Wenn Gott das Sagen hat – 27. Sonntag im Jahreskreis B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 10
In jener Zeit
2 kamen Pharisäer zu Jesus und fragten: Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihn versuchen.
3 Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben?
4 Sie sagten: Mose hat gestattet, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen.
5 Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.
6 Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie männlich und weiblich erschaffen.
7 Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen,
8 und die zwei werden e i n Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern e i n Fleisch.
9 Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.
10 Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber.
11 Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch.
12 Und wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.
13 Da brachte man Kinder zu ihm, damit er sie berühre. Die Jünger aber wiesen die Leute zurecht.
14 Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn solchen wie ihnen gehört das Reich Gottes.
15 Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.
16 Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie.

Autorin:
_MG_7932-web Birgit DroesserBirgit Droesser, Pastoralreferentin a.D. der Diözese Rottenburg-Stuttgart, jetzt Pfarrgemeinderätin in St. Bruno, Würzburg

 
Die Predigt:
Wenn Gott das Sagen hat

Liebe Leserin, lieber Leser,
auf den ersten Blick und beim ersten Hören scheint das heutige Evangelium in zwei Teile zu zerfallen: einmal geht es um Ehefragen und dann um die bekannte Kindersegnung. Doch gegen Ende unseres Textes kommt die entscheidende Klammer: Jesu Rede vom Reich Gottes, wörtlich: von seiner Königsherrschaft, oder wie es sein wird, wenn Gott das Sagen hat, wenn sein guter und wohlwollender Wille für alle endlich anerkannt und danach gelebt wird. Dann werden die Tyrannen aller Arten vom Thron stürzen und die Erniedrigten und um ihr Leben Betrogenen erhöht werden. So steht es im Lobgesang Mariens bei Elisabeth, dem „Magnificat“.

Erniedrigt? Ja, erniedrigt waren die Frauen im jüdischen Eherecht der Zeit Jesu. Die Ehe war ein Männerrecht. Der Mann konnte seine Ehefrau mit einem Scheidebrief entlassen, wenn er sie nicht mehr haben wollte. Ein Grund dafür war immer zu finden. Was blieb ihr übrig, als ins Elternhaus zurückzukehren, wenn das möglich war. Ansonsten kam sie in eine schwierige Lage. Der Mann konnte seine Ehe, das Rechtsverhältnis zu seinen Gunsten, nicht brechen. Zum Ehebrecher wurde er erst, wenn er ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau einging. Dann brach er die Ehe des anderen Mannes. Eine Frau aber, die mit einem anderen Mann intim wurde, brach ihre Ehe, wurde zur Ehebrecherin, denn sie brach das Rechtsverhältnis ihres Ehemannes. Das Ausbrechen aus der Ehe war also für die Frau Ehebruch, beim Mann erst der Einbruch in die Ehe eines anderen.*

Aber zurück zum Evangelium. Jesus sagt ganz eindeutig: weil ihr harte Herzen, egoistische Herzen habt, hat euch Männern Mose die Möglichkeit gegeben, euch von eurer Ehefrau mit einer Scheideurkunde zu trennen. Aber am Anfang, nach Gottes Willen und wenn er wieder das Sagen hat, soll es nicht so sein. Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht auseinanderreißen.

Jesus stärkt damit ganz eindeutig die Stellung der Frau. Sie, die in der patriarchalen Gesellschaft immer an zweiter Stelle steht, wird auf die gleiche Ebene mit dem Mann gehoben. Jesus spricht nicht rechtlich – er setzt kein neues Ehegesetz – sondern menschlich. Die Erniedrigte wird erhöht, auf die gleiche Stufe gestellt. Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Und wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch. Auf Ehebruch aber stand nach dem damaligen jüdischen Gesetz die Todesstrafe durch Steinigung.

Die Auseinandersetzung um die Scheidungsurkunde als Recht des Mannes hat also gar nichts mit unserer Frage zu tun, ob Menschen deren Ehe nicht mehr lebbar war, die rechtlich geschieden sind und ein neues Glück in der Ehe suchen, ob diese wieder kirchlich heiraten können. In der evangelischen Kirche ist es möglich. Unsere Kirche tut sich unendlich schwer mit dieser Frage. Jesu Wort im heutigen Evangelium kann als Argument dagegen jedenfalls nicht herhalten.

