„Ich habe mich nicht verhört“ – Zehn Jahre Frauenpredigten / Hochfest von Pfingsten B

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 15 und 16
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern
15,26 Wenn der Trost kommt, den ich euch von Gott schicken werde, die Geistkraft der Wahrheit, die von Gott ausgeht, wird sie für mich Zeugnis ablegen.
27 Auch ihr legt Zeugnis ab, weil ihr von Anfang an bei mir seid.
16,12 Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. 
13 Wenn aber jene kommt, die Geistkraft der Wahrheit, dann wird sie euch in alle Wahrheit führen, denn sie wird nicht von sich aus reden, sondern sie wird sagen, was sie hören wird, und euch das Kommende ankündigen. 
14 Sie wird meinen göttlichen Glanz aufstrahlen lassen, denn von dem, was mein ist, wird sie empfangen und euch verkünden. 
15 Alles, was Gott hat, ist mein. Deshalb habe ich gesagt: ›Von dem, was mein ist, empfängt sie und wird euch verkünden.‹

Autorin:
_MG_7932-web Birgit Droesser Birgit Droesser, Pastoralreferentin der Diözese Rottenburg-Stuttgart a.D., jetzt Pfarrgemeinderätin in St. Bruno Würzburg

 
Die Predigt:
„Ich habe mich nicht verhört“ – Zehn Jahre Frauenpredigten

Liebe Leserin, lieber Leser,
vor 10 Jahren, an Pfingsten 2011, haben wir diesen Predigtblog unserer Kirche zum Geschenk gemacht. Bis heute sind es 626 Predigten geworden, Grund genug, allen herzlich zu danken, die als Autorinnen Zeugnis abgelegt haben. Der Dank gilt ebenso Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, für Ihre Treue und Ihr Interesse. Sie tragen entscheidend mit dazu dabei, dass die Stimmen von uns Frauen auch in der katholischen Kirche gehört werden. Danke dafür!

Zehn Jahre sind eine winzige Spanne in der Geschichte der Kirche und doch hat sich in dieser Zeit vieles verändert. Auch wenn es für die Kirchenleitung offensichtlich ein zäher und schwieriger Prozess ist, das Thema der Frauen in der Kirche steht auf der Agenda und ist in der Mitte der Kirche angekommen. Dazu der Vorsitzende der Bischofskonferenz Georg Bätzing: „Die Thematik der Frau in der Kirche ist die dringendste Zukunftsaufgabe, die wir haben … Wir werden nicht mehr warten können, dass Frauen zu gleichen Rechten kommen.“( 4.3.2020)*1)

War vor 10 Jahren der „Dialogprozess“ ein erster Versuch, mit dem gerade aufgedeckten Missbrauchsskandal umzugehen, so ist jetzt der „Synodale Weg“ für viele die letzte Chance, dass die Kirche Wege aus der Krise findet und in der Gesellschaft wieder als positive Kraft wahrgenommen wird. Die Benediktinerin Sr. M. Philippa Rath schreibt dazu: „Man(n) wollte sich zunächst mit drei wesentlichen Themenbereichen beschäftigen: „Macht, Partizipation, Gewaltenteilung“, „Sexualmoral“ und „Priesterliche Lebensform“. Erst als das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) mit Vehemenz das Frauenthema auf die Agenda brachte und dabei leidenschaftlich von den Vertreterinnen der katholischen Frauenverbände und der Aktion Maria 2.0 unterstützt wurde, wendete sich das Blatt. Seither gibt es ein viertes Synodales Forum: „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche.“ – in dem Sr. Philippa mitwirkt.*2)

Seit rund 50 Jahren gibt es in Deutschland Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten, noch viel länger Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten. Frauen leiten Beisetzungen und Wortgottesfeiern. Sie predigen wie ihre männlichen Kollegen bei vielen Gelegenheiten, aber nicht in der Eucharistiefeier, von Ausnahmen abgesehen. In der aktuellen Pfingstausgabe titelt das Rottenburger Sonntagsblatt: „Wann dürfen Laien in der Messe predigen?“ – ich ergänze besonders die Frauen, denn ihre Auslegung der Heiligen Schrift fehlt in der Gemeinde. Während meiner 32 Jahre im Beruf war die Abhängigkeit von der Kirchenleitung, sprich dem leitenden Priester, eine prägende Erfahrung, die viele Frauen in ihren Berichten teilen. Mal „durfte“ ich in der Eucharistiefeier predigen, dann wieder nicht. Dies war für mich der Anlass, den Predigtblog zu starten. Ich wollte gegen die ständige Frustration etwas Positives setzen, einfach uns Frauen die Möglichkeit geben, wenigstens schriftlich das Wort Gottes auszulegen und zwar nicht nur zu bestimmten Frauenthemen, sondern wie im wirklichen Leben zu jedem Sonn- und Feiertag der Kirche. Das ist dank der Mitarbeit so vieler auch fast vollständig gelungen.

