Raus aus der Komfortzone – 15. Sonntag im Jahreskreis B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 6
In jener Zeit
7 rief Jesus die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister
8 und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel,
9 kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.
10 Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst.
11 Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter und schüttelt den Staub von euren Füßen, ihnen zum Zeugnis.
12 Und sie zogen aus und verkündeten die Umkehr.
13 Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.

Autorin:
Foto-SueSusanne Grimbacher, Pastoralreferentin in der Diözese Rottenburg-Stuttgart

 
Die Predigt:
Raus aus der Komfortzone

Liebe Leserin, lieber Leser,
manchmal frage ich mich, wie es wohl wäre, damals eine Jüngerin Jesu gewesen zu sein. Ich bin mir fast sicher: Als Jüngerin Jesu hätte ich es klasse gefunden: Wir wären so etwa zwanzig Leute, eine großartige Gruppe. Wir ziehen durchs Land, wir begeistern Menschen, wir kriegen hautnah mit, wie Jesus Wunder vollbringt, wir sind die, die zu ihm gehören. Wir organisieren unseren Alltag, wir unterstützen Jesus, wo es geht und unterstützen uns gegenseitig, wir brauchen sonst niemanden, denn wir haben Gottes Sohn unter uns. Und: Wir haben ja uns. Ich habe meine feste Gruppe, ich habe da meine feste Rolle, ich fühle mich da sicher und zuhause und weiß, wer ich bin und wo ich hingehöre. Ich bin da vollkommen in meiner Komfortzone. Ich bin mir ziemlich sicher: Als Jüngerin Jesu hätte ich es klasse gefunden.

Und Jesus schickt mich weg. Das ist es, was die Bibelstelle erzählt. Jesus sagt: „Geht los, heilt die Menschen, erzählt ihnen von Gott, nehmt nichts mit, kein zweites Hemd, kein Geld, keine Vorratstasche, ihr kommt schon durch.“
Und sie zogen aus.
Spannender finde ich, was die Bibelstelle NICHT erzählt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Jünger*innen einfach einverstanden waren: „Okay, wenn du das sagst, dann machen wir das mal. Wechselklamotten? Unnötig. Geld? Braucht ja keiner. Essen? Wird völlig überbewertet.“

Stellen Sie sich das mal vor. Diese Jünger*innen werden mit dem Auftrag Jesu völlig aus ihrer Komfortzone gerissen. Ich persönlich, ich hätte richtig Angst. Auf fremde Menschen zugehen? Ihnen eine Botschaft verkünden? Mit Ablehnung umgehen? Mich von Gottvertrauen ernähren?

Vielleicht ist es etwas radikal, wie Jesus hier vorgeht: Aber das Konzept funktioniert. Dass wir mehr als zweitausend Jahre später, mehr als zweitausend Kilometer vom Ursprungsort entfernt immer noch darüber reden, beweist es: Das Konzept funktioniert.

Wenn Menschen für eine Sache brennen und diese Begeisterung ausstrahlen, werden sie interessant für andere. Ich kenne das von mir selbst, wenn ich plötzlich völlig gebannt zuhöre, wenn jemand von Autoteilen oder Basketballspielern redet. Nicht, dass ich ein sonderlich großes Interesse an Automobilen oder Ballsportarten hätte. Aber wenn jemand für eine Sache brennt, dann übt das eine Anziehung auf mich auf. Ich habe mich gefragt, ob ich das mit dem Glauben auch so machen könnte. Und ich habe es ausprobiert.

