Der Himmel steht uns offen – Christi Himmelfahrt

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 24
46 In jener Zeit sprach Jesus zu seinen – Jüngerinnen und – Jüngern: So steht es in der Schrift: Der Messias wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen,
47 und in seinem Namen wird man allen Völkern, angefangen in Jerusalem, verkünden, sei sollen umkehren, damit ihre Sünden vergeben werden.
48 Ihr seid Zeugen dafür.
49 Und ich werde die Gabe, die mein Vater verheißen hat, zu euch herabsenden. Bleibt in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet.
50 Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie.
51 Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben;
52 sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück.
53 Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott.

Autorin:
C-Bettin-komprimiert-200x300Christina Bettin, Gemeindereferentin in der Gemeinschaft der Gemeinden Mönchengladbach – Süd im Bistum Aachen

 
Die Predigt:
Der Himmel steht uns offen

Liebe Leserin, lieber Leser,
mir geht es so, dass ich bei dem Festnamen „Christi Himmelfahrt“ sofort Bilder im Kopf habe. Eine szenische Bildergeschichte sogar, wie dort Jesus mit seinen Freundinnen und Freunden auf einen Berg oder Hügel steigt. Erst sagt er ihnen noch Wesentliches als Vermächtnis und dann fährt er in den Himmel auf, ähnlich wie im Theater, wie an Seilen empor gezogen. Aus einer Wolke schauen vielleicht noch kurz seine Füße heraus, dann ist er ganz verschwunden. Vielleicht bleiben unten am Boden noch seine Sandalen stehen. Und erst der Engel lenkt den Blick der Jüngerinnen und Jünger in eine andere Richtung…Solche Bilder entdecke ich in der klassischen Kunst, in Perikopenbüchern oder auf den Gemälden von Hochaltären. Und ganz intensiv habe ich sie aus der Kinderbibel, bzw. meinen eigenen Zeichnungen aus dem Religionsunterricht der Grundschulzeit vor Augen, denn wir haben so ziemlich jede biblische Geschichte in Bilder umgesetzt. Ich hatte als Grundschülerin wirklich meine wahre Freude daran.

Doch die Perikope von der Himmelfahrt Jesu meint alles andere als eine wirkliche biblische Szene. Sie steckt im Lukasevangelium und auch in der Apostelgeschichte voller Theologie. – Matthäus und Johannes berichten nichts davon und auch bei Markus wird die Aufnahme in den Himmel nur recht knapp erwähnt. –

Bei Lukas erscheint der Auferstandene zwei Jüngern beim Gang nach Emmaus und beim gemeinsamen Mahl, und hinter verschlossenen Türen im Kreis der Vertrauten in Jerusalem. Er gibt sich zu erkennen, gibt letzte Unterweisungen und Ermahnungen, stärkt seine Jüngerinnen und Jünger noch einmal in der Mahlgemeinschaft, kündet ihnen das Kommen des Heiligen Geistes an und führt sie dann nach draußen, wo er sie segnet und schließlich in den Himmel emporgehoben wird. So ist die Himmelfahrt zeitlich ganz nah am Ostergeschehen. Es geht um unfassbar Neues: die bekannten Vorstellungsschemata werden gesprengt; der Tod hat nicht das letzte Wort; der Himmel steht uns offen. Es gibt mit der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu eine lebendige Verbindung zwischen Himmel und Erde. Von hier geht der Auftrag zur Nachfolge und zur Zeugenschaft aus.

Das Geschehen ist bei Lukas nicht nur in ganz zeitlicher Nähe zu Ostern; es spielt sich auch noch am selben Ort, in Jerusalem ab. Jerusalem steht dabei für das Zentrum der damaligen Macht, sowohl der religiösen Macht, als auch für den Sitz der römischen Repräsentanz, der staatlichen Gewalt. Hier, und nicht abseits im Verborgenen, ereignet sich das Gewaltige. Von hier aus sendet und beauftragt Jesus die Seinen in alle Welt.

Erst in der späteren Apostelgeschichte kommt die Zahl „40 Tage nach Ostern“ mit ins Spiel, wo das Fest noch heute terminiert ist. 40 Tage dauern die Erscheinungen des Auferstandenen an. Seine Abschieds- und Vermächtnisworte bilden gleichsam eine Zusammenfassung und Verdichtung der Botschaft Jesu. Er schwört seine Jüngerinnen und Jünger auf ihre große Aufgabe ein, denn nun ist ihre Zeit gekommen. Die Berufung zur Nachfolge wird ernst. Die Zahlensymbolik, die sich um die 40 als Heilige Zahl rankt, die uns sowohl im Alten wie im Neuen Bund begegnet, bildet eine Klammer und unterstreicht noch einmal das Auferstehungsmotiv von Ostern.

