Jesus be-greifen – 3. Sonntag der Osterzeit B

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 24
35 Die beiden Jünger, die von Emmaus zurückgekehrt waren, erzählten den Elf und denen, die mit ihnen versammelt waren, was sie unterwegs erlebt und wie sie Jesus erkannt hatten, als er das Brot brach.
36 Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
37 Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen.
38 Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen Zweifel aufkommen?
39 Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht.
40 Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße.
41 Als sie es aber vor Freude immer noch nicht glauben konnten und sich verwunderten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier?
42 Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch;
43 er nahm es und aß es vor ihren Augen.
44 Dann sagte er zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesprochen habe, als ich noch bei euch war: Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht.
45 Darauf öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften.
46 Er sagte zu ihnen: So steht es geschrieben: Der Christus wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen
47 und in seinem Namen wird man allen Völkern Umkehr verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden. Angefangen in Jerusalem,
48 seid ihr Zeugen dafür.
49 Und siehe, ich werde die Verheißung meines Vaters auf euch herabsenden. Ihr aber bleibt in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet!

Autorin:
Elisabeth Dörrer-Bernhardt Elisabeth Dörrer-Bernhardt, Pastoralreferentin in Stuttgart

 
Die Predigt:
Jesus be-greifen!

Liebe Leserin, lieber Leser,
die zwei Emmausjünger haben Jesus den Auferstandenen im Brotbrechen erkannt. Jetzt kehren sie zurück und erzählen den anderen Jüngerinnen und Jüngern ihre Ostererfahrung. Und dabei erscheint ihnen nun Jesus. Wenn wir die Berichte des Evangelisten Lukas anschauen, so werden uns drei Erfahrungen mit dem Auferstandenen erzählt. Zunächst die Begegnungen mit den Frauen am Grab: Zwei Engel verkünden den Auferstandenen. Dann die Emmausgeschichte: Jesus selbst geht mit auf dem Weg, er bricht den Jüngern das Brot und sie erkennen ihn. Und heute erscheint der Auferstandene den Jüngern in Jerusalem und lässt sich anfassen, buchstäblich be-greifen!

Die Geschichten werden immer konkreter, „handgreiflicher“. Jesus lässt sich berühren und isst etwas. Immer intensiver, konkreter und greifbarer sind die Erzählungen vom Auferstandenen. Wie diese Begegnungen mit dem Auferstandenen wirklich waren, können wir nicht wissen. Theologisch gestaltete Überlieferungen werden uns hier erzählt. Aber auch tiefes religiöses Erleben.

Glaube wächst im Erleben. Die Frauen am Grab sehen, hören, erinnern und erzählen, was sie am Grab erlebt haben.
Bei den Emmausjüngern ist es die Weggemeinschaft, das erklärende Wort, das Erkennen im Brotbrechen, das Erinnern, das sie zurück nach Jerusalem kehren lässt.
Und jetzt ist es das buchstäbliche Begreifen.
Glaube wächst Schritt für Schritt. Es ist ein langer Prozess, ehe die Jünger*innen die Auferstehung Jesu glauben.

Glaube braucht Zeit, braucht den Weg, die Sinne, das Deuten und das Erleben – auch heute. Glauben braucht den Akt der offenen Augen, die Fähigkeit, das eigene Leben neu zu sehen und den Schritt, Erlebtes neu zu deuten. Der Schriftsteller und Pfarrer Lothar Zenetti hat es so ausgedrückt: „Menschen, die aus der Hoffnung leben, sehen weiter. Menschen, die aus der Liebe leben sehen tiefer. Menschen, die aus dem Glauben leben, sehen alles in einem anderen Licht.“

Wenn wir selbst die traurige Erfahrung des Verlustes eines Menschen schon gemacht haben, dann wissen wir um die Kraft, die aus der Erinnerung und aus Träumen wächst. Gemeinsam Erlebtes wird zu einem Schatz, der uns neue Kraft und Zuversicht bringen kann.

Auch wir brauchen jedoch wie die Jünger*innen Jesu immer wieder eine Mutmacherin, einen Wegbegleiter, eine Augenöffnerin, gerade in unserer Zeit der selbstauferlegten körperlichen Distanz zu anderen, um sie zu schützen. Gerade da brauchen wir die gegenseitige Zuwendung auf kreativ neue Art, durch Kontakt halten, durch aufmunternde Worte über den Gartenzaun…. Auch wir dürfen Zweifel haben, wie die Freunde Jesu. Wir können uns aber auch gegenseitig Osterzeugin sein, Zeugin von neuem Leben, von neuem Aufbruch mitten im Dunkel. Amen

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Eine Antwort auf Jesus be-greifen – 3. Sonntag der Osterzeit B

  1. Lydia sagt:

    ja, das ist wahr – osterzeugin werden tut not!
    Danke für Deine Worte.

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