Das Brot der Erde ernst nehmen – Fronleichnam

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 9
In jener Zeit
11b redete Jesus zum Volk vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften.
12 Als der Tag zur Neige ging, kamen die Zwölf und sagten zu ihm: Schick die Leute weg, damit sie in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen, dort Unterkunft finden und etwas zu essen bekommen; denn wir sind hier an einem abgelegenen Ort.
13 Er antwortete ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische; wir müssten erst weggehen und für das ganze Volk etwa zu essen kaufen.
14 Es waren nämlich etwa fünftausend Männer. Er aber sagte zu seinen Jüngern: Lasst sie sich in Gruppen zu ungefähr fünfzig lagern.
15 Die Jünger taten so und veranlassten, dass sich alle lalgerten.
16 Jesus aber nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis und brach sie; dann gab er sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten.
17 Und alle aßen und wurden satt. Als man die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelte, waren es zwölf Körbe voll.

Autorin:
Elisabeth SchmitterElisabeth Schmitter, Pastoralreferentin a.D. der Diözese Rottenburg-Stuttgart, spricht in Verkündigungssendungen des SWR

 
Die Predigt:
Das Brot der Erde ernst nehmen

Liebe Brüder und Schwestern,
(in der Anrede halte ich mich gern an die Höflichkeitsregel und beginne mit den ‚Brüdern‘ – in der Hoffnung, dass die es auch so machen)

‚Fronleichnam‘. Das Fest, das wir heute feiern, hat den seltsamsten Namen, den ein Fest überhaupt haben kann. Er ist zusammengesetzt aus zwei Teilen, die beide für heutige Ohren nicht eben einladend klingen: ‚Fron‘ – das klingt nach finsterem Mittelalter, nach Leibeigenschaft und schuften Müssen. Und ‚Leichnam‘, na ja, das klingt fast schon makaber im Zusammenhang mit einem freudigen Fest. Und beide Wortteile zusammen ergeben erst mal gar keinen Sinn. Deshalb kommen wir auch so leicht in Erklärungsnot, wenn wir sagen sollen, was dieses Fronleichnam für uns bedeutet.

Schade eigentlich, dass dieses Fest sich durch seinen schaurigen Namen selbst im Weg steht. Denn es hat – natürlich – weder mit Zwangsarbeit noch mit Leichen zu tun, sonst gäbe es ja wahrlich nichts zu feiern. Fron heißt im Mittelhochdeutschen Herr, und lichnam heißt Leib, zusammen also Leib des Herrn. ‚Fronleichnam’ ist das Fest der Eucharistie, das Fest des Abendmahls, des letzten gemeinsamen Mahls, das Jesus mit seinen Freunden gefeiert hat.

Was damals ein eher trauriges Abschiedsmahl im Kreis der engsten Freunde war, das feiern wir heute als festliches Gedächtnismahl auf den Plätzen unserer Städte und Dörfer. Eine unscheinbare kleine Brotscheibe ist für uns das heilige Zeichen dafür, dass der Herr mitten unter uns ist. Und wenn wir dieses Brot sichtbar durch die Straßen unserer Städte und Dörfer tragen, dann tun wir dies, weil wir wissen und bekennen: Überall dort, wo sich unser Leben abspielt, überall dort ist auch der Platz, an den unser Gott gehört. Er will bei uns zu Hause sein, überall da, wo unser Leben sich abspielt. Auf den Marktplätzen der Welt ebenso wie in unseren Wohnungen, in Pflegeheimen und Büros ebenso wie in den verborgensten Winkeln unserer Seelen. Die Welt, unsere Welt mit all ihrem Glanz und mit all ihrem Elend, sie wird sozusagen ausgeleuchtet. Ausgeleuchtet mit einem Licht, in dem sich alles sehen lassen kann. Gott und die Welt gehören in Liebe zusammen – das ist die Botschaft von Fronleichnam.

Und dass gerade das Brot zum Zeichen, zum Symbol dafür geworden ist, das könnte gar nicht besser passen. Brot – das ist das Lebensnotwendige, das Unscheinbare und Nüchterne, das Selbstverständliche und Alltägliche. Brot ist ein Bild, ein Symbol für all das, was wir brauchen, um überleben zu können. Brot erinnert uns an unsere Herkunft: Als Geschöpfe leben wir von der Erde und ihren Früchten, das verbindet uns mit allem, was ebenso wie wir Geschöpf ist und Nahrung braucht. Die Bibel nimmt die materiellen Bedürfnisse der Menschen sehr ernst. Die Bitte um das tägliche Brot steht genau in der Mitte des Vaterunsers. Gott weiß, wie bedürftig wir sind. Gerade so wollte er uns. Gerade so sind wir sein Abbild. Gerade so findet er uns liebenswert. Uns, die wir – immer noch – genug zum Leben haben und oft sogar noch mehr. Und ebenso die, die heute schon wissen, dass sie auch morgen nicht satt werden. In diesem Jahr denken wir dabei besonders an die Millionen von Menschen im globalen Süden. Viele von ihnen sind auf das ‚Brot’, auf das Getreide angewiesen, das in der Ukraine angebaut wird und derzeit nicht exportiert werden kann.

„Dem Hungernden muss Gott in Form von Brot erscheinen.“ Das hat nicht etwa ein Christ gesagt, sondern: Mahatma Gandhi. Dieser heilige Hindu erinnert uns Christen an unseren Auftrag. An den Auftrag Jesu. Es ist der Auftrag, für Gerechtigkeit zu sorgen. Wir haben das Glück, in diesem Teil der Erde zu leben, in dem es genug zu essen gibt. Wir haben das durch nichts verdient, es ist reines Glück. Andere haben das Pech, in einer Hungerregion geboren zu sein. Auch sie haben dies nicht verdient. Nicht sie ihr Pech und nicht wir unser Glück. Aber wir können, so gut es uns möglich ist, dafür sorgen, dass diese himmelschreiende Ungerechtigkeit wenigstens gemildert wird. Dass die Welt ein klein wenig fairer wird. Und dann, wenn wir das Brot der Erde ernst genug nehmen und bereit sind, miteinander zu teilen – dann können wir auch glaubwürdig vom Brot des Himmels reden.

Das Brot der Erde und das Brot des Himmels. Beides gehört zusammen. Denn Leben, wirkliches Leben, ist doch so viel mehr als bloßes Überleben. Weil Menschen eben noch lange nicht satt sind, wenn der Magen nicht mehr knurrt. Dann spüren sie immer noch – oder erst recht – den Hunger der Seele, den Hunger nach Sinn und Gelingen, nach Liebe und Heil.

Fronleichnam ist ein Fest, das verbindet. Es verbindet Menschen mit Menschen. Es verbindet Menschen mit Gott. Und es verbindet die Erde mit dem Himmel. Amen

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