Verlieren – suchen – finden und gefunden werden – 24. Sonntag im Jahreskreis C

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 15
In jener Zeit
1 kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören.
2 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.
3 Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:
4 Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?
5 Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern,
6 und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war.
7 Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.
8 Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie die Drachme findet?
9 Und wenn sie diese gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte.
10 Ebenso, sage ich euch, herrscht bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.

Autorin:
Karin_2016 (3)Karin Stump, Pastoralreferentin in Diez, Diözese Limburg

 
Die Predigt:
Verlieren – suchen – finden und gefunden werden

Liebe Leserin, lieber Leser,
liebe Schwestern und Brüder, liebe Festgemeinde!
Welch ein Evangelium am Tag des Jubiläums der kfd (Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands) in Diez! Gott ist auf der Suche nach den Menschen, besonders nach den Verlorenen und Verirrten. – Das wird hier gleich in doppelter Ausführung erzählt. Und vielleicht erinnern Sie sich an die Urerzählung vom Paradies. Da sucht Gott nach dem Menschen – Adam, wo bist du? Adam versteckt sich, weil er sich schuldig fühlt und schämt – Gott geht ihm nach und spricht ihn an.

Auch in den beiden Gleichnissen geht es ums Suchen, wie schon in der Begegnung zwischen Gott und Adam. Die Gleichnisse schildern das Suchen einmal anhand des Verhaltens einer männlichen, einmal einer weiblichen Person. Beide Male widmen die Suchenden die ganze Konzentration, alle Mühe und allen Einsatz dem Verloren. Dafür werden die anderen Schafe bzw. die sonstige Arbeit zurückgestellt. Dies verdeutlicht den Wert des einen verlorenen Tieres, der einen verlorenen Münze. – Mit diesem Einsatz, dieser Hingabe, dieser Wertschätzung sucht Gott die verlorenen Menschen, wie er einst Adam im Paradies suchte.

Schauen wir heute, am Tag des Jubiläums der Frauengemeinschaft und im Rahmen der Frauenpredigtwoche, einmal genauer auf das Bild der Frau, die sucht. Sie erscheint als sorgende Hausfrau. Die Drachme war der Tageslohn eines männlichen Tagelöhners. Frauen mussten für eine Drachme doppelt so lange arbeiten wie ein Mann (heute existiert immer noch ein geschlechts­spezifischer Verdienst­unterschied „gender pay gap“, auch bei uns in Deutschland.)

Die Frau im Gleichnis war gewiss nicht reich, sonst hätte sie die verlorene Drachme leicht verschmerzt! Es geht um das Geld für das tägliche Brot! So wie die suchende Frau nach dem Geldstück schaut, so sorgt Gott sich um ihr Leben, ihre von der Welt verachtete Existenz. Die um ihr Überleben kämpfende Frau wird also durchsichtig für den Kampf Gottes – Gott sucht Menschen, die umkehren! Gott braucht sie so nötig wie die Frau die Drachme zum Leben. Als die Drachme gefunden ist, freut sie sich, denn nun sind die Mahlzeiten für einen Tag gesichert. Vielleicht finden sich manche Frauen unter uns in dieser sorgenden Frau wieder.

Gott im Gleichnis als Frau, die sucht, als sorgende Hausfrau – das ist eine ungewohnte Vorstellung. Vertrauter ist das Gottes-Bild vom Hirten, der nach einem verlorenen Schaf sucht oder des Vaters, der dem verlorenen Sohn entgegenläuft. Die Erzählung von der Frau und der Drachme findet sich nur im Lukasevangelium! Gott im Bild der Frau, die sucht, als arme fegende Hausfrau! Das wurde in der Verkündigung durch Männer lange vernachlässigt. Aber in diesem Bild können sich Frauen ganz anders angesprochen fühlen… Da spüren wir Frauen unmittelbar: Gott kennt unser Sorgen und Suchen…

Unsere Verluste, unsere Suche.

Das Gleichnis regt auch an, sich selbst einmal zu fragen: Was habe ich verloren? Verlieren, Suchen, Finden, kennen wir alle aus unterschiedlichen Erfahrungen. Diese sind zum Teil recht intensiv! Der verlorene Schlüssel. Der verlegte Zettel mit dem wichtigen Kennwort oder der nötigen Telefonnummer. Wir können uns auch fragen: Was ist mein persönliches Kapital, was sind meine Ressourcen – denn 9 Drachmen sind ja da! Und was fehlt? Materielles oder Beziehungen, Gemeinschaft, Gesundheit oder Kraftquellen, Fähigkeiten, Glaube und Freude, Zufriedenheit – oder Geborgenheit, Sinn? Identität? Das Gleichnis animiert dazu, sorgfältig zu suchen!

