brauchen, um überleben zu können. Brot erinnert uns an unsere Herkunft: Als Geschöpfe leben wir von der Erde und ihren Früchten, das verbindet uns mit allem, was ebenso wie wir Geschöpf ist und Nahrung braucht. Die Bibel nimmt die materiellen Bedürfnisse der Menschen sehr ernst. Die Bitte um das tägliche Brot steht genau in der Mitte des Vaterunsers. Gott weiß, wie bedürftig wir sind. Gerade so wollte er uns. Gerade so sind wir sein Abbild. Gerade so findet er uns liebenswert. Uns, die wir genug zum Leben haben und oft noch viel mehr. Und ebenso die, die heute schon wissen, dass sie auch morgen nicht satt werden.

„Dem Hungernden muss Gott in Form von Brot erscheinen.“ Das hat nicht etwa ein Christ gesagt, sondern: Mahatma Gandhi. Dieser heilige Hindu erinnert uns Christen an unseren Auftrag. An den Auftrag Jesu. Es ist der Auftrag, für Gerechtigkeit zu sorgen. Wir haben das Glück, in diesem Teil der Erde zu leben, in dem es genug zu essen gibt. Wir haben das durch nichts verdient, es ist reines Glück. Andere haben das Pech, in einer Hungerregion geboren zu sein. Auch sie haben dies nicht verdient, nicht sie ihr Pech und nicht wir unser Glück. Aber wir können, so gut es uns möglich ist, dafür sorgen, dass diese himmelschreiende Ungerechtigkeit wenigstens gemildert wird. Dass die Welt ein klein wenig fairer wird. Und dann, wenn wir das Brot der Erde ernst genug nehmen und bereit sind, miteinander zu teilen – dann können wir auch glaubwürdig vom Brot des Himmels reden.

Das Brot der Erde und das Brot des Himmels. Beides gehört zusammen. Denn L e b e n, wirkliches Leben, ist doch so viel mehr als bloßes Ü b e r l e b e n. Weil Menschen eben noch lange nicht satt sind, wenn der Magen nicht mehr knurrt. Dann spüren sie immer noch – oder erst recht – den Hunger der Seele, den Hunger nach Sinn und Gelingen, nach Liebe und Heil.

Fronleichnam ist ein Fest, das verbindet. Es verbindet Menschen mit Menschen. Es verbindet Menschen mit Gott. Und es verbindet die Erde mit dem Himmel.
Amen.

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