Leben und Lebendigkeit für alle – 5. Fastensonntag C/ Misereoraktion

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 8
1 In jener Zeit ging Jesus zum Ölberg.
2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.
3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte
4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.
5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?
6 Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.
8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9 Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.
10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?
11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Autorin:
5054fa60Marita Rings – Kleer, Gemeindereferentin in der Gemeinde St. Josef, Saarbrücken – Malstatt, Bistum Trier

 
Die Predigt:
Leben und Lebendigkeit für alle

Liebe Leserin, lieber Leser,
in den letzten Monaten ist mir verstärkt aufgefallen, dass immer mehr Mitmenschen aus meiner Altersgruppe Dinge tun, die so ziemlich anders sind, als das, was sie bisher gemacht haben:
sie kleiden sich besonders jugendlich oder besonders auffällig, fahren teurere oder trendigere Autos;
sie fangen mit neuen, teilweise abenteuerlichen Sportarten an;
sie suchen Events auf, die das Besondere sein sollen oder, vor allem die Frauen, gönnen sich Wellness und Schönheit;
viele lassen sich auch mit neuen Partnern oder Partnerinnen ein, meist deutlich jünger.

Vielleicht ist meine Altersgruppe der 50+ Generation besonders anfällig dafür, sich neu zu definieren,
vielleicht ist es schon immer so gewesen oder betrifft auch andere Altersgruppen und ich habe es erst jetzt bemerkt,
ganz sicher aber stelle ich fest, dass hinter all diesem unterschiedlich auffälligen Verhalten eine Ursache zu stecken scheint: die Sehnsucht nach Leben, die Sehnsucht, sich lebendig zu fühlen.
Denn offensichtlich reicht all der Wohlstand, den meine Generation genießt, nicht aus, um im Leben meiner Zeitgenossen eine Zufriedenheit und eine Lebendigkeit herzustellen, die erfüllt.
Und dann machen sie sich auf die Suche!

Der Ehebrecherin im Evangelium ging es scheinbar ähnlich: auch sie war unglücklich und unerfüllt in der Beziehung, in der sie lebte und suchte das Glück bei einem anderen Mann und dieser bei ihr.
Doch das erlaubten die damaligen Sittenwächter nicht und so sollte sie, die das Leben suchte, bestraft werden, mit dem Tod.

Misereor Hungertuch 2013 "Wie viele Brote habt ihr?" von Ejti Stih, Bolivien

Auch die Aber-Millionen Menschen in den armen und ärmsten Ländern dieser Erde sind auf der Suche nach Leben. Für sie aber fängt diese Suche auf einer ganz anderen Ebene menschlichen Daseins an:
für sie ist ihr Leben dann schon voller Leben, wenn sie genug zu essen zu haben.
Meine Altersgenossen, die Ehebrecherin, die Hungernden dieser Welt: Drei Beispiele dafür, was Menschen wichtig ist in ihrem Leben.
Beispiele auch dafür, wie vielschichtig unsere Bedürfnisse sind und wie unterschiedlich die Antworten ausfallen, wenn wir sagen sollten: was macht mein Leben erst lebendig und gut.

Im Fall der Ehebrecherin wird Jesus auf den Plan gerufen. Eigentlich will niemand der Gelehrten wirklich seine Meinung hören, doch Jesus sagt sie ihnen trotzdem:
er will, dass Menschen das Leben haben und lebendig sind,
er will, dass Menschen ein geglücktes Leben führen, dafür setzt er sich ein, bei der Ehebrecherin, bei den unzähligen Kranken, die er geheilt hat, bei den Hungernden, die er satt gemacht hat und auch bei dir und mir.

Damit das aber gelingt, schnippt er nicht einfach mit den Fingern und schon sind wir glücklich.
Vielmehr schafft er auf andere Weise die Voraussetzungen dafür. Bei der Ehebrecherin sorgt er erst einmal dafür, dass sie physisch am Leben bleibt und da sagt er ihr: geh und sündige nicht mehr. Lass dich nicht mehr mit einem anderen Mann ein, verstoße auch nicht gegen andere Gebote, sondern suche in dem weiten Feld deiner Möglichkeiten nach einem Weg, der dir entspricht, der dich zufrieden macht. Höre in dich hinein und nutze die Talente, die Gott dir gegeben hat, dann wirst du froh.

Das ist auch genau der Rat, den ich vielen meiner Altersgenossen geben würde.

