Gott spricht in der Wüste – 2. Adventssonntag C

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 3
1 Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene;
2 Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias.
3 Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündete dort überall die Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden,
4 wie im Buch der Reden des Propheten Jesaja geschrieben steht: Stimme eines Rufers in der Wüste: /
Bereitet den Weg des Herrn! / Macht gerade seine Straßen!
5 Jede Schlucht soll aufgefüllt / und jeder Berg und Hügel abgetragen werden. Was krumm ist, soll gerade, /
was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden.
6 Und alle Menschen werden das Heil Gottes schauen.

Autorin:
4f42d070Gabriele Thönessen, Gemeindereferentin in der Gemeinschaft der Gemeinden St. Servatius, Selfkant

 
Die Predigt:
Gott spricht in der Wüste

Liebe Leserin, lieber Leser,
ganz schön viele fremde Namen und Orte erwarten uns zu Beginn des heutigen Evangeliums. Von Kaiser Tiberius oder Pontius Pilatus hat man vielleicht schon gehört. Doch wer kennt schon Philippus und Lysanias? Und wo bitte liegt Ituräa, Trachonitis oder Abilene? Weshalb beginnt der Evangelist Lukas ausgerechnet so das dritte Kapitel seiner frohen Botschaft? Gewiss, er fügt seinen Bericht konkret in die Weltgeschichte ein und verdeutlicht damit, dass das, was er in seinem Bericht beschreibt, kein Mythos ist, sondern konkret in der Welt geschah.

Doch dahinter steckt noch mehr. Für uns ist das vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennbar, doch für den Leser oder die Hörerin vor 2000 Jahren war dies eine Einleitung, die aufhorchen ließ. Der Kaiser in Rom mit seinen Statthaltern war damals der weltliche Herrscher und Besatzer in den jüdischen Gebieten, die beiden Hohepriester die religiösen Führer der Juden in Jerusalem, die jedoch unter der Herrschaft Roms standen. Man musste also zur damaligen Zeit in den jüdischen Gebieten das Gefühl haben, dass alles von Rom kontrolliert und gesteuert wird.

Doch Lukas lenkt den Blick weg von Rom und Jerusalem, von Palästen und dem Tempel, hin zur Wüste. Die Wüste war der Ort, wo für das Volk Israel das Entscheidende und Wichtigste passiert war. Gott hatte die Israeliten, sein Volk, durch Mose durch die Wüste geführt, sorgte für sie und zog mit ihnen, gab ihnen die 10 Gebote. So bahnte er seinem Volk in der Wüste den Weg in die Freiheit und die Israeliten lernten Gottes Stärke, Fürsorge und Geduld kennen. Lukas erinnert so daran, dass Gott kein kriegführender Herrscher, Unterdrücker und Kontrolleur ist. Seine Macht zeigt sich anders. Und er regiert mitten in dieser Welt, erkennbar für alle, die sich auf ihn einlassen.

Die Wüste, das war der Ort der Gottesbegegnung. Diese Erfahrung hat sich in dem hebräischen Wort für Wüste – „midbar“- niedergeschlagen. Denn es heißt übersetzt: „Er sprach“. Ja, das war die Erfahrung der Menschen damals: Gott spricht in der Wüste zu uns. Dort, wo nichts ablenkt, wo es nur Sand, Steine und Stille gibt, da kann man Gottes Stimme hören. Wenn nun Johannes in der Wüste erwähnt wird, sagt Lukas damit: Aufgepasst! Gott hat seine Hand im Spiel. Es geht um Entscheidendes und Wichtiges für Euch.

In der Wüste, in der Stille und Einsamkeit, hört Johannes Gottes Ruf und Auftrag. So wurde er zum Rufer in der Wüste. Er zog in die Gegend am Jordan und predigte und taufte. Das sprach sich herum, und die Menschen kamen, um ihn reden zu hören und sich taufen zu lassen. Die Wüste im Heiligen Land ist eine bergige Steinwüste, nicht angenehm zu wandern. Berge und Hügel müssen erklommen, Schluchten und Wadis durchquert werden. Und Johannes greift dies auf, um den Menschen zu verdeutlichen, was er ihnen sagen will. Er zitiert den Propheten Jesaja, wenn er davon spricht, die Straßen zu ebnen, Berge und Hügel abzutragen und Schluchten aufzufüllen und das alles mit dem Ziel, sich auf das Kommen des Messias vorzubereiten und ihm einen Weg zu bahnen. Seine Botschaft lautet: Kehrt um und fangt neu an.

Viele Menschen heute erleben sich inmitten einer wüsten, unbequemen Zeit mit Bergen voller Fragen und Schluchten voller Ungewissheit. Klimakatastrophe, Terroranschläge, Corona-Pandemie lassen unsere Welt wüst erscheinen und verstellen den Blick. Und auch wenn es in Deutschland keine Sand- oder Steinwüste gibt, so macht jeder Mensch auch heute und hier – oft unfreiwillig – persönliche Wüstenerfahrungen. Durch eine Krankheit, Einsamkeit, Arbeitslosigkeit oder durch eine andere Krise erleben wir unsere eigene Wüstenzeit. Sie kann so hart und rau sein, wie die Predigt des Johannes, der seine Zuhörer sogar als „Schlangenbrut“ beschimpft. Doch es gibt in jedem Leben Dinge, die krumm und schräg sind. Dinge, die uns wie ein Berg im Weg stehen oder vor denen wir stehen wir vor einer tiefen Schlucht. Solche Zeiten können zum Segen für uns und andere werden, wenn wir diese Wüsten durchqueren, die Berge erklettern und die Schluchten durchwandern; wenn wir nicht aufgeben und in der Stille der leisen Gottesstimme in uns zuhören, der Stimme, die uns meist ganz konkret in Bewegung setzt.

Vielleicht schickt Gott uns auch einen „Johannes“, der uns die heilsame Wahrheit ins Gesicht sagt oder jemanden, der, wie Gott mit den störrischen Israeliten beim Exodus, mit uns durch die Wüste geht. Niemand liebt diese Zeiten. Sie sind unbequem, ungewiss und scheinen manchmal einfach nicht zu enden. Und meist erkennen wir erst im Nachhinein, wie heilsam die Wüstenzeit war, und wie nahe Gott in der Zeit war.

Ich möchte die Adventszeit als freiwillige Wüstenzeit nutzen, um mit adventlicher Hoffnung in der Stille Ausschau zu halten, nach Gottes Stimme in mir und um mich herum. Vielleicht gelingt es, abseits der Bequemlichkeit und Resignation in Bewegung zu kommen um Ihm – so gut ich es kann – einen neuen Weg zu mir und den Menschen um mich herum zu bahnen.

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