Himmel und Erde berühren sich – 4. Adventssonntag B

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 1
Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret
27 zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria.
28 Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.
29 Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.
30 Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.
31 Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben.
32 Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben.
33 Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben.
34 Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?
35 Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.
36 Auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat.
37 Denn für Gott ist nichts unmöglich.
38 Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.

Autorin:
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Elisabeth Dörrer-Bernhardt,
Pastoralreferentin in Stuttgart- Vaihingen
verheiratet, drei Kinder

 
Die Predigt:
Himmel und Erde berühren sich

Liebe Leserin, lieber Leser,
Mariä Verkündigung – eine vertraute Geschichte, die einen eigenen Zauber hat und einfach zur Adventszeit dazu gehört. Und doch ist sie unserer Lebenswelt fremd und ferne:
Ein Engel erscheint Maria – ist uns das heute noch vorstellbar?
Anderes befremdet uns: Maria, die Jungfrau, die ein Kind erwarten soll oder denken wir an ihre Zusage an den Engel: „Ich bin die Magd des Herrn.“
Als „gehorsame Magd“ viele Jahrhunderte ausgelegt, hat das fatale Folgen für Frauen gehabt.
Wir haben aber auch wiederum keinesfalls nur eine fromme Legende vor uns, die uns bestenfalls auf Weihnachten einstimmt. Genauso wenig ist dies ein Tatsachenbericht, der historische oder gar biologische Umstände festhalten möchte.

Wenn der Evangelist Lukas diese Erzählung zu Beginn seines Evangeliums, zwischen der Erzählung der Geburt Johannes des Täufers und dem Gang der schwangeren Maria zu Elisabeth stellt, so geht es ihm vor allem darum, über Jesus Näheres auszusagen.
Es geht ihm um eine Glaubensgeschichte. Die junge Gemeinde des Lukas erkennt aus dem Glauben an den auferstandenen Jesus heraus, dass dieser von Anfang an ganz besonders gewesen sein muss. Dabei werden Aussagen des Alten Testamentes in ganz neuem Licht gesehen. Jesus ist der ersehnte Messias, der Sohn Gottes, nicht nur mit Gottes Geist erfüllt, wie Johannes der Täufer, sondern ganz aus ihm hervorgegangen.
So steht zu Beginn des Evangeliums das Thema: „Der Himmel berührt die Erde“, Gott verbindet sich mit dem Menschen in einer einzigartigen Weise.

Wie drückt der Evangelist diese Botschaft aus?
Der Engel Gabriel, das heißt „Gottes Starker“, kommt als Bote zu Maria: der Himmel berührt die Erde.
Derselbe Engel Gabriel, der Zacharias zuvor im Tempel die Geburt des Johannes ankündigt hatte, kommt nun, nicht wieder in ein Gotteshaus, sondern in eine unscheinbare Stadt, Nazareth, ins heidnische Galiläa. Es ist damals nicht üblich eine Frau in ihrer Kammer aufzusuchen, noch sie zu grüßen. Doch der Engel Gabriel grüßt sie mit den Worten: „Begnadete, der Herr ist mit dir.“ Maria erschrickt, nicht über den Engel, sondern über diese Anrede. Im Buch der Richter finden wir diese Anrede als Segensspruch wieder:“Der Herr sei mit dir!“ Danach folgt ein Sendungsauftrag. Deshalb erkennt Maria in diesem Moment, dass sie jetzt in ihrer Person angefragt wird. Die zentrale Botschaft des Engels folgt: „Sohn des Höchsten“ wird das Kind genannt werden. Jesus wird Sohn Gottes genannt werden, das ist die Aussage, die für die lukanische Gemeinde so zentral ist, Jesus war mehr als ein Prophet, er ist der Sohn Gottes.

In einem Psalm wird der messianische König, als von Gott gezeugt geweissagt, auch dieser Gedanke ist also der lukanischen Gemeinde nicht fremd. Der Begriff der jungfräulichen Empfängnis ist ihnen geläufig, sie unterstreicht die Größe und Göttlichkeit des zu erwartenden Kindes, ist aber nicht der wesentliche Inhalt dieser Stelle, sondern betont eben die Göttlichkeit des Kindes. Nun erfüllt sich im Kommen Jesu, was in den Schriften verheißen wurde.

