Wahrgenommen und angespornt von Christus – 33. Sonntag im Jahreskreis A und Gedenktag der Heiligen Gertrud von Helfta

Erste Lesung aus dem Buch der Sprichwörter, Kapitel 31
10 Eine tüchtige Frau, wer findet sie? /
Sie übertrifft alle Perlen an Wert.
11 Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie /
und es fehlt ihm nicht an Gewinn.
12 Sie tut ihm Gutes und nichts Böses /
alle Tage ihres Lebens.
13 Sie sorgt für Wolle und Flachs /
und arbeitet voll Lust mit ihren Händen.
19 Nach dem Spinnrocken greift ihre Hand, /
ihre Finger fassen die Spindel.
20 Sie öffnet ihre Hand für den Bedürftigen /
und reicht ihre Hände dem Armen.
30 Trügerisch ist Anmut, vergänglich die Schönheit, /
eine Frau, die den Herrn fürchtet, sie allein soll man rühmen.
31 Gebt ihr vom Ertrag ihrer Hände, /
denn am Stadttor rühmen sie ihre Werke.

Autorin:
Walburga_2009Walburga Rüttenauer–Rest, Bensberg, verheiratet, drei Kinder, Grundschullehrerin, nach der Pensionierung Ausbildungskurs zum Diakonat der Frau, diakonische und liturgische Aufgaben in der Pfarreigemeinde

 
Die Predigt:
Wahrgenommen und angespornt von Christus

Liebe Leserin, lieber Leser,
die erste Lesung vor dem Evangelium zum 33.Sonntag im Jahreskreis ist dem Buch der Sprüche entnommen. Dieser Spruch-Gesang ist der Abschluss des Sprüche-Buches, ein Lobgesang für die tüchtige Frau. Alle Verse betonen ihren ungemeinen Tatendrang, ihr Engagement und ihre wirtschaftlichen Fähigkeiten, auch über den eigenen Haushalt hinaus. Betont wird in der Mitte (V. 19f.) das soziale Handeln der Frau, wie Gott es von uns erwartet.

Leider wurde der Spruch für die Lesung gekürzt. Durch die Auslese der Verse wird zwar das Vorbild einer klugen und umsichtigen Frau dargestellt, die ökonomisch und selbständig den eigenen Haushalt führt ohne von ihrem Mann gegängelt zu werden. Im ungekürzten Text kümmert sie sich nicht nur um die eigene Familie. Dort ist die tüchtige, umsichtige Frau nicht nur auf ihre eigene Familie konzentriert, sondern sie sorgt sich auch für Arme und Obdachlose: Für die Rechtlosen breitet sie ihre Arme aus und ihre Hände reicht sie den Armen, ihren Mund öffnet sie mit Weisheit. Ihre Wirksamkeit auf die Menschen außerhalb ihres eigenen Hauses wird in der Verkürzung der Lesung nicht deutlich.

Ich möchte diese Lesung mit der Heiligen, die wir in dieser Woche feiern, verbinden. Am 17. November feiert die Kirche den Festtag einer Heiligen mit dem Beinamen: die „Große“. Sie ist die einzige deutsche Heilige, die diesen Zusatz erhalten hat, was davon zeugt, dass sie mit ihrem Leben und vor allem mit ihren Texten in heutiger Zeit wieder ausstrahlt. Sie war keine einfache Hausfrau wie die Frau in der Lesung. Sie lebte in einem strengen Kloster und trotzdem erreichte sie hohe Kirchenfürsten mit ihren Schriften. Es ist die heilige Gertrud von Helfta.(6.1.1256-17.11.1301 )

Sie lebte in der zweiten Hälfte des 13.Jahrhunderts also im Mittelalter, einer Zeit die uns heute sehr fremd ist. Und doch teilt sie mit uns Erfahrungen, die manchen Frauen von heute vertraut sind. Im Mittelalter spielte die Kirche eine große Rolle. Für das einfache Volk waren die Orden unerfüllbare Vorbilder. Für oft sehr junge meist adelige Frauen waren die Klöster die einzige Möglichkeit eine gute Bildung zu erhalten. Oft traten sie nach dem Schulabschluss in das Kloster ein. So ist es nichts Besonderes, dass Gertrud bereits mit fünf Jahren von ihren Eltern ins Kloster nach Helfta (Zisterzienserinnen) gebracht wurde.

