Glaubensstärke: Elisabet und Maria – Zum Fest Mariä Heimsuchung am 2. Juli

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 1
In jenen Tagen
39 machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa.
40 Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet.
41 Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt
42 und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.
43 Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?
44 In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.
45 Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.
46 Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn, /
47 und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
48 Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. / Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
49 Denn der Mächtige hat Großes an mir getan / und sein Name ist heilig.
50 Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht / über alle, die ihn fürchten.
51 Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: / Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;
52 er stürzt die Mächtigen vom Thron / und erhöht die Niedrigen.
53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben / und lässt die Reichen leer ausgehen.
54 Er nimmt sich seines Knechtes Israel an / und denkt an sein Erbarmen,
55 das er unsern Vätern verheißen hat, / Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
56 Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück.

Autorin:
burst Dr.theol. Rose Kaufmann lebt und arbeitet in Böblingen

 
Die Predigt:
Glaubensstärke: Elisabet und Maria

Liebe Leserin, lieber Leser,
im deutschsprachigen Liturgiekalender wird das Fest Maria Heimsuchung am 2. Juli gefeiert. Es ist die Oktav nach dem Fest Johannes des Täufers. Die kalendarische Einordnung verweist bereits auf den Inhalt des Festes. Der Evangelist Lukas berichtet von einem Besuch Mariens bei ihrer Kusine Elisabet, der Mutter Johannes des Täufers. Maria macht sich auf den beschwerlichen Weg zu ihrer Kusine, die wie sie selbst schwanger ist. In ihrem Heim sucht Maria die Verwandte auf.

Das „Ja“ Mariens zu einer außerehelichen Schwangerschaft hat sie zu einer gesellschaftlichen Außenseiterin gemacht. Mit ihrer Entscheidung hat sie sich klar gegen die geltenden Moral- und Sittengesetze ihrer Zeit gestellt. Was heute kein Aufsehen mehr erregt, war noch in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein Skandal und rechtfertigte es, die Mutter und ihr uneheliches Kind gesellschaftlich auszustoßen.
Maria weiß um die gesellschaftlichen Folgen ihrer Entscheidung. Doch sie versteckt sich nicht, sondern tritt eine beschwerliche Reise in das Bergland Judäas an. Allein, auf sich gestellt, tritt sie heraus und begibt sie sich auf einen Weg ins Ungewisse. Über die Absichten dieser Unternehmung verrät der Evangelist nichts, diese können wir nur vermuten.

Maria kommt im Hause des Zacharias an und begrüßt ihre Kusine. Wie wird diese wohl reagieren? Findet Maria den erhofften Rückhalt, den sie sich für ihre Entscheidung wünscht? Oder erntet sie Ablehnung, weil sie gegen alle Moral, Sittengesetze und Bräuche verstoßen hat. Muss Maria sogar damit rechnen, von ihrer Angehörigen hinausgeworfen zu werden, weil diese um ihren guten Ruf fürchtet?

Elisabet setzt ein beeindruckendes Zeichen. Erfüllt vom Heiligen Geist ruft sie mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Marias Erwartungen an Toleranz für ihre prekäre Lage, in die sie sich selbst gebracht hat, werden weit übertroffen. Da kommt kein halblautes und unentschiedenes: „Wenn du schon mal da bist, dann komm halt herein.“ Nein, es sind Segenswünsche, die Maria empfangen. Da ist jemand, der sich wirklich mit Maria solidarisiert. Da ist ihre Kusine, die ihr Gutes wünscht, sie mit offenen Armen annimmt, so wie sie ist, ihre Entscheidung begrüßt und mitträgt. Sie segnet Maria, obwohl ihr Tun in den Augen der Gesellschaft ganz und gar verwerflich ist.

Beide Frauen zeigen großen Mut. Sie setzen sich über die herrschende Moral hinweg. Sie gehen ihren eigenen Weg, sie besitzen die Kraft, zu sich selbst zu stehen. Willkommen geheißen von Elisabet antwortet Maria ihrer Kusine mit einer Lobpreisung des Herrn. Sie lässt uns teilhaben, an dem was sie trägt. Etwas das größer und stärker ist als alles menschengemachte Recht, alle Konvention, alle Moral, alle gesellschaftliche Ordnung. Es ist ihr unerschütterlicher Glaube an das Göttliche. Maria spricht das berühmt gewordene Magnificat, ein beeindruckendes Glaubensbekenntnis an die Wirkmacht des Göttlichen. Gott ist der Mächtige, der Großes vollbringt, der bestehende Verhältnisse umkehrt, die Mächtigen vom Throne stürzt und für Gerechtigkeit unter den Menschen sorgt.

Beide, Maria und Elisabet sind erfüllt von dieser göttlichen Kraft, die ihr Handeln bestimmt. Jedes mal wenn ich diese Passage des Lukasevangeliums lese, bin ich tief beeindruckt vom unerschütterlichen Glauben der beiden Frauen. Sie vertrauen auf die dynamische Kraft des Göttlichen. Dieser Glaube lässt sie stark sein gegen alle gesellschaftlichen Widerstände und persönliche Ausgrenzung.

Elisabet und Maria, die beiden großen Vorbilder im Glauben. Ein Glaube, der sie zu Taten der Gerechtigkeit befähigt. Maria ist die unmittelbar Handelnde. Durch ihr „Ja“ zum Heilsplan Gottes kann das Göttliche leibhaftig in die Welt kommen. Elisabeth ist ihre Unterstützerin. Durch ihr „Ja“ zu Maria zeigt sie sich solidarisch. Sie ist es, an der sich die gesellschaftlich gefallene Maria in ihrer Not aufrichten kann. Es ist Elisabet, die Maria in die Arme schließt und ihr die Herzlichkeit der Gemeinschaft zuteilwerden lässt. Sie ist es, die Gutes spricht über etwas, das in den Augen der Gesellschaft ganz und gar verwerflich ist.

Auch wir dürfen auf die Wirkmacht des Göttlichen vertrauen, die zu solidarischem Handeln inspiriert. Zeigen wir uns solidarisch mit Menschen, die wie Maria unsere Unterstützung, unser Willkommen, unseren Segen brauchen. Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen oder sich am Rande der Gesellschaft bewegen.
Nehmen wir uns Elisabet zum Vorbild:
Begrüßen wir Menschen, die als Minderjähre aus dem Kriegsgebiet Syrien geflohen sind, in der Hoffnung auf ein besseres Leben für sich in Deutschland.
Unterstützen wir kranke und von Demenz gezeichnete alte Menschen.
Sprechen wir unseren Segen über sich liebende Frauen- und Männerpaare, die zueinander Ja gesagt haben.
Ich wünsche Ihnen und mir die Glaubensstärke einer Elisabet.

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