In der zweiten Szene bringen Leute Kinder zu Jesus. Er soll sie berühren. Die Erwachsenen, vermutlich die Eltern, erhoffen sich Heil und Segen für ihre Kinder, wenn Jesus sie berührt. Und er tut es, er nimmt sie zärtlich in die Arme und legt ihnen die Hände auf.

Davor aber steht die unwillige Reaktion der Jünger, vielleicht auch der Jüngerinnen. Sie fahren die Erwachsenen unwirsch an. Was soll das? Was wollen die mit ihrer Kinderschar? Hat man denn niemals seine Ruhe? Auch die Kinder gelten als die Kleinen, Unwichtigen und Unbedeutenden. Und wieder handelt Jesus ganz anders. Lasst die Kinder zu mir kommen, denn solchen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der – oder die – wird nicht hineinkommen.

Wieder klingt mir in den Ohren: Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Jesus und die Kinder – die Kirche und die Kinder! Da möchte das Wort im Hals stecken bleiben! Zu schrecklich ist es, was in den letzten Jahren bis heute ans Tageslicht kam in Deutschland aber auch in Irland, den Vereinigten Staaten, in Kanada… Mit Kindern wurde so oft extrem lieblos, hartherzig und missbrauchend umgegangen, dass unsere Kirche jeden Kredit verspielt hat. In diesen Tagen findet die zweite Sitzungsperiode auf dem Synodalen Weg in Frankfurt a.M. statt. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, sieht die Lage glasklar: „Es muss alles getan werden, um wieder Vertrauen aufzubauen.“ Leider gibt es starke Widersacher unter den Mächtigen der Kirche, Menschen denen noch immer jede Einsicht in die Zusammenhänge fehlt, und die angehäufte Schuld nicht anerkennen – wollen.

Der Matthäusevangelist überliefert das Wort von den Kindern und dem Reich Gottes in einem noch stärkeren Bild (Mt 18,1 – 6). Hier ruft Jesus ein Kind herbei und stellt es
i n d i e M i t t e. Und dann folgen ähnliche Worte wie wir sie heute bei Markus hören: Amen. Ich sage euch, wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der – oder die – wird nicht hineinkommen. Wie sollen wir das verstehen?

Ein Kind, das bei liebevollen Eltern aufwachsen darf und in seiner eigenen Persönlichkeit geachtet wird, so wie es ganz offensichtlich bei Jesus und seinen Eltern der Fall war, hat noch eine unverstellte Beziehung zu Gott, seinem Ursprung. Kinder, auch wenn sie anstrengend sind im Anmelden ihrer Bedürfnisse und später deswegen oft streitsüchtig, haben von Natur aus ein Gespür für das große Geheimnis des Lebens. Und dahin sollen wir als Erwachsene zurückkehren, umkehren. Wir sollen und müssen wieder ganz neu fragen lernen, was Gottes Wille für uns ganz persönlich ist, in unser Leben hinein buchstabiert: Wo ist etwas in mir erniedrigt und unterdrückt und Gott will, dass es leben darf? Wo wirke ich mit an ungerechten Verhältnissen? Wo beleidige und entwürdige ich andere? Was ist mein Anteil daran, dass Leben auf dieser Erde immer schwieriger wird … Wie wäre es, was müsste ich ändern, wenn Gott das Sagen in meinem Leben hätte?

Diese Fragen sind für uns selber, unsere Gesellschaft und unsere Zukunft überlebenswichtig. Deshalb sollten wir sie uns immer wieder stellen, auch als Gemeinde, die die Botschaft Jesu ernst nimmt. Amen
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* siehe Hermann Schelkle, Der Geist und die Braut, S.38 und folgende

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Eine Antwort auf Wenn Gott das Sagen hat – 27. Sonntag im Jahreskreis B

  1. Hermann Josef Schneider sagt:

    Vielen Dank für die tiefe Betrachtung!

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