Was ist das Wichtigste? – 31. Sonntag im Jahreskreis B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 12
In jener Zeit
28b ging ein Schriftgelehrter zu Jesus und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.
31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm,
33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
34 Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.

Autorin:
IMG_9831[1]Marita Rings-Kleer, Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Altenkessel-Klarenthal, Diözese Trier

 
Die Predigt:
Was ist das Wichtigste?

Liebe Leserin, lieber Leser,
eine große saarländische Brauerei hat in den letzten Jahren mit folgendem Plakat geworben: Zu sehen ist ein brennendes Haus, davor hat die Feuerwehr ein Sprungtuch ausgebreitet, Feuerwehrmenschen halten es stramm gespannt. Oben im brennenden Haus sieht man am hell erleuchteten Fenster einen Menschen, der einen Bierkasten auf das Tuch wirft, natürlich gefüllt mit Bierflachen eben jener bekannten Brauerei.
Darunter der Satz: „Das Wichtigste zuerst.“

Dieser Satz galt und gilt auch aktuell in Zeiten von Corona, in denen so viel getan wird, um uns Menschen gegen diese tödliche Krankheit zu schützen. Denn wir alle wissen: Gesundheit ist unser höchstes Gut.
Oder denken wir heute am Reformationstag an Martin Luther, der in Zeiten von Macht- und Geldgier in seinen Thesen andere Prioritäten setzte und neu „das Wichtigste“ formulierte. Was ist es nun, das „Wichtigste“? Bier, Gesundheit oder die Rückbesinnung auf den Glauben.

Jesus gibt im heutigen Evangelium die Antwort, eine kurze, knackige Antwort: Du sollst Gott lieben, von ganzem Herzen und mit all deiner Kraft und deinen Nächsten, wie dich selbst.

Das „Wichtigste“ ist also die Liebe. Nicht jenes Verliebtsein mit Schmetterlingen im Bauch, sondern eine Liebe, die so ist, wie der Apostels Paulus sie im Brief an die Korinther beschreibt:

    Die Liebe ist langmütig und sie ist gütig.
    Sie ereifert sich nicht, sie bläht sich nicht auf und prahlt nicht.
    Sie sucht nicht ihren Vorteil, ist nicht nachtragend und lässt sich nicht reizen.
    Sie freut sich nicht über Unrecht, sie erträgt alles und hält allem stand.
    Sie glaubt alles und hofft alles und sie hört niemals auf.
    Egal was ich tue und wenn ich Berge versetzen könnte und all meine Habe verschenkte, hätte aber die Liebe nicht, wäre alles nichts.

Die Liebe also das Wichtigste in der Welt, ohne sie ist nichts anderes wirklich wichtig. Doch so allgemein wie Paulus lässt Jesus seine Antwort nicht ausfallen. Er präzisiert:

    Du sollst Gott lieben,
    du sollst den Nächsten lieben,
    du sollst dich selbst lieben.
    Du „sollst“ es tun, nicht „du musst“.

Damit lässt er immer auch den Spielraum für die Ablehnung. Wie bei Menschen-Gesetzen üblich wird auch die Antwort Jesu in einer „Verordnung“ genauer beschrieben und diese „Verordnung“ sind die zehn Gebote.
Eigentlich sind es ja nur acht, die die „Basics“ darstellen, mit denen man ein gutes Zusammenleben der Menschen gestalten kann oder könnte. Auch die zehn Gebote folgen dem Schema „Gott-Nächster-ich selbst“
Die ersten drei Gebote beziehen sich auf meine Liebe zu Gott: Er ist der Einzige, ihn soll ich ehren, mindestens an einem Tag in der Woche, und seinen Namen soll ich nicht missbrauchen, schon gar nicht, um Böses damit zu vertuschen.
Die fünf anderen Gebote regeln unser Leben:
Die Eltern wertschätzen, nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, nicht ehebrechen.
Die Gebote neun und zehn sind Wiederholungen, um zu unterstreichen, wie enorm wichtig es ist, die Ehe nicht zu brechen und nicht zu stehlen.