Und was hat diese Theologie nun übersetzt mit mir zu tun? Können die anfangs beschriebenen Bilder eventuell doch hilfreiche „Übersetzungsarbeit“ leisten? Oder lenken sie ab? Dazu möchte ich gerne unseren Blick auf das Brauchtum lenken, das sich um dieses Fest rankt. Wie steht es damit? Gibt es mir Anhaltspunkte, was die Himmelfahrt Jesu mit meinem Leben zu tun hat?

In meiner Gemeinde wird an diesem Tag Gottesdienst unter freiem Himmel gefeiert. Draußen unter freiem Himmel, da fühlt es sich anders an, mit allen Sinnen dem Himmel näher. Wir Menschen sind ja sinnenhafte Wesen, wenn wir uns persönlich dafür öffnen können. Ein schwerer „Sachverhalt“ geht dann ganz anders unter die Haut, wenn man ihn erspürt hat. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, doch während eines Gottesdienstes das Blau des Himmelszeltes über mir zu sehen, belebenden Wind auf der Haut zu spüren, das erschließt mir das Fest schon jenseits aller Worte. Noch dazu tun wir es vor Ort in einer Ökumenischen Feier. Auch die Gemeinschaft der beiden Konfessionen bewegt mich an diesem Tag in besonderem Maße. Mir ist es wichtig, verschiedene Anlässe im Jahreslauf in Verbundenheit zu erleben. So öffnet sich der Himmel über alle Gläubigen.

Zum traditionellen Brauchtum gehört auch, dass vielerorts ein Segen für die Natur erbeten wird. Wir erwarten das Gute von oben, aus dem geöffneten Himmel. Das soll uns nicht aus unserer Verantwortung entlassen, denn wir tragen nun wirklich selbst viel dazu bei, wie es in unserer Umwelt zugeht. Wir Menschen beeinflussen den natürlichen Kreislauf in erheblichem Maße, leider oft mit äußerst negativen Folgen und Verstrickungen. Die Blickrichtung nach oben kann den Technikgläubigen der heutigen Zeit den ursprünglich vertrauensvollen Blick der Dankbarkeit zurückbringen, dass vieles eben doch nicht machbar ist und im letzten Geschenk bleibt. Von Gott her ist diese Erde erschaffen und er sah sie nach seinem Schöpfungswerk liebevoll an: und siehe, alles war sehr gut. Diese Sehnsucht nach einem paradiesischen Zustand drückt sich für mich im Blick nach oben aus und gehört zum Charakter dieses Festtages.

Gesellschaftlich hat sich ein neues Brauchtum um den populären Namen „Vatertag“ breit gemacht. Ehrlich gesagt, wollte mein Papa das so nie hören. Er fand, dass diese Verweltlichung, nämlich das Fest auf die biologischen Väter zu beziehen, denn Sinn verfehlt. Mein Vater hat sich stets von den Männertouren distanziert, die an Christi Himmelfahrt mancherorts mit „klassischen“ Besäufnissen enden und für Familien alles andere als erbaulich sind. Mein Vater hat vielmehr versucht, uns Kindern an diesem Tag den Blick hin zu weiten auf den Himmlischen Vater. Jesus geht zu seinem Vater, das meint zu Gott im Himmel. Er ist unser aller Vater! So ist es für mich bis heute. Nur mit dieser Deutung rechtfertigt sich der Titel „Vatertag“ für das heutige Fest.

Was also kann es uns sagen? Der Blick auf den himmlischen Vater ist bei mir haften geblieben, und dass Jesus, sein Sohn, Nähe zu ihm sucht, bzw. eine enge Beziehung zu ihm hat.
Der Blick weitet sich, hebt sich und rückt auch mich in die Nähe zum himmlischen Vater. Die Himmelfahrt Christi eröffnet den Weg dahin. Die nostalgischen szenischen Bilder meiner Kindheit verblassen mehr und mehr, denn mir ist inzwischen längst klar, dass es bei „Himmelfahrt“ vielmehr um eine Lebensweise geht, eben Gutes von oben zu erwarten, den Blick ruhig auch mal zum Himmel emporzuheben und etwas vom himmlischen Glanz in unser irdisches Dasein herab kommen zu lassen. Und immer ist es auch Geschenk. Wir können oder müssen uns den Himmel nicht verdienen. Jesus hat ihn vielmehr durch sein Leben geöffnet und hält ihn offen. Das darf Grund zu tiefer Freude sein und unserem Leben zu jeder Zeit Hoffnung geben.

„Der Himmel geht über allen auf“, das könnte mein „Ohrwurm“ an diesem Tag werden. Froh singend lockt es mich, lockt ER mich unter den freien Himmel, und es lockt mich zu einem auf Freude gegründeten Christsein in der Welt.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

7 + 3 =

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>