Brot der Erde und Brot des Himmels – 18. Sonntag im Jahreskreis B

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 6
In jener Zeit,
24 als die Leute sahen, dass weder Jesus noch seine Jünger am Ufer des Sees von Galiläa waren, stiegen sie in die Boote, fuhren nach Kafarnaum und suchten Jesus.
25 Als sie ihn am anderen Ufer des Sees fanden, fragten sie ihn: Rabbi, wann bist du hierher gekommen?
26 Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.
27 Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird. Denn ihn hat Gott, der Vater, mit seinem Siegel beglaubigt.
28 Da fragten sie ihn: Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?
29 Jesus antwortete ihnen: Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.
30 Sie sagten zu ihm: Welches Zeichen tust du, damit wir es sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?
31 Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.
32 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
33 Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben.
34 Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot!
35 Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

Autorin:
Elisabeth Schmitter Elisabeth Schmitter, Pastoralreferentin a.D. im Bischöflichen Ordinariat Rottenburg, spricht in Verkündigungsendungen des SWR

 
Die Predigt:
Brot der Erde und Brot des Himmels

Liebe Brüder und Schwestern,
vom Essen ist die Rede an diesem Sonntag. Die erste Lesung erzählt von einem unterdrückten Volk, das von seinem Gott in die Freiheit geführt wird, und dann schnell bemerkt, dass man von Freiheit allein nicht leben kann. Um die Strapazen einer Wüstendurchquerung zu bestehen und gesund am Ziel anzukommen, braucht man mancherlei, nicht zuletzt etwas Richtiges zu essen. – Und der Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium zeigt Menschen, die Jesus nicht wegen seiner Botschaft suchen. Sie suchen ihn nur, weil sie erlebt haben, dass er mit wenig Brot viele satt machen kann. So geschehen am Tag zuvor, sagt der Evangelist. Deshalb wollen sie jetzt mehr erfahren von diesem Mann, der offenbar übernatürliche Kräfte hat und sogar Lebensmittel vermehren kann. Das war viel sensationeller und viel interessanter als die Predigt, die sie von ihm gehört hatten.

Es ist so menschlich, wie die Leute sich verhalten. So ganz normal, geradezu sympathisch normal. Und sympathisch ist auch, wie Jesus reagiert. Natürlich versucht er, ihnen zu erklären, was seine Botschaft ist und worum es ihm eigentlich geht. Aber er verurteilt sie nicht, etwa als primitiv oder als materialistisch. Jesus weiß, wie wir Menschen ‚gestrickt‘ sind, welche Bedürfnisse wir haben, was wir brauchen. Er wäre ja kein wirklicher Mensch, wenn er das nicht auch selbst kennen und verstehen würde.

Wir sind Geschöpfe der Erde, bedürftige, verletzliche, sterbliche Geschöpfe, mit allem, was zu Geschöpfen gehört. Aber gerade so sind wir auch Kinder Gottes, und Gott ist es, der uns so und nicht anders geschaffen hat. Deshalb sind unsere leiblichen Bedürfnisse auch nicht niedriger oder weniger wichtig als die geistigen und geistlichen Bedürfnisse. Beides hat der Schöpfer in uns gelegt. Beides gehört zu uns. Beides darf sein. Und beides zusammen erst macht unsere Würde als Menschen aus. Gott selbst ist es ja, der den Hunger des Leibes ebenso in uns gelegt hat wie die Sehnsucht des Herzens. Und beide will er satt machen, den Leib und die Seele. Das ‚Brot der Erde‘, das wir brauchen und von dem wir leben, ist deshalb zugleich auch ‚Brot vom Himmel‘, Brot, das Gott uns schenkt und schickt. So haben es die Israeliten in der Wüste erfahren, als es buchstäblich Manna ‚geregnet‘ hat. Und so erlebt es die Volksmenge, die Jesus mit wenigen Broten satt gemacht hat.

„Den Hungernden muss Gott in Form von Brot erscheinen.“ Mahatma Gandhi hat das gesagt, der heilige Hindu. Zuallererst müssen die Menschen Brot haben, Nahrung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf – all das, was ein Leben ermöglicht, das der menschlichen Würde entspricht. Das ist auch unser erster Auftrag als Christen: mitzuhelfen, dass alle Menschen bekommen, was sie zum Leben brauchen. Damit bezeugen wir unseren Glauben ebenso wie mit Worten, vielleicht sogar noch überzeugender.

Das ‚Brot der Erde‘ hochzuschätzen und gerecht miteinander zu teilen – das ist unsere erste Aufgabe als Christen. Zuerst geht es darum, die körperliche und materielle Not der Menschen zu sehen und nach Möglichkeit zu helfen. Und dann, wenn wir alles dafür tun, dass Menschen das ‚Brot der Erde‘ bekommen, das sie zum Leben brauchen, können wir auch glaubwürdig vom ‚Brot des Himmels‘ reden. Nur wenn wir die irdischen Bedürfnisse der Menschen ernst nehmen, haben wir das Recht, von dem zu sprechen, was weit darüber hinausreicht, von der Sehnsucht der Menschen nach Anerkennung und Liebe, nach Glück und Sinn, nach Glauben und Erlösung.

Das heißt: Menschen, die hungern, dürfen niemals nur auf ein besseres Leben im Jenseits vertröstet werden. Sie brauchen tatkräftige Hilfe, hier und jetzt. Und Menschen, die satt sind, können niemals so sehr gesättigt sein, dass sie den Hunger und die Sehnsucht nach m e h r Leben, nach a n d e r e m Leben nicht mehr spüren könnten.

„Fragt dich ein Hungernder: Wo ist Gott? Dann zeig ihm Brot und sage: Hier! Fragt dich ein Satter: Wo ist Brot? Dann zeig ihm Gott und sage: Hier!“ Auch dieses Wort wird Gandhi zugeschrieben. Mahatma Gandhi war kein Christ, und doch hat er mehr von der Botschaft Jesu verstanden als viele ChristInnen. Und nicht nur verstanden, sondern auch ganz konkret gelebt.

Lassen auch wir uns heute – in aller Demut – von einem Hindu sagen, was es heißen kann, Jesus nachzufolgen! Amen.

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