Heilend leben – Hochfest von Allerheiligen

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5
In jener Zeit
1 als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich und seine Jünger – und Jüngerinnen – traten zu ihm.
2 Er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach:
3 Selig, die arm sind vor Gott; / denn ihnen gehört das Himmelreich.
4 Selig die Trauernden; / denn sie werden getröstet werden.
5 Selig, die Sanftmütigen; / denn sie werden das Land erben.
6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; / denn sie werden gesättigt werden.
7 Selig die Barmherzigen; / denn sie werden Erbarmen finden.
8 Selig, die rein sind im Herzen; / denn sie werden Gott schauen.
9 Selig, die Frieden stiften; / denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
10 Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen ; / denn ihnen gehört das Himmelreich.
11 Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über mich redet um meinetwillen.
12 Freut euch und jubelt denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.

Autorin:
Greiner-Jopp Gabriele 2017Gabriele Greiner-Jopp, lebt in Wendlingen und war als Gemeindereferentin, Dekanatsreferentin und Beraterin tätig

 
Die Predigt:
Heilend leben

Liebe Leserin, lieber Leser,
wenn ich Sie nach Höhepunkten in Ihrem Leben fragen würde, nach sogenannten „Highlights“, was fiele Ihnen dann ein?

Sicher sind Erfahrungen und Erlebnisse dabei, die sie verändert haben und sicher sind die Highlights in der Erinnerung schnell wieder gegenwärtig. Nicht selten werden reale Bergsteigererfahrungen dabei sein. Das Erlebnis auf einem Berggipfel zu stehen, dem Himmel nahe zu sein, eine gute Aussicht zu haben und die Erde unter den Füßen zu spüren. Gipfelerfahrungen sind ein Glück, das viele Menschen mitnehmen in den Alltag und in die sogenannten „Mühen der Ebene“.

In der Bibel stehen Berge für besondere Gotteserfahrungen: Noah, Mose, Elija, sie alle begegnen dort Gott auf besondere Weise. Auch im Leben Jesu spielen Berge eine wichtige Rolle: in der Versuchungsgeschichte wird er auf einen Berg geführt, vom Berg der Verklärung geht es zurück ins Tal, in den Alltag und seine Botschaft vom Reich Gottes bzw. dem Reich der Himmel, wie es bei Matthäus heißt; zum Beten geht er oft in die Einsamkeit. Das Ende seines irdischen Lebens findet er auf dem Berg Golgota. Berge bergen Geheimnisse und ihre Höhlen bieten Schutz. Das hebräische Wort „Schwangerschaft“ und „Berg“ haben den gleichen Wortstamm.

Kein Wunder also, dass Jesus seine zentrale Lehre auf einem Berg verkündet. Den ersten Teil der Bergpredigt – die Seligpreisungen – hören wir jedes Jahr am Fest Allerheiligen. Aber hören wir sie gern? Wer von uns will wirklich zu den Trauernden gehören, zu den nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, zu den Geschmähten und Verfolgten? Vielleicht noch am ehesten zu denen die arm sind vor Gott, zu denen die barmherzig sind oder Frieden stiften. Und lockt uns heute wirklich der Lohn im Himmel noch? Sind wir nicht eher geeicht auf den Lohn hier und jetzt?

Fragen und Widerstände tun sich immer wieder auf, wenn ich diesen Text höre. Und doch: Er ist DIE zentrale Botschaft Jesu. Mit ihr beginnt er, nach der Berufung der Jünger, sein öffentliches Wirken im Matthäus-Evangelium und macht von Anfang an klar „was Sache ist“. Seine gute Botschaft ist ein neues Programm, das andere Maßstäbe setzt.

Matthäus formuliert die Seligpreisungen so, dass die Aktivität der Menschen betont wird; es braucht die Mitwirkung der Menschen. Ihrer Mitwirkung gilt die Verheißung selig zu werden. Er formuliert sie so, dass sie für alle Menschen – jederzeit und überall – gelten. Und er formuliert sie so, dass sie positiv bestätigen, was sich für die Menschen lohnt.

Bei Meinrad Limbeck, der Tübinger Bibelwissenschaftler der dieses Jahr leider verstorben ist, habe ich eine zeitgemäße Deutung der Seligpreisungen gefunden, die sie mir nähergebracht haben:

    Selig, die es fertigbringen, alles Loszulassen!
    Selig, die es aushalten, dass sie betroffen werden.
    Selig, die niemandem zur Last fallen und die ihre Ziele nicht mit Gewalt verfolgen.
    Selig, die Verlangen haben nach der Gerechtigkeit!
    Selig, die das Recht barmherzig anwenden!
    Selig, die keine böse Absicht haben!
    Selig, die zwischen verfeindeten Menschen Frieden schaffen!
    Selig, die verfolgt werden, weil sie gerecht handeln!
    Selig, die nur deshalb als Außenseiter beschimpft werden, weil es ihnen nicht genügt, nur Christen zu heißen, ohne wirklich meine Jünger zu sein!

„Wer zu solchem Handeln bereit ist,“ schreibt Meinrad Limbeck weiter, „dem gilt die doppelte Verheißung: Wer es fertigbringt, alles loszulassen und gerecht zu handeln, der wird dafür schon hier auf Erden ´mit dem Himmel` belohnt.“ *

Jesus preist also alle Menschen selig, die auf die Macht der Liebe setzen – wie Gott selbst – und auf jede Art von Gewalt verzichten. Wahrlich kein leichtes Programm! Das Gegenteil davon jedoch ist eine Welt voller Niedertracht, Hass und Gewalt und eine solche Welt ist die Hölle. Wir sehen es in unseren Tagen überall auf Welt.

Wer die Seligpreisungen mitgezählt hat, dem/der ist vielleicht aufgefallen, dass Jesus bei Matthäus 9x menschliches Verhalten seligpreist. (Beim Evangelisten Lukas sind es vier).In der Zahlensymbolik ist die Neun die potenzierte heilige drei. (3×3=9). Heilend in Potenz also können die Seligpreisungen sein, wenn sich Menschen danach richten. Deshalb macht die jährliche Lesung des Evangeliums an Allerheiligen Sinn für mich:
Am Fest Allerheiligen denken wir seit dem 8. Jahrhundert an alle Menschen, die ihr Leben danach ausgerichtet haben, zu leben, was heilend ist, was die Liebe mehrt, was Frieden stiftet zwischen den Menschen, was ein Stück weit den Himmel auf die Erde bringt. Alle diese Menschen, ob wir sie kennen oder nicht, konnten dies, weil sie auf eine größere Macht und Kraft vertraut haben als ausschließlich ihre eigene. Wir Christen nennen diese Kraft und Macht Gott. Welchen Namen ihr die Menschen in den verschiedenen Religionen geben ist nicht so entscheidend; entscheidender ist die Wirkung, die wir ihr zuschreiben.

An Allerheiligen erinnern wir uns und feiern auch, dass es zu allen Zeiten, in allen Völkern und in allen Religionen Menschen gab, aktuell gibt und geben wird, die heilend leben und deshalb heilig genannt werden können – Selig preist Jesus diese Menschen. Selig, wenn wir, immer wieder,mehr und mehr,zu ihnen gehören. Ein Highlight, oder der Himmel auf Erden auch das.
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*zitiert aus Meinrad Limbeck, Matthäus-Evangelium, Verlag katholisches Bibelwerk 1991, Seite 72f

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