Wesentlich bleibt dem Evangelisten jedoch, dass Gott sich so eng mit dem Menschen verbindet, dass er selbst Mensch wird. Jesus kommt ganz von Gott her und gleichzeitig ganz vom Menschen Maria her: Himmel und Erde berühren sich.
So will Gott uns nahe kommen, im Menschen selbst.
An Maria sehen wir, welche Rolle der Mensch in diesem neuen Verhältnis zu Gott hat.
Da fällt zunächst auf, gleichsam wie eine Vorwegnahme von Jesu frauenfreundlicher Lebenshaltung, dass einer Frau die Verheißung zuteil wird. Nicht Josef wird angefragt, dieses Mal wird eine junge Frau angefragt. Ihr, nicht wie in der damaligen Zeit üblich, dem Mann, wie noch bei Zacharias, spricht der Engel zu:“Du sollst ihm den Namen Jesus geben.“

Jesus, das heißt „Befreiung“. Maria soll den Namen verkünden, der Befreiung für das Volk Gottes bedeutet, Befreiung auch aus alten Strukturen. Wir hören hier schon das Magnifikat anklingen, den Lobpreis Gottes, den Maria kurz darauf bei ihrem Besuch bei Elisabet anstimmt. Und schließlich die Antwort von Maria: „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe wie du gesagt hast“. Wenn wir den aramäischen Wortlaut beachten steht hier:“ Ich bin seine Dienstbeauftragte. Es werde für mich, wie du gesagt hast.“
Nicht die demütig Gehorsame ist also hier gemeint, sonder eine Dienstbeauftragte.
So sieht der Evangelist die Rolle der Maria und damit auch die Rolle des Menschen, wir sind Gottes Dienstbeauftragte.

Auch wir sind heute aufgerufen: „Sei Dienstbeauftragte“. Der Himmel will die Erde berühren, nicht im Großen, sondern im Kleinen, nicht nur in Gotteshäusern, sondern an unscheinbaren Orten, mitten in der Welt, im Alltäglichen, können wir erfahren, dass uns Befreiung geschenkt wird.
Der Himmel berührt die Erde, vielleicht entdecken wir dies, wenn wir uns von hausgemachten Zwängen befreien, was wie an Weihnachten zu sein hat. Vielleicht muss dieses Jahr nicht alles ganz sauber sein und schön, vielleicht kann nicht alles ohne Konflikte sein und vielleicht können wir unsere Erwartungen an die „ heile Welt auf Knopfdruck“ verabschieden, ohne die Sehnsucht nach Heil aufzugeben.
Vielleicht können wir über unsere unterschiedlichen Bedürfnisse im Zusammensein reden und Verständnis für den anderen aufbringen.
Gerade im Durchbrechen des Gewohnten, im scheinbar Unmöglichen, so sagt uns die Bibel zeigt sich Gott.
„Weihnachten wird unterm Baum entschieden“, so der derzeitige umstrittene Slogan einer Elektronik-Fachmarktkette. Wenn es nur um Geschenke geht mag der Slogan treffen, aber für Christen geht es um weitaus mehr.
Weihnachten ist entscheidend, aber ob Gott bei uns landen kann, das entscheidet sich gerade nicht an Heilig Abend unterm Weihnachtsbaum, sondern mitten im Alltag, jeden Tag aufs Neue.

Der Himmel berührt die Erde! Wenn wir uns für diese Botschaft öffnen, dann kann es Weihnachten werden, immer wieder und mitten im Jahr.
Mit unserer Zustimmung Dienstbeauftragte Gottes zu sein, bekommt Gott durch uns Hand und Fuß, auch heute. Amen.

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Eine Antwort auf Himmel und Erde berühren sich – 4. Adventssonntag B

  1. W. sagt:

    „eine Dienstbeauftragte“dieser Begriff gefällt mir sehr, verbunden mit der Schlussfolgerung , dass Gott durch uns Hand und Fuß erhält. Beauftragt zu seinem Dienst an den Menschen und zwar durch Gott selbst und nicht durch kirchliche Würdenträger, ja das gefällt besonders. Danke!

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