Wir alle haben so viele Möglichkeiten, unserem Leben Sinn und Gehalt zu geben, so viele Fähigkeiten, deren Umsetzung uns erfüllen kann, da brauchen wir gar nicht auf dumme oder extreme Gedanken zu kommen.
Und auch für die armen und hungernden Menschen gilt dieser Rat:
nutze deine Möglichkeiten, dann wirst du den Hunger besiegen können.
Aber bei ihnen ist das leider nicht so einfach, denn es sind nicht die Armen selbst, die ihre Chancen nicht nutzen, sondern es sind die vielen Anderen und deren Ungerechtigkeiten und Habgier, die Millionen Menschen daran hindern, ihr Leben gut werden zu lassen. Und an der ein oder anderen Stelle sind auch wir es, die ungerechte Strukturen aufrecht halten:
Wie oft werden Menschen, die in ihren unzähligen kleinen Dörfern ihre Felder bestellen und für sich und ihre Familien ein einfaches Überleben sichern, von einem Krieg überrollt und alles wird vernichtet.
Wie oft werden Bauern von ihrem Land vertrieben, weil Großkonzerne die Flächen brauchen, um industriell Getreide anzubauen. das dann in unseren Tanks verschwindet.
Wie oft werden Menschen gezwungen überteuertes Saatgut, Dünger oder Pestizide zu kaufen, die sie dann in die Schuldenfalle und oft genug in den Selbstmord treiben?
Wie oft werden Felder enteignet und gar nicht mehr bebaut, weil Multis einfach nur mit den leeren Flächen an den Börsen spekulieren?
Wie oft werden unberührte Landschaften und seltene kleine Völkergemeinschaften und deren Kulturen einfach nur vernichtet, ohne dass wir sie jemals kennen gelernt hätten?

Und hinter diesen Beispielen stehen Millionen Menschen, Millionen Schicksale, millionenfach wird Menschen ganz einfach die Möglichkeit zum Leben und zur Lebendigkeit genommen oder verwehrt, ohne dass sie auch nur die Chance hätten, sich zu wehren.
Leben und Lebendigkeit, so wie Jesus sie für jeden einzelnen Menschen will, wird unmöglich gemacht – und das ist zutiefst unchristlich.

Jesus aber, er hält dagegen, er lässt nicht zu, dass Menschen am Leben gehindert werden. Mit einem Trick setzt er die Gelehrten schachmatt und die Ehebrecherin erhält eine neue Chance.
Und mit einem einzigen Satz, den uns Markus. Matthäus und Lukas in ihren Erzählungen von der wunderbaren Speisung der 5000 Männer und ihrer Familien überliefern, nimmt er uns in die Verantwortung hinein:
Gebt ihr ihnen zu essen!
Er lässt keine Ausreden zu, er lässt auch nicht zu, dass der Ball wieder in sein Feld zurückgespielt wird: Gebt ihr ihnen, helft ihr ihnen!

Ganz klar und auch nach 2000 Jahren passend. Da hilft auch kein Jammern: was können wir schon tun oder wir sind doch sowieso zu wenige.
Es gibt genug Beispiele dafür, wie kleine Gemeinschaften mit kleinen Aktionen eine große Wirkung erzielten.
Ganz aktuell zeigen es die Zahlen um den Bio-Sprit E10.
Trotz der 4 Cent Preisersparnis pro Liter bleibt der Anteil des Bio-Sprits niedrig, weil keine Autofahrerin, kein Autofahrer sich sagen lassen will, er tankt Lebensmittel und ist Schuld am Hunger vieler Menschen.
Politik und Industrie müssen also umdenken und vielleicht wird ja bald wieder genießbarer Weizen dort angebaut, wo bis jetzt ungenießbarer Mais stand, damit Menschen leben können.
Und wenn wir unseren Fleischkonsum dauerhaft auch nur ein wenig einschränken würden, wer weiß, vielleicht würden dann auch weniger Tiere umsonst geschlachtet und Weideflächen z.B. in Südamerika für die Versorgung der eigenen Bevölkerung genutzt.

Es gibt unendlich viele kleine Chancen, die wir hier und die Menschen in den armen Ländern nutzen können. Wenn wir dies gemeinsam tun, dann bleibt unsere Vision von einer gerechten Welt, in der niemand mehr hungern muss, kein Traum, sondern er wird Wirklichkeit – Schrittchen für Schrittchen. Dann wächst Lebendigkeit in den Leben der Menschen, dann wird wahr, was Jesus für die Ehebrecherin und für jeden anderen Menschen auf der Welt will: dass wir ein gutes, erfülltes Leben haben.
Dann bleiben unsere Körbe nicht länger leer, dann werden sie mit Leben aller Art gefüllt.

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Leben und Lebendigkeit für alle – 5. Fastensonntag C/ Misereoraktion

  1. claus kilian sagt:

    gelöscht

    die frau in der mitte
    drumherum nur männer
    in der linken den stein
    die rechte richtet

    da ist der andere
    kein stein
    kein richter
    gebückt hält er die zeit an
    schreibt in den staub
    der du bist
    mensch

    der verweht im wind
    wer speichert sünden

    das urteil
    du bist frei
    auf bewährung

  2. clara sagt:

    danke ihnen beiden!
    clara

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

46 + = 53

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>