Vom Unglücksboten zum Umkehrboten – 3. Sonntag im Jahreskreis B

Erste Lesung aus dem Buch Jona, Kapitel 3
1 Das Wort des HERRN erging zum zweiten Mal an Jona:
2 Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, der großen Stadt, und rufe ihr all das zu, was ich dir sagen werde!
3 Jona machte sich auf den Weg und ging nach Ninive, wie der HERR es ihm befohlen hatte. Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren.
4 Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört!
5 Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an.
10 Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er tat es nicht.

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 1
14 Nachdem Johannes ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes
15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!
16 Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihre Netze auswarfen; sie waren nämlich Fischer.
17 Da sagte er zu ihnen: Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.
18 Und sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach.
19 Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her.
20 Sogleich rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.

Autorin:
Utta Hahn (2)Utta Hahn, Gemeindereferentin, Dekanatsreferentin in Schwäbisch-Hall

 
Die Predigt:
Vom Unglücksboten zum Umkehrboten

Liebe Leserin, lieber Leser,
jede Kinderbibel erzählt die Geschichte von Jona, dem Unglückspropheten, der meint, Gottes Ruf davonlaufen zu können, der einsieht, dass das nicht geht, sich seinem Schicksal fügt, Unglück vorhersagt, wartet, dass es kommt und zornig wird, weil es nicht kommt, bis er schließlich einsieht, dass Gott immer anders ist. Ein richtiger Unglücksrabe.

Einerseits, so sagt uns die gängige Auslegung, gewinnt der Mensch Einsicht, dass Gott weitersieht als wir das uns vorstellen können, aber gleichzeitig tauchte für mich immer auch die Frage auf, warum Jona „so schlecht wegkommt“. Wird er von Gott instrumentalisiert?

Gehen wir kurz einen Schritt zurück. Jona ist Prophet. Einer von den zwölf kleinen Propheten des Ersten Testaments. Die heißen klein, weil die Texte kürzer sind, nicht weil sie weniger bedeutend wären.

Jona ist also einer der kleinen Propheten, einer, der nicht eine „Lehre“ verkündet, sondern eine Botschaft lebt, wie etwa auch Amos oder Hosea. Es ist an uns, dem nachzuspüren, welche Botschaft für uns in seinem Leben, seinem Handeln steckt.

Jona erscheint uns am Anfang der Geschichte als ein klar denkender Mensch, der seine Gottesbeziehung reflektiert und ebenso die Gesellschaft, in der er lebt. Und er will nicht nach Ninive gehen, als er von Gott den Auftrag erhält, vielleicht, weil er vom Ende her denkt, dass Gott diese Drohung der Zerstörung „ja doch nicht durchziehen wird, weil er ja so gütig und voller Nachsicht ist“; weil er vielleicht Angst hat, dass Gott sich von reuigen Worten „um den Finger wickeln lässt“.

Jona möchte gerne ein „Entweder – Oder“ ; er will Verlässlichkeit, Planbarkeit.
Entweder Ansagen – Ausführen –
oder gar nicht erst ansagen und alles so belassen wie es ist.

Aber dann kommt die Krise. Für Jona kommt die Krise, nicht für Ninive und nicht für Gott. Jona gerät in einen Strudel, landet in dunkelster Tiefe und erfährt das Geschenk des „Wieder-Auftauchens“ – manche vergleichen die drei Tage im Bauch des Wales mit den drei Tagen Jesu im Grab. Auf jeden Fall erfährt Jona, dass er nicht aus der Beziehung zu Gott herausgefallen war – dass am Ende nicht alles aus ist, dass es eine weitere Chance gibt. Und Jona ergreift die Chance. Das fühlt sich an wie Um-kehr – nicht zurückgehen, sondern ANDERS WEITERGEHEN. Und Jona bleibt nicht am Strand sitzen, sondern steht auf und geht.

Und hier fängt der Text heute an – Gott spricht zum zweiten Mal zu Jona […] und Jona geht nach Ninive. Jona geht hin und verkündet Gottes Wort.

Eigentlich verkündet er ihr Unglück. Eigentlich ist er ein Unglücksbote. Eigentlich scheint es aussichtslos, dass eine ganze Stadt, eine ganze Gesellschaft sich verändern kann, anders weitermachen als bisher.

Eigentlich…

Wie kommt es, dass er Gehör findet?

Die Stadt sei eine große Stadt vor Gott sagt uns der Text. Wann ist eine Stadt groß vor Gott? Wenn viele Menschen dort leben? Wenn viele Häuser und vielleicht Tempel dort stehen? Wenn sie wichtig im Spiel der Mächte, der Königreiche ist? Drei Tage brauchte man, um sie zu durchqueren – drei Tage – wie drei Tage im Bauch des Fisches. Und Jona geht einen Tag lang in die Stadt hinein. Er begibt sich mitten hinein – in die tiefsten Tiefen der Stadt – bis in ihren innersten Kern – bis in ihr Herz.

Und das Wunder ist: Die Leute hören ihm zu. Da hören sie Worte, die sie im Herzen berühren. Offensichtlich spüren sie: Da spricht einer, der meint es ernst. Und sie kehren um – und gehen anders weiter.

Vielleicht werden aus den Unglücksworten dann Umkehrworte, wenn sie dort ankommen, wo Menschen sich im Herzen angesprochen fühlen. In ihrem innersten Wesen, in ihrem Selbst.

Jona hat das selber erfahren – und hat die Kraft erfahren, die ihn hat aufbrechen lassen. Und er hat andere Menschen – eine ganze Stadt berühren können, damit sie Kraft schöpfen und neu aufbrechen konnten. Sie konnten wirklich umkehren.

Jona und Ninive sind Mutmacher, dass diese Erfahrung von Hoffnung, Kraft, Neuanfang, Umkehr, neuen Chancen und lebendigem Leben möglich sind. Vielleicht immer wieder, vielleicht genau dann, wenn wir es am wenigsten erwarten.

Ja, Jona ist für mich kein Unglücksbote und Ninive ist keine verlorene Stadt – böse und voller Sünde, die Zerstörung verdient.

Jeder Ort, jeder Mensch ist es wert, dass er besucht wird, dass zu ihm gesprochen wird, dass er sich im Herzen berühren lassen kann. Jeder ist groß vor Gott.

Wenn Jesus sagt: Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium. Sind wir dann nicht wie Jona? Beschenkte, die selber umkehren und dann loslaufen können? Diese Kraft, dieser Mut, diese Hoffnung – die sei mit Ihnen.
Amen.

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2 Antworten auf Vom Unglücksboten zum Umkehrboten – 3. Sonntag im Jahreskreis B

  1. Maria sagt:

    Umkehren als anders Weitergehen .Danke für diese Interpretation.

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