Eigentlich, könnte man einwenden, sind diese Gebote doch ganz selbstverständliche Regeln des menschlichen Zusammenlebens. Eigentlich, ja. Aber ein Blick auf unendliche viele dicke Bücher voller Gesetzestexte belegen, dass dem nicht so ist, sondern dass die einfachen fünf Grundregeln des Zusammenlebens so einfach offensichtlich nicht zu halten sind, sondern vieler genauer Beschreibungen bedürfen. Und wer in unser menschliches Miteinander hinein sieht, kann das nur bestätigen. Macht- und Geldgier, Eifersucht, Neid, Wut, Missgunst, Beleidigungen bis hin zu psychischer und physischer Gewalt sind allgegenwärtig. Es wird gelogen und betrogen, was das Zeug hält.

Dass Gott dabei keine Rolle mehr spielt, ist selbstverständlich, von wegen: Ich bin der Einzige. Ein solcher Blitzlicht-Blick in unsere Zeit und Gesellschaft mag einen nun ernüchtern und traurig stimmen. Für die meisten unserer Mitmenschen gibt es eben „Wichtigeres“. Da liegt die Reklame der saarländischen Brauerei vielleicht gar nicht so falsch. Und doch gibt es auch noch all diejenigen, denen etwas anderes wichtig ist, sogar „das Wichtigste“. Denn es gibt sie immer noch, die Menschen, die sich an das wichtigste Gebot, an die wichtigste Grundregel unseres Zusammenlebens halten: Du sollst Gott lieben, mit ganzem Herzen und mit all deiner Kraft und deinen Nächsten, wie dich selbst.
Es gibt sie noch, die sich eben an die zehn Gebote halten.
Es gibt sie noch, die Glaubenden, die Gott einen festen Platz in ihrem Leben einräumen, im Gebet, in der Bibellektüre und auch im Gottesdienst.
Es gibt sie, die sich von unserem Gott leiten lassen, die sich seiner Führung anvertrauen.
Es gibt sie auch noch, all die anderen, die sich eben vom „Wichtigsten“, der Liebe, Menschenfreundlichkeit und Güte leiten lassen, wenn es um das menschliche Miteinander geht.
Und es gibt auch noch die, die zur Versöhnung bereit sind.

Wie Liebe ganz konkret geht, dafür gibt es kein Schema, das steht in keinem Buch, schon gar nicht in einem Gesetzestext. Liebe kommt immer von Herzen und agiert bzw. reagiert „von Herzen“. Deshalb hat Jesus Recht, wenn er die Grundvollzüge menschlichen Leben in nur einem Satz zusammenfasst und sagt: Das ist das Wichtigste.

Wer diesem Wichtigen folgt, ist immer auf der richtigen Spur. Auch, wenn der Weg vielleicht steiniger scheint und die „Pforte“ enger, der Weg bleibt dennoch der richtige. Die Zeit der Volkskirche ist vorbei, die Zeit, in der es einen gültigen Weg für alle gab. Heute ist jede und jeder selbst des Glückes Schmied und das fordert Reflektion und Bekenntnis. Ich soll und ich muss meinen Weg aussuchen, dabei die Prioritäten festlegen und die Konsequenzen tragen. Wer für sich das „Bier“ – um im Bild zu bleiben – als wichtig definiert, der muss auch damit umgehen lernen, als Alkoholiker zu leben. Wer die Liebe als das Wichtigste annimmt, der kann davon ausgehen, dass sein Leben eine gute und gütige Prägung hat, auch wenn die Herausforderungen und Schläge des Lebens damit nicht ausgeschlossen werden.

Die Liebe bringt einen ganz anderen Grundton ins Leben als Neid oder Eifersucht oder Gier. Oder, wie Paulus sagt: Egal was ich tue und wenn ich Berge versetzen könnte und all meine Habe verschenkte, hätte aber die Liebe nicht, wäre alles nichts. Wer liebt tut nicht nur das Wichtigste, sondern auch das „Richtigste“. Oder, wie Augustinus es formuliert hat: Liebe und tu, was du willst.

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