An diesem Tag des kfd-Jubiläums können Sie sich auch fragen: Was haben wir alles als kfd erlebt, bewirkt, eingebracht – und was ist uns mit der Zeit verloren gegangen? Was kann getrost weggefegt werden als alt und verstaubt? Was vermissen wir und wollen wir mit Eifer suchen? Ich denke auch an die Krise der Kirche – wie erreicht sie Menschen? Wie kann sie wieder glaubwürdig werden? Es gilt, eine Lampe anzuzünden, Expertise und Licht sind nötig, um genau zu sehen! Transparenz! Mit Fleiß, unermüdlich suchen! Ja, es ist anstrengend! Kehren, Schichten abtragen, wegkehren, Staub aufwirbeln, vielleicht auch Chaos verursachen, sauber machen, mit Altem aufräumen, das scheint nötig, beschwerlich, aber auch befreiend! Etwas Wirbel gemacht, für Zündstoff gesorgt, das hat die kfd auch immer wieder, wie Sie mir erzählten: etwa mit ihren Beiträgen beim Pfarrfest 2012; oder 2019 auf dem Marktplatz mit der Forderung nach Zugang zu allen Weiheämtern für Frauen.

Und dann das Finden!

Der Moment des Findens oder des Gefunden-Werdens durch einen anderen Menschen, durch eine Berufung, durch Gott – kann eine grundlegende Veränderung und Neuorientierung in unserem Leben bewirken.

Vielleicht möchten Sie sich auch fragen: Bin ich eher auf Seite der suchenden Frau, wie Gott? Oder steht es für Sie an, sich finden zu lassen, von Gott – von anderen Menschen, von einer Aufgabe? Sich zu öffnen und sich dem Leben oder Gott neu zuzuwenden, umzukehren? Buße kann bedeuten, dem nachzugehen, was mir fehlt, was zu mir gehört – es ist in meinem Haus! Und bei all dem möchte Kirche, möchte die kfd helfen!

Schließlich die Freude: Die Freude über das Finden des Verlorenen und Kostbaren ist der springende Punkt, der den beiden Gleichnissen gemeinsam ist. So sucht Gott Verlorenes und freut sich, es zu finden und zurück ins Leben zu holen. Die Engel freuen sich über die Umkehr, und es freuen sich die Nachbarinnen mit über die wiedergefundene Drachme. Die Solidarität der Frauen wird nicht als bloße Geschwätzigkeit abgetan, sondern wertgeschätzt. –

Als Frauengemeinschaft haben Sie hier in der Gemeinde begonnen, 1982, und sich dann später als kfd in der noch größeren Gemeinschaft des Verbandes organisiert. Gemeinschaft von Frauen, die ein Stück Leben und Glauben teilen – bei Einkehrtagen, Wallfahrten, Gesprächs- und Bildungsabenden, Bibelteilen, Andachten, Feiern und Festen. Ein Thema war auch: „Die kfd ist ein Schatz“. Selbst in der Corona-Zeit haben Sie diese Gemeinschaft gepflegt, so gut es ging.

Heute teilen wir diesen Schatz, teilen wir die Freude über Menschen in der Gemeinde, in der kfd, die sich finden und gemeinsam unterwegs sind im Glauben und Leben. Und ganz individuell können Sie sich auch fragen: Meine Ressource, mein wiedergefundener Schatz, wem möchte ich ihn zeigen, davon erzählen, dafür danken?

Das Schicksal des Gleichnisses von der Frau und der Drachme wird selbst zum Gleichnis der verlorenen und vergessenen Geschichten von Frauen in der Gesellschaft und in der Kirche. Aber sie werden mehr und mehr wieder entdeckt. Auch das ist eine Geschichte der Umkehr und Freude!

Jesus erzählt hier also ein Gleichnis voll Frauenpower! Diese göttlich-menschliche Kraft bringt Sinnesänderungen hervor, die zum Leben und zur Freude befreien. Anders als in der herkömmlichen, oft kleinmachenden Rede von Buße und Umkehr wird diese hier verstanden als Befähigung und Bestärkung. Ein Mensch wird ganz, findet das Verlorene, das Not-wendende, ist befreit und freut sich in Gemeinschaft. Und Gott sucht und findet den verlorenen Menschen wieder.

Das wünsche ich uns allen, das wünsche ich der Diezer Frauengemeinschaft, der kfd. In diesem Sinne: herzliche Glückwünsche zum Jubiläum. Amen.

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