Vom immerwährenden Glück nur träumen? – 2. Fastensonntag A

Erste Lesung aus dem Buch Genesis, Kapitel 12
1 Der Herr sprach zu Abram: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde.
2 Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.
3 Ich werde segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den werde ich verfluchen. Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen.
4a Da ging Abram, wie der Herr ihm gesagt hatte.

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 17
In jener Zeit
1 nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg.
2 Und er wurde vor ihnen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.
3 Und siehe, es erschienen ihnen Mose und Elija und redeten mit Jesus.
4 Und Petrus antwortete und sagte zu ihm: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.
5 Noch während er redete, siehe, eine leuchtende Wolke überschattete sie und siehe, eine Stimme erscholl aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.
6 Als die Jünger das hörten, warfen sie sich mit dem Gesicht zu Boden und fürchteten sich sehr.
7 Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf und fürchtet euch nicht!
8 Und als sie aufblickten, sahen sie niemand als Jesus allein.
9 Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferweckt ist.

Autorin:
Foto-SueSusanne Grimbacher, Pastoralreferentin in der Diözese Rottenburg-Stuttgart

 
Die Predigt:
Vom immerwährenden Glück nur träumen?

Liebe Leserin, lieber Leser,
es ist der Traum immerwährenden Glücks, der sich heute durch die Bibeltexte zieht, und der gemischte Gefühle in mir hinterlässt.

Auf der einen Seite ist da die Verheißung an Abraham: „Du wirst ein großes Volk werden, ich werde dich groß machen, du wirst ein Segen sein für alle Teile der Welt und meine Hand ruht schützend über dir.“ Was soll da schon schief gehen? Auf der anderen Seite haben wir dieses unglaubliche Geschehen auf dem Berg, als Petrus, Jakobus und Johannes Zeugen davon wurden, wie die größten Propheten ihrer Geschichte, Mose und Elija, aus dem Nichts erscheinen, wie Jesus sich in überwältigendem Licht bewegt, wie er mit diesen beeindruckenden Gestalten spricht, und wie Gottes Stimme selbst aus dem Himmel ertönt. Was für ein Wunder!

Mir geht’s ja oft so: Ich lese diese Bibelstellen und denke mir so: „Okay. Jetzt weiß ich das.“ Aber wenn ich mir einen Moment Zeit nehme und mich in die Situation der Protagonisten versetze, dann wird mir doch ganz anders:
Stellen Sie sich mal vor, da sagt eine himmlische Stimme zu Ihnen: „Vergiss, dass du dir hier eine Existenz aufgebaut und ein Haus hast. Vergiss deine Verwandtschaft, deine Freund:innen und deine Arbeit. Verlass Deutschland und geh – ach das verrate ich dir nicht. Zieh einfach los, ich führe dich schon ans Ziel.“
Und Sie antworten: „Okay, und los.“ Das ist doch verrückt. Das ist doch eine völlig verrückte Situation, in der sich Abraham da wiederfindet. Was müsste man IHNEN sagen, dass Sie TATSÄCHLICH alles zurücklassen und losgehen, ohne zu wissen wohin, einfach im Vertrauen, dass Gott Sie schon führen wird? Was müsste man Ihnen erzählen, dass Sie das tun?

Abraham wird das versprochen, was ich zu Beginn lapidar „Traum immerwährenden Glücks“ bezeichnet habe. Vielleicht trifft es das nicht ganz. Aber es ist eine Verheißung sondergleichen, die Gott hier bereithält: Es wird nicht nur alles gut – es wird alles fantastisch! Ein riesiges Land, ein Segen für alle, Gottes Schutz, der die Feinde verflucht. Was soll da schief gehen?

Es hinterlässt gemischte Gefühle in mir. Würde ich losgehen? Hätte ich dieses Vertrauen? Ist da nicht diese Stimme in mir, die sagt: „Das klingt ein bisschen zu einfach, ein bisschen zu gut…“ Ich bewundere Abraham. Und ich frage mich, ob Gott seine Verheißung eigentlich gehalten hat, wenn ich mir die Geschichte des abrahamitischen Volkes anschaue. Ist das nicht die Geschichte des Judentums, des Christentums und des Islams zugleich? Da sind tausend Fragen in meinem Kopf, die ich jetzt weder alle stellen, geschweige denn alle beantworten kann.

