Bei sich selbst hinsehen und Schwachstellen ausmachen – 1. Fastensonntag B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 1
In jener Zeit
12 trieb der Geist Jesus in die Wüste.
13 Jesus blieb vierzig Tage in der Wüste und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.
14 Nachdem Johannes ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes
15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

Autorin:
IMG_9831[1]Marita Rings-Kleer, Gemeindereferentin in der Pfarreiengemeinschaft Altenkessel-Klarenthal, Diözese Trier

 
Die Predigt:
Bei sich selbst hinsehen und Schwachstellen ausmachen

Liebe Leserin, lieber Leser,
was für eine Fastenzeit? So stöhnen viele Zeitgenossen. Dabei ist sie erst vier Tage alt und heute am 1. Fastensonntag ist schon die erste Pause. Denn die Sonntage sind ja als Fastentage in der vierzigtägigen Fastenzeit ausgenommen. Eine erste Gelegenheit vielleicht auch, die guten Fastenvorsätze ein wenig lockerer zu sehen.

Doch damit sind wir genau im Evangelium des heutigen Sonntags angekommen, in dem wir von der Versuchung Jesu hören. Der Evangelist Markus, der bekanntlich in der „Kürze die Würze“ sieht, erzählt von der Versuchung Jesu nur in einem Halbsatz: … und er wurde von Satan in Versuchung geführt. Da sind einem die beiden anderen Evangelisten Matthäus und Lukas schon lieber, die ziemlich präzise die drei Versuchungen Jesu beschreiben. Da weiß man, woran man ist. Für sie liegt die Versuchung der Menschen darin, dass sie sich für allmächtig, allwissend und unangreifbar halten. Markus aber lässt offen, worin die Versuchung Satans bestand. Damit lässt er alle Möglichkeiten zu und schränkt nicht ein oder schließt gar eine Versuchung aus.

Alles ist möglich, scheint er zu sagen. Und auch: auf alles ist aufzupassen. In der augenblicklichen Corona-Pandemie erleben wir es ganz konkret. Viele Menschen halten sich wortgetreu an die Regeln und fühlen sich dabei auf der sicheren Seite. Aber wir Menschen neigen doch dazu, die Einschränkungen, die uns nicht gefallen, zu unseren Gunsten auszulegen, um damit den Begrenzungen auszuhebeln. Oft genug werden dabei die Regeln „sehr individuell interpretiert“, wenn die Einschränkungen, die sie mit sich bringen, nicht passen. An Weihnachten haben wir es bei den Besuchsregeln erlebt. Wie da gezählt und geschoben wurde!

Auch wenn die Corona-Pandemie und ihre Regeln und Verordnungen zurzeit unser Leben und den Alltag bestimmen, Versuchungen aller Art gibt es auch neben ihnen. Und diese Versuchungen sind auch „sehr individuell.“ Versuchungen setzen dort an, wo ich als Mensch Schwächen habe. Genau dort falle ich gerne auf Versprechungen, Angebote und Verlockungen herein. Für einen Menschen, der gern im Mittelpunkt steht ist das Zuhause-Bleiben während Corona eine Herausforderung und er wird eher in Versuchung geraten, die Regeln zu brechen, als der Mensch, der ohnehin ruhig und häuslich ist. Für einen Schokoladen-Fan ist die Versuchung, die Finger nach der Süßigkeit auszustrecken, um ein Vielfaches größer als für den Menschen, der sich nichts aus der bitteren Köstlichkeit macht.

Wer sich in der Fastenzeit wirklich auf ein Fastenopfer einlassen will, der sollte nicht den allgemeinen Vorschlägen wie Verzicht auf Alkohol, Süßes oder Smartphone-Surfen folgen. Dieser Mensch sollte vielmehr bei sich selbst hinsehen, Schwachstellen ausmachen und sich fragen: Kann ich in den vierzig Tagen bis Ostern dahin kommen, dass diese Schwächen mich nicht ständig in Versuchung führen? Dass sie mein Leben nicht mehr negativ stören oder gar bestimmen?

Der Evangelist Markus legt uns also nicht fest. Er legt Jesus nicht dessen Versuchungen in den Mund und er sagt auch mir nicht, wo ich aufpassen soll. Tückisch an Versuchungen ist nun, dass sie meist in einem Gewand daherkommen, in dem wir sie nicht erkennen. Wenn Markus schreibt, dass der Satan Jesus in Versuchung führte, dann kann ich mir das an so mancher Stelle nur wünschen: Die Versuchung genau zu identifizieren. Denn eine Versuchung wäre keine Versuchung, wenn sie als solche deutlich erkennbar ist. Und wenn unser Wunsch, die Früchte der Versuchung, der wir erliegen sind, zu genießen, dann geht der Satan oft genug als Engel durch.

Bleiben wir bei der Schokolade: Wenn ihr Verzehr meine Schwachstelle ist, dann lässt die Freude über den „himmlischen“ Genuss die Gefahr vergessen, die sie für meinen Zuckerspiegel und mein Gewicht hat. Im Gegenteil, wenn ich sie esse, scheint es für mich sogar noch gut zu sein, weil ich mich dann für einige Momente richtig wohl fühle. Gestresste Menschen, die sich gern mit Schokolade und ihren Verwandten entspannen und trösten, werden mir Recht geben. Aber es bleibt dabei: eine Versuchung bleibt eine Versuchung. Auch Jesus muss ihr/ihnen widerstehen.

Wie er das macht, lässt der Evangelist Markus auch offen, Matthäus und Lukas wissen eher Rat. Für sie ist der Blick in die Schrift, ist das Festhalten am Wort Gottes, der Königsweg, den Jesus beschreitet.
Vielleicht geht Markus aber auch in dieser Frage einen pragmatischeren Weg, indem er uns Menschen selbst die Entscheidung überlässt, welchen Widerstand wir wählen. Für die einen mag Sport ein Weg sein, den Stress abzubauen und den Gelüsten nach Schokolade zu widerstehen, andere finden ihren Weg im Gespräch mit einem lieben Menschen, indem sie sich ihre Seele erleichtern können, wieder andere wählen gesundes Obst als Alternative zum Essen. So individuell die Versuchungen, so individuell auch der Widerstand.

Es liegt also dann an mir, mich intensiv mit mir und meinem Leben zu beschäftigen, was will man mehr für eine gute und reflektierte Fastenzeit. Aber in einer Frage hält der Evangelist Markus sich dann doch raus: Er schreibt nicht, dass der Satan, nachdem er Jesus vergeblich versucht hat, für eine Weile von ihm abließ. Denn im Umkehrschluss heißt das: Er kommt wieder und wird Jesus erneut versuchen.

Wir Menschen wissen, dass wir jederzeit in Versuchung geraten können. Es hört niemals auf, weil wir nicht perfekt sind und uns immer wieder an unseren Schwächen abarbeiten. Es ist ein „Teufels“-Kreis im ganzen wahren Sinn, in dem wir uns befinden. Dem gegenüber steht ein „Gottes“-Kreis, nämlich der, dass Gott uns immer wieder verzeiht, wenn wir Schwäche gezeigt haben, wenn wir der Versuchung erlegen sind. Jeden Tag dürfen wir im Gebet unsere Niederlagen, unser Nachgeben bei den Versuchungen, vor Gott bringen und er gewährt uns einen Neuanfang.

Jeden Sontag dürfen wir Ostern feiern, die große Befreiung von allen Schwächen, aber vor allem eine große Stärkung unserer Kraft.

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