Von guten und schlechten Hirten – 4. Sonntag der Osterzeit A

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 10
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
In jener Zeit sprach Jesus:
1 »Amen, amen, ich sage euch: Diejenigen, die nicht durch die Tür in den Hof der Schafe hineingehen, sondern von woanders her einsteigen, sind Diebe und Räuberinnen.
2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist Hirtin oder Hirte der Schafe.
3 Diesen öffnet der Türhüter, und die Schafe hören ihre Stimme, und sie rufen die eigenen Schafe mit Namen und führen sie hinaus.
4 Wenn sie die eigenen Schafe alle herausgeholt haben, gehen sie vor ihnen her und die Schafe folgen ihnen, weil sie ihre Stimme kennen.
5 Anderen aber folgen sie auf keinen Fall, sondern sie fliehen vor ihnen, weil sie die Stimme der anderen nicht kennen.«
6 Dieses Gleichnis erzählte Jesus ihnen, sie aber verstanden nicht, was das bedeutete, was er ihnen gesagt hat.
7 Daraufhin sagte Jesus: »Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür für die Schafe.
8 Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuberinnen; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.
9 Ich bin die Tür; alle, die durch mich hineingehen, werden gerettet werden und hineingehen und hinausgehen und Weide finden.
10 Diebische Menschen kommen nur um zu stehlen und zu töten und zu vernichten. Ich bin gekommen, damit alle Leben und Überfluss haben.

Autorin:
Passfoto A.R.Angela Repka, Offenbach, Literaturübersetzerin, verheiratet, zwei Söhne, vier Enkelkinder, Ausbildungskurs zum Diakonat der Frau, diakonische Tätigkeit in der Pfarrgemeinde

 
Die Predigt:
Von guten und schlechten Hirten

Liebe Leserin, lieber Leser,
es gibt sie noch da und dort, Hirten und Hirtinnen, die bei Wind und Wetter mit ihren Schafherden durch die Gegend ziehen, aber der Beruf ist bei uns vom Aussterben bedroht. Immer weniger Weiden lassen sich in den zersiedelten Landschaften finden, immer weniger wird für die Wolle der Tiere gezahlt, immer seltener finden sich Menschen, die genügend Kraft, Ausdauer und Leidenschaft für diesen schönen, aber auch schweren alten Beruf aufbringen. Uns sind meist nur romantisierende Vorstellungen geblieben, und die Redensart vom dummen Schaf.

Zur Zeit Jesu war das anders. Schafherden und die sie Hütenden gehörten zum Bild des alltäglichen Lebens. Die Tiere waren wertvoll, weil sie mit die Lebensgrundlage der Menschen sicherten. Der Verlust eines Schafes konnte existenz-gefährdend sein und wer viele Schafe besaß, war reich. Als Hirten wurden in Israel von alters her aber auch die geistlichen und politischen Führungseliten bezeichnet, denen die Sorge für das Volk anvertraut war.

Wenn Jesus im Evangelium vom heutigen Sonntag im Streit mit den Pharisäern dieses starke Bildwort verwendet, beweist er nicht nur Bodenständigkeit, die ihn mit dem einfachen Volk verbindet. Gleichzeitig fordert er mit seinen Ansagen die Gesellschaft bis in ihre höchsten Spitzen heraus, denn er berührt die Frage von Führungsmacht und deren Legitimität.

Wie schon der Prophet Ezechiel warnt Jesus vor Führern, die das Volk missachten und nur ihren eigenen Vorteil suchen. Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden (…) Die schwachen Tiere stärkt ihr nicht, die kranken heilt ihr nicht, die verletzten verbindet ihr nicht, die verscheuchten holt ihr nicht zurück, die verirrten sucht ihr nicht und die starken misshandelt ihr. (Ezechiel, Kapitel 34,2b.4) Er entlarvt sie als Eindringlinge, die nur stehlen und rauben wollen, oder als bezahlte Hilfskräfte, denen die Schafe egal sind und die bei der ersten Herausforderung alles hinschmeißen.

Bei Ezechiel kündigt Gott angesichts der vorgefundenen Missstände an: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern. (Ez 34,11b) Und in genau dieser Spur sehen wir Jesus gehen, hier verwirklicht er seine ihm von Gott anvertraute Mission. Er ist der gute Hirt, der legitime Hüter der Herde, den die Wächter durch die Tür in den Stall einlassen, der seine Schafe kennt und sie einzeln beim Namen ruft. Und diese kennen seine Stimme, sie vertrauen ihm und folgen ihm hinaus, weil sie wissen, dass er sie auf saftige Weiden und an klare Wasser führt, dass er sie beschützt und rettet, wenn Gefahren auftauchen.

Von unbelehrbaren Amtsautoritäten, die ihn infrage stellen, selbst wenn er wie kurz zuvor Blindgeborene heilt, und ihn aus dem Weg räumen wollen, lässt er sich nicht aufhalten, denn er folgt der dynamischen göttlichen Kraft, die in ihm wirkt und Verkrustungen aufbricht. Neue, ungewohnte Wege tun sich auf, wenn wir durch die Tür gehen, die Jesus selber ist. Sie künden von der Fülle des Lebens, die Jesus verheißt, vom „Wohl schaffenden Gutsein Gottes“ (Luise Schottroff), an dem wir schon hier auf Erden anfanghaft teilhaben dürfen.

Wie verletzlich wir als einzelne und als Gesellschaft sind und wie dringend wir gute Hirtinnen und Hirten brauchen, erfahren wir gerade jetzt im Shutdown der Corona-Krise hautnah. Lassen wir uns in diesen schwierigen Zeiten, in denen plötzlich vieles weggebrochen ist, inspirieren und leiten vom guten Hirten Jesus Christus, den weder Tod und verschlossene Türen noch sonst etwas davon abhalten können, uns tröstend und stärkend nahe zu sein. Bleiben wir auch zusammen im Gebet.

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