Ruht ein wenig aus – 16. Sonntag im Jahreskreis B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 6
In jener Zeit
30 versammelten sich die Apostel, die Jesus ausgesandt hatte, wieder bei ihm und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.
31 Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen.
32 Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.
33 Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an.
34 Als er ausstieg sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.

Autorin:
Angela RepkaAngela Repka, Literaturübersetzerin in Offenbach, Ausbildungskurs zum Diakonat der Frau, diakonische Tätigkeit in der Pfarrgemeinde

 
Die Predigt:
Ruht ein wenig aus

Liebe Leserin, lieber Leser,
Sommer, Sonne, Ferienzeit. Raus aus dem Trott, aus dem Hamsterrad der Verpflichtungen, aus den Fängen von Pandemie und Isolation, zumindest ein Stückweit. Manche zieht es ans Meer, um den Blick über weite Wasserflächen bis an den Horizont schweifen zu lassen. Manche fahren in die Berge, um von Felsengipfeln in tiefe Täler zu schauen. Andere wiederum bleiben zu Hause, suchen sich ein lauschiges Plätzchen und blicken, auf einer Wiese liegend oder im Wald durch hohe Baumwipfel zum Himmel auf, hören Vögel zwitschern, Bienen summen. Überall ist Erholung möglich, kann man selbstvergessen ganz bei sich sein, mitten im Leben, ohne etwas tun zu müssen, und dankbar das Erreichte, aber auch das nicht Erreichte hinter sich lassen, still werden, vielleicht unversehens in Meditation und Gebet gleiten.

Work-life-balance heißt heute das Wort für eine effektive Zeit- und Arbeitsorganisation, wobei das Leben stets an erster Stelle stehen sollte. Es umfasst ja auch die Arbeit. Anstrengung und Entspannung, Aktivität und Ruhe gehören zusammen wie Ein- und Ausatmen. Wichtig ist auf Dauer ein gesunder Rhythmus, damit man im Alltag nicht ausbrennt und sich im Urlaub wirklich erholt.

Auch Jesus hat sich, wie wir in den Evangelien erfahren, immer wieder zurückgezogen, Stille und Einsamkeit gesucht, um zu sich zu kommen und neue Kraft zu schöpfen in Ruhe und Gebet. Im Markus-Text vom heutigen Sonntag kümmert er sich auch ganz fürsorglich um die Seinen, die gerade von ihrem ersten apostolischen Verkündigungsauftrag zurückgekehrt sind. Offensichtlich waren sie erfolgreich, denn die Leute drängen sich um sie, so dass sie nicht einmal Zeit zum Essen haben. Jesus sieht das und schickt die Leute weg, so wie er es immer wieder einmal tut.

Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus, sagt er. Wie wohltuend, so etwas aus seinem Mund zu hören! Da schwingen Anerkennung und Anteilnahme mit, das ist Zuwendung pur. Wie schön, einen solchen Lehrer und Meister zu haben! Jesus ist keiner, der zu Höchstleistungen antreibt, der seine Jüngerinnen und Jünger überfordert, um das Letzte aus ihnen herauszuholen. Er ist einfach menschlich, erkennt die Grenzen an – auch seine eigenen – und macht seine Nachfolgegemeinschaft eben dadurch stark. Ich stelle mir vor, dass sie bei ihrer Fahrt über den See ein paar Worte miteinander reden, einen Bissen essen und mal durchatmen konnten, dass ihnen schon allein das Zusammensein mit Jesus guttat.

Madeleine Delbrèl, diese moderne Apostelin und Mystikerin der Straße, die ganz einfach für die ihr begegnenden kleinen Leute da sein und Gott einen Platz in der Welt sichern wollte, spricht von „Tiefenbohrungen“. Damit meint sie kurze Augenblicke der Versenkung in Gott, die ihr mitten in der Hektik des Alltags neue Kraft geben. Etwas Ähnliches muss Jesus und den Seinen widerfahren sein, denn als sie an dem einsamen Uferplatz ankommen, wimmelt es dort von Rat und Hilfe suchenden Menschen, die aus den umliegenden Dörfern herbeigeströmt sind. Jesus klagt nicht, schimpft nicht, keiner murrt oder mault angesichts der Menschenmassen. Er habe bei ihrem Anblick Mitleid gehabt, heißt es, doch Mitleid ist hier und an den anderen Stellen, wo das griechische Verb „splanchnizesthai“ im Neuen Testament auftaucht – u.a. im Gleichnis vom barmherzigen Samariter -, ein zu schwaches Wort. Es geht um viel mehr: Jesus ist tief in seinem Innersten berührt, das Leid geht ihm an die Nieren, es brennt in seinen Eingeweiden. Das erwähnte Verb kommt von „splancha“, was Eingeweide, Bauch, auch Mutterschoß und Uterus bedeutet, ebenso mütterliches Erbarmen. Es ist ein existenzielles Mitgefühl, das aus dem Entstehungsort des menschlichen Lebens aufsteigt, welcher wiederum an die Quelle göttlichen Lebens gemahnt.