Ich merke: In dieser Stelle geht es um Vertrauen. Um großes Vertrauen. Darin, dass letztlich alles gut wird. Darin, dass es sich lohnt, auf Gottes Wegen unterwegs zu sein. Dass es sich lohnt, sich aufzumachen und was zu wagen. Das passt in die Fastenzeit, das passt in die Vorbereitung auf Ostern. Was feiern wir an Ostern, wenn nicht das tiefe Vertrauen darin, dass es sich lohnt, an Jesus zu glauben, weil die Verheißung ewiges Leben lautet? Immerwährendes Glück …

Und dann ist da diese zweite Stelle, die mich ebenfalls aufwühlt. Wie verrückt muss es für die Jünger gewesen sein. „Oh Mann, Jesus, müssen wir wirklich auf diesen Berg hoch? Was willst du da?“ Wer weiß, ob Petrus nicht gejammert hat, als Jesus mit dem Vorschlag um die Ecke kam, zu viert eine Bergtour zu machen. – Ich banalisiere das jetzt bewusst, um die Situation etwas nahbarer zu machen.
Stellen Sie sich vor, Sie sind da dabei, sind beispielsweise Johannes. Ja, Jesus wirkt ab und zu Wunder: Blinde können sehen, gehbehinderte Menschen hüpfen auf einmal umher. Sie wissen, dass alles möglich ist, wenn Sie mit Jesus unterwegs sind. Aber das, was auf diesem Berg geschieht, spielt doch in einer anderen Liga.

Stellen Sie es sich vor: Sie laufen da zu viert diesen Berg hoch, und plötzlich, wie aus dem Nichts, verwandelt sich einer von Ihnen in gleißend helles Licht. Ich sag, wie es ist: Ich würde völlig panisch werden bzw. in Schockstarre verfallen. Und damit beginnt das Ganze erst: Da erscheinen aus dem Nichts zwei Gestalten. Ohne, dass die sich vorstellen, wissen Sie, dass es sich um Mose und Elija handelt. Woher wissen Sie das? Wahrscheinlich eine Art göttliches Erkennen. Und die unterhalten sich mit Ihrem Wanderkollegen, der sich eben in Licht verwandelt hat.

Ich bin durchaus von Petrus beeindruckt, der in dieser Situation auf die Idee kommt, Hütten zu bauen. Diese Idee wird oft so interpretiert, dass Petrus das Bedürfnis hat, diesen Moment festzuhalten. Was auch immer die Jünger da erleben – es muss wahnsinnig faszinierend gewesen sein. Petrus muss verstanden haben, wie einzigartig dieser Moment ist. Vielleicht waren die Jünger in staunender Ekstase gefangen, vielleicht von einem nie zuvor gekannten Gefühl von Glück erfüllt. „Ich will nicht, dass das endet“, hat sich Petrus vielleicht gedacht. Und ich kann das verstehen. Ich kenn das. Es gibt so Momente, in denen denke ich genau das: „Das hier soll niemals enden. Ich will die Zeit anhalten. Das hier, das soll nicht vergehen.“ Es ist der tiefe Wunsch nach immerwährendem Glück.

Und dann spricht da Gott! „Dies ist mein Kind. Auf Jesus sollt ihr hören!“ Gönnt Gott dem armen Petrus sein Glück nicht? Denn kaum, dass Gott gesprochen hat, ist das ganze Schauspiel vorbei, Jesus wieder „normal“, Mose und Elija verschwunden.

Vielleicht ist es aber anders. Was, wenn Gott Petrus geantwortet hat? Was wenn die Identifikation Jesu mit Gottes Sohn und die Weisung auf seine Worte zu hören, eine Antwort auf Petrus‘ Wunsch war, dieser großartige Moment solle nie vergehen? Was, wenn Wunder und vollkommenes Glück nicht an die Erscheinung von Mose und Elija gekoppelt sind, sondern an ein tiefes Vertrauen in Jesus? Was, wenn immerwährendes Glück nicht bedeutet, dass es immer easy-peasy-einfach-schön ist, sondern die Gewissheit meint, dass wir auf Jesus vertrauen können? Weil er WIRKLICH Gottes Sohn ist. Und weil Gott – wie er Abraham schon versprochen hat – eine großartige Verheißung für uns bereithält. Was, wenn am Ende doch alles auf Ostern hinausläuft: Gottes Sohn, der den Tod besiegen kann. Der Tod wird nicht mehr sein, das Leben siegt, die Liebe beweist sich als die stärkste Macht. Vielleicht ist dies nur eine andere Formulierung, eine bessere Formulierung als mein lapidares „immerwährendes Glück“.

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