Seit es pandemiebedingt wieder möglich ist, gehe ich gern alleine bouldern (kurzgesagt: klettern ohne Seil an niedrigen Wänden). Dabei kann man unglaublich gut neue Leute kennenlernen, indem man über den Sport ins Gespräch kommt. Ich habe also in den letzten Wochen öfter aktiv den Kontakt zu fremden Menschen gesucht. Meistens haben wir uns ganz gut unterhalten. Spannend wird es bei der Frage: „Was machst du beruflich?“ Dann sage ich: „Ich arbeite bei der Kirche.“ Und oft ist die erste Reaktion: „Äh okay, dann reden wir besser nicht über deine Arbeit.“
Doch. Wir reden darüber. Und jemand, der Kirche abgeschrieben hatte, aber mit Glaubensfragen hadert, sagt am Ende: „Okay, vielleicht ganz gut, dass wir drüber geredet haben. Spannend, wie du das siehst. Danke für deinen Input.“

Da hat jemand einen neuen Gedanken über Kirche bekommen, da hat jemand den Anreiz bekommen, den eigenen Glauben zu hinterfragen. Das heißt nicht, dass er nächsten Sonntag im Gottesdienst auftaucht. Aber drei Wochen später schrieb mir einer meiner ersten Bekanntschaften eine Nachricht: „Mir geht’s grad emotional nicht so gut. Kennst du jemanden, mit dem ich reden könnte? In der Kirche gibt es doch so Seelsorger oder wie die heißen?“

Das ist jetzt eine der Geschichten, bei der aus einer Zufallsbekanntschaft langsam eine Freundschaft wird. Es gibt auch die Begegnungen, in denen Menschen sagen: „Kirche? Glaube? Sorry, ich bin raus.“ Und sie drehen sich um und gehen, als hätten wir uns davor nicht eine halbe Stunde sehr gut unterhalten. Bevor ihnen klar war, dass ich Christin bin.

Und egal wie es läuft: Laut mein Christin-Sein zu bekennen verlangt mir einiges ab. Da bin ich weit, sehr weit entfernt von meiner Komfortzone. Dieser Sendungsauftrag Jesu fordert mich heraus. Ich frage mich auch immer wieder, wie ich ihm gerecht werden kann, ohne schräg rüberzukommen oder missionierend zu wirken.

Aber warum auf die Frage: „Was machst du am Wochenende?“ Nicht antworten: „Samstag fahre ich meine Nichte besuchen und Sonntagmorgen geh ich in den Gottesdienst.“ Manchmal habe ich das Gefühl, wir trauen unser Christ-Sein den Menschen um uns herum nicht zu. Warum geben wir ihnen nicht die Chance, da einzuhaken und zu sagen: „Ach krass, du gehst in den Gottesdienst? Glaubst du an Gott?“

Klar, das ist voraussetzungsreich, vor allem bei Menschen, die uns nicht gut kennen. Aber wir sind ja nicht allein. Jesus schickt die Jüngerinnen und Jünger zu zweit aus. Zu zweit. Nicht allein. Das ist wichtig. Denn: Wenn man sich aussetzt, wenn man die Komfortzone verlässt, braucht man ein Backup. Da braucht man jemanden in der Nähe, auf den man sich verlassen kann. Deshalb gibt es die Kirche, die Gemeinde, die Gemeinschaften. Da sind die Menschen, die den Glauben teilen. Deshalb gibt es die Möglichkeit, sich – jeden Sonntag – zu treffen. Um sich rückzuversichern, um Gemeinschaft und Heimat zu erfahren. Um dann wieder rauszugehen in eine Welt, die sich mit Glaube und Kirche schwertut. Um da auszuprobieren, wie Christ-Sein wirken kann.

Die Schlussworte im Gottesdienst „Gehet hin in Frieden“ lauten im lateinischen Original: „Geht! Ihr seid gesandt!“ Vielleicht möchten Sie das kommende Woche ja mal ausprobieren: Überlegen, was „Geht, du bist gesandt!“ für mich persönlich bedeutet und es vielleicht auch ausprobieren. Dass muss nicht die große Verkündigung sein. Das kann die einfache gute Tat sein. Finden Sie für sich heraus, was „gesandt sein“ bedeuten kann. Und seien Sie sich sicher: Bei allem was wir tun – wir sind nicht allein.

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