Manchen fällt das Predigen leicht. Für die meisten, wie auch für mich, ist es eine Anstrengung und Herausforderung, immer mit der Bitte um die Führung der Heiligen Geistkraft. Wenn aber der Wunsch, sich mit biblischen Texten auf die eigene Weise auseinanderzusetzen, wenn Begabungen nicht wahrgenommen, nicht abgerufen, nicht in Anspruch genommen werden, dann können sie sich auch nicht entfalten. Niemand bereitet zum Spaß eine Predigt vor, die dann von niemandem gehört wird.

Und da sind wir beim Thema der nicht wahrgenommenen Berufungen. Sr. Philippa hat in ihrem Buch mit dem Titel „Weil Gott es so will“ 150 Geschichten von Frauen gesammelt, die eindrucksvoll belegen, wie schmerzhaft der Prozess sein kann, den eigenen Berufungsweg in der Kirche zu finden und dann auch zu gehen, dieses Drängen und Sehnen, das sehr oft von niemandem ernst genommen wird. Immer ist da der für fast alle so typische Gedanke: darf ich das überhaupt? Eine Frau, 56 Jahre alt und Mutter von vier Kindern, ehemalige Gymnasiallehrerin, die schon lange den Wunsch hatte, Diakonin zu werden, schreibt in ihrem Beitrag: „Am 7. April (2019) teilte mir Frau Kobusch (Vorsitzende im Netzwerk Diakonat der Frau, B.D.) mit, dass ich Teilnehmerin des 3. Diakonatskreises sein werde, was mir ein weiteres Mal neben der tief empfundenen Freude eine Bestätigung war, dass ich mich vor neun Jahren nicht verhört habe und dass Gott mich diesen Weg führt.“*3)

Das ist für mich der entscheidende Punkt in der ganzen Debatte über die Stellung von uns Frauen was die Ämterfrage betrifft. Wir haben uns nicht verhört, als wir den Weg in einen kirchlichen Beruf eingeschlagen haben, der bis jetzt auf die Zweitrangigkeit festgelegt ist. Obwohl es die Denkmöglichkeit lange gar nicht gab, wissen sich Frauen auch zur Priesterin berufen.

Nein, auch die Priester haben sich nicht verhört, die ihrer Liebe wegen das Amt aufgeben mussten. Ihr Schicksal ist mit dem von uns Frauen nach meiner Meinung eng verknüpft, aber das wäre nochmal ein neues Thema.

An diesem Pfingstfest bitte ich ganz besonders die Geistkraft Gottes, dass sie uns in die Wahrheit führt, mit anderen Worten, dass sie uns als Kirche zeigt, was Gott von uns heute will, und dass die Angst vor echten Reformen überwunden wird. Amen

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Philippa Rath (Hg.), „Weil Gott es so will“, Freiburg 2021
*1) am angegebenen Ort S. 12
*2) am angegebenen Ort S.12
*3) am angegebenen Ort S. 130
Anstatt eines Vorworts setzt Sr. Philippa drei Texte heiliger Frauen. Einen davon drucke ich hier ab:

    Teresa von Avila (1515-1582)
    Du, Herr meiner Seele, dir hat vor den Frauen nicht gegraut, als du durch diese Welt zogst, im Gegenteil, du hast sie immer mit großem Mitgefühl bevorzugt und hast bei ihnen genau so viel Liebe und mehr Glauben gefunden als bei den Männern, denn es war da deine heiligste Mutter, durch deren Verdienste – und weil wir ihr Gewand tragen – wir das verdienen, was wir wegen unserer Schuld nicht verdient haben. Reicht es denn nicht, Herr, dass die Welt uns einpfercht und für unfähig hält, in der Öffentlichkeit auch nur irgendetwas für dich zu tun, was etwas wert wäre, oder es nur zu wagen, ein paar Wahrheiten auszusprechen, über die wir im Verborgenen weinen, als dass du eine so gerechte Bitte von uns nicht erhörtest? Das glaube ich nicht, Herr, bei deiner Güte und Gerechtigkeit, denn du bist ein gerechter Richter und nicht wie die Richter dieser Welt, die Söhne Adams und schließlich lauter Männer sind und bei denen es keine Tugend einer Frau gibt, die sie nicht für verdächtig halten.
    O ja, mein König, einmal muss es doch den Tag geben, an dem man alle erkennt. Ich spreche nicht für mich, denn meine Erbärmlichkeit hat die Welt schon erkannt, und ich bin froh, dass sie bekannt ist, sondern weil ich die Zeiten so sehe, dass es keinen Grund gibt, mutige und starke Seelen zu übergehen, und seien es die von Frauen.
    (Weg der Vollkommenheit 4,1)
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2 Antworten auf „Ich habe mich nicht verhört“ – Zehn Jahre Frauenpredigten / Hochfest von Pfingsten B

  1. Utta sagt:

    Liebe Birgit,
    danke für die Zeilen – danke allen, die dabei sind – danke für die Initiative – danke für die Ausdauer und Motivation. Als Schreiberin und Leserin ist dieser Blog für mich ein Hoffnungszeichen und Kraftquelle. Auf dass es hilft, einschränkende Grenzen zu überwinden.
    LG Utta

  2. Gabriele sagt:

    Diesen wahren Worten von Utta schließe ich mich sehr gerne an!
    Gabriele

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