Hier finden sich die Wurzeln des seinerzeit (1978) von vielen als skandalös empfundenen, aber als besonderes Vermächtnis verbliebenen Ausspruchs des früh verstorbenen Papstes Johannes Paul I. über Gott: „Er ist unser Vater; noch mehr ist er unsere Mutter.“ Ja, G*tt ist unser Vater, sie ist unsere Mutter und noch viel mehr. Als Menschen brauchen wir Bilder, um andocken zu können, um bewegt zu werden, um uns nicht im Abstrakten zu verlieren. Heute gibt es unter Gläubigen schon ein weitverbreitetes starkes Bedürfnis, die Einseitigkeit eines patriarchalen männlichen Gottesbildes aufzubrechen – nicht nur bei Frauen. Aber wir wissen auch, dass kein Bild ausreicht, um GOTT zu fassen, und erinnern uns an das für Jahwe geltende biblische Bilderverbot.

An Jesus können wir sehen und lernen, worauf es ankommt. Das Wort „splancha“ kann auch mit „brennendes Herz“ übersetzt werden. Ein solches Herz treibt an zu handeln, mit Begeisterung, mit vollem Einsatz, mit Liebe, vor allem für die Armen, Unterdrückten und Leidenden, für die ganz unten Gelandeten, denen sich Jesus besonders zuwendet. Und er lehrte sie lange. Mit diesen Worten endet das heutige Evangelium. Aber damit ist noch längst nicht Schluss. Danach folgt nämlich das Wunder des gesegneten und geteilten Brotes, das 5000 Menschen satt macht und von dem noch reichlich übrig bleibt für andere. Gern erinnere ich mich hier an den alljährlichen Frühstücksbrunch beim Lisbeth-Treff im Saal unserer Pfarrgemeinde, zu dem die Bedürftigen mit selbst zubereiteten Speisen beitrugen, teils finanziert von Spenden einer Gottesdienstgemeinde. Wunderbare kleine Feste waren das für alle – und deshalb ganz groß.

Gebt ihr ihnen zu essen! fordert Jesus die Seinen damals auf – und heute uns. Nahrung für Leib und Seele. Das war ihm wichtig. Und die Ermutigung, dass selbst das wenige Verfügbare ein Segen ist und für alle reicht, wenn wir beginnen zu teilen. So können wir schon jetzt Leben in Fülle erfahren, ein Stück Himmel auf Erden.

Zum Schluss noch ein Gedicht, das ich Jesus, dem Lebendigen, gewidmet habe:

    Sehnsuchtslied

    Ich wäre gern das Stückchen Brot,
    das zärtlich du in Händen hältst.
    Ich wäre gern der Kelch mit Wein,
    der Schluck für Schluck durch deine Kehle rinnt.
    Ich wäre gern das liebevolle Wort,
    das unverhofft von deiner Zunge springt.
    Ich wäre gerne das Gewand,
    das kosend deine Haut berührt.
    Ich wäre gern die Luft,
    die dich umgibt und innerlich belebt.
    Ich wäre gerne deiner Augen Glanz,
    der Traum, wenn sie geschlossen sind.
    Ich wäre gern dein Ein und Alles,
    der Grund, den deine Seele liebt,
    der grünt und blüht und Früchte trägt
    und gibt.

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Eine Antwort auf Ruht ein wenig aus – 16. Sonntag im Jahreskreis B

  1. Angela Repka sagt:

    Heute kam die Antwort auf mein Lied, eine längere und eine kürzere. Die kürzere schreibe ich hier auf:

    Ich bin das Brot
    das zärtlich du in Händen hältst
    Ich bin der Kelch mit Wein
    den dankend du erhebst
    Nimm, iss und trink
    dass ich in dir lebendig werd
    und geh in Frieden
    Segen sei

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