Frei sein in der Verbindung mit Gott – 32. Sonntag im Jahreskreis B

Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 12
In jener Zeit lehrte Jesus eine große Menschenmenge und sagte:
38 »Seht euch vor solchen Toragelehrten vor, die gern in langen Gewändern umhergehen, die Grüße auf den Marktplätzen ebenso lieben wie
39 Ehrenplätze in den Synagogen und bei den Mahlzeiten.
40 Sie verschlingen die Häuser der Witwen und beten zum Schein besonders lang. Sie werden einen umso schlimmeren Urteilsspruch empfangen.«
41 Jesus setzte sich im Tempel in die Nähe der Schatzkammer und beobachtete, wie das Volk Geldmünzen in die Schatzkammer warf. Viele Reiche warfen viel hinein.
42 Da kam eine bettelarme Witwe und warf zwei kleine Geldmünzen hinein, die nur wenig wert waren.
43 Da rief Jesus seine Jüngerinnen und Jünger zu sich und sagte zu ihnen: »Ja, ich sage euch: Diese bettelarme Witwe hat mehr als alle anderen in die Schatzkammer hineingeworfen.
44 Alle anderen haben aus ihrem Überfluss heraus gegeben, sie aber hat aus ihrer Armut heraus alles hineingeworfen, was sie besaß – ihren ganzen Lebensunterhalt. Damit hat sie ihr ganzes Leben Gott anvertraut.«

Autorin:
csm_Buddeus-Steiff_8da84cf3e5Elisabeth Buddeus-Steiff, Gemeindereferentin a.D., arbeitet als freiberufliche Organisationsentwicklerin, Pilgerbegleiterin, Coach und geistliche Begleiterin

 
Die Predigt:
Frei sein in der Verbindung mit Gott

Liebe Leserin, lieber Leser,
Jesus erlebe ich in dieser Perikope zu Beginn mal ganz anders als sonst. Er setzt sich im Tempel in die Nähe des Ein- bzw. Ausgangs, dort wo die Schatzkammer, das Opferkästchen steht. Und er beobachtet. Ja, er beobachtet. Kennen Sie das nicht? Wie schön es ist doch, im Sommer an einem Brunnen oder auf einer Bank in der Fußgängerzone zu sitzen, ein Eis zu schlecken und einfach nur Leute zu beobachten. Da können wir Studien betreiben. Nur durch wahrnehmen und nicht gleich bewerten.

Jesus nimmt auch wahr. Mir ist dabei nicht ganz klar, wie er denn genau sehen kann, wer wie viel hineinwirft. Meine Vorstellung davon ist, dass die Reichen mit den Geldscheinen gewedelt haben, damit man sieht, was gleich in der Schatzkammer verschwindet. Jede von uns kennt vielleicht auch Leute, die unbewusst bewusst einen Geldschein erstmal zeigen, bevor sie ihn spenden.

Bei der bettelarmen Witwe habe ich folgendes Bild vor Augen: Sie kommt vom Beten aus dem Tempel heraus, ist noch beseelt davon, dass sie im Gebet mit Gott Zuspruch und Zuversicht geschöpft hat. Sie spürt, dass es für sie viel schlimmer sein könnte, als es ist, weil sie Gottes Beistand erlebt. Dann steht sie vor dem Schatzkästchen und will ihr Glück teilen mit denen, die vielleicht noch ärmer sind als sie. Und dann fängt sie zu kramen an … in ihren Taschen und sonstigen Untiefen ihres Gewandes. Da findet sich tatsächlich etwas. Sie sagt sich, was solls, warum gibst du nicht alles, warum willst du etwas zurückbehalten, auch wenn es sinnvoll wäre? Sie hat doch gerade die Erfahrung gemacht, es geht um alles. Im Gebet hat sie gespürt, dass sie sich ganz von Gott angenommen fühlen darf, dass Gott sie ganz liebt, dass sie auf allen Wegen von Gott beschützt ist. Aus dieser Erfahrung heraus braucht sie nichts zurückhalten. Keinen Notgroschen aufheben. Ist das nicht ein Gefühl von Freiheit gerade in dieser prekären Situation?

Intellektuelle Menschen würden das als völlig unvernünftig einstufen. Menschen, deren Leben auf Kante genäht ist, haben wie oft schon die Erfahrung gemacht, du kannst im Grunde nichts festhalten, nichts bunkern, nichts aufheben für die Ewigkeit. Ist das nicht Freiheit? Oder eine romantische Vorstellung?! Nein! Das ist Jesu Botschaft. An wie vielen Stellen im Evangelium spricht Jesus davon: „Bau dir keine Scheunen für das Anhäufen von Vorräten, kein Schatz auf Erden kann sicher sein usw.“

Nicht etwas zurückhalten für schlechtere Zeiten, sondern im Jetzt leben – das ist für mich die entscheidende Botschaft des Evangeliums heute.

Wir, die wir diese Predigt hören oder lesen, sind vermutlich nicht in dieser bettelarmen Situation wie diese Witwe. Aber wir sind in unserem Lebenszusammenhang aufgefordert zu erspüren, was es für jede und jeden Einzelnen von uns bedeutet, nicht etwas zurückhalten, sondern frei geben, nicht zu verwechseln mit viel geben. Das ist ein großer Qualitätsunterschied. Bei mir selbst merke ich es immer dann, wenn ich mir sage, das ist jetzt unvernünftig, aber stimmig.

Wenn Jesus das Opfer der Witwe so preist, dann möchte er nicht vernünftiges Verhalten in den Vordergrund stellen, sondern eine neue, andere Haltung. Hab´ keine Angst, über deinen Schatten zu springen, wage auch etwas Unvernünftiges. Das findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern in der direkten Beziehung mit Gott, im Kontakt mit Gott. Wenn diese Verbindung stark ist, kannst du alles geben, dann gehst du nie unter, sondern wirst immer in Gottes Händen liebevoll beschützt.

Ich möchte mich der Witwe verbinden, weil sie mir in vielen Punkten meines Lebens voraus ist. Sie kann aus der Verbindung mit Gott leben und ihr Leben meistern. Jesus spricht: Damit hat sie ihr ganzes Leben Gott anvertraut.

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