Gertrud war sehr begabt und vertiefte sich bald mit großem Eifer in das Studium der Theologie und Philosophie. Für sie war es selbstverständlich, in dem Orden für immer zu bleiben. Doch im Alter von 25 Jahren fiel sie in eine schwere Lebenskrise. Wozu all dieses Wissen? Eine Universität konnte sie als Frau und Nonne nicht besuchen. Ein Austausch mit anderen Wissenschaftlern außerhalb der Klostermauern war unmöglich. Nirgendwo sah sie eine Möglichkeit, ihr Wissen und ihr Talent sinnvoll einzusetzen. Auch das Leben im Kloster erschien ihr wie ein langweiliger Kreislauf: aufstehen, beten, essen, meditieren, arbeiten, studieren, beten, schlafen. Sie fürchtete, im Trott allgemeiner Pflichterfüllung ersticken zu müssen.

Kennen wir diese Frustrierung nicht auch, die zermürbende Macht des täglichen Einerlei. Wer nimmt schon unser Tun wahr? Gertrud versank in eine tiefe Depression.

Doch als sie verzweifelt keinen Ausweg mehr sah, erlebt sie eine Begegnung mit Christus. Er offenbart sich ihr und zeigt ihr, wo der graue Alltag Farben in sich birgt, die sie nie geahnt hatte. In ihrer ersten Vision tröstet Christus sie mit den Worten: „Ich werde dich befreien, fürchte dich nicht!“ Befreit von allen Ängsten und Zwängen wird Gertrud eine große Mystikerin.

Was das bedeutet, ist kaum in Worte zu fassen. In unserer Zeit fehlen Orte der Stille und wir selber haben nicht mehr die Fähigkeit, die alltäglichen Gedanken abzustellen. Doch wir könnten versuchen bis an die Tür zur inneren Stille vorzudringen.

    Ein Vorschlag:
    Wenn Sie jetzt in der äußeren Stille die Augen schließen, versuchen Sie Ihr Christusbild in Ihnen zu entwerfen, Dann verweilen Sie bei sich selbst und lassen das Bild auf sich wirken. Auch wenn Sie kein Bild sehen sondern nur eine innere Leere erleben, haben Sie möglicherweise die Eingangstür für das gefunden, was mit Mystik umschrieben wird.

Gertrud wurde mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt. So begann in ihr ein tiefer Dialog mit Christus. Diese Gespräche hat sie später aufgeschrieben, weil Christus ihr den Auftrag dazu gab. „Fürchte dich nicht, sondern sei getröstet, stark und sicher. Denn ich selbst, der Herr und Gott, dein lieber Freund, habe dich aus unverdienter Liebe geschaffen und erwählt, um in dir zu wohnen und mich an dir zu erfreuen“ Die Sicherheit, dass sie mit allen Fragen und Nöten sich an Christus wenden kann, und er ihr Antwort gibt, verlieh ihr die Gabe, für viele Menschen, die bald bei ihr Rat suchten, die richtigen Worte zu finden.

Für uns Frauen in der heutigen Zeit erstaunlich hat die heilige Gertrud in ihren Schriften immer aus der Sicht der Frau geschrieben. Ja sie scheute sich nicht, in den Psalmen aber auch im Neuen Testament den Text umzuschreiben, z.B. aus dem verlorenen Sohn machte sie die verlorene Tochter. Auch sieht sie an Stelle des Apostels Johannes sich selber als junge Frau an der Brust Jesu im Abendmahlssaal zu ruhen. Sie sieht sich als Frau ausgewählt, aufzuschreiben, was Christus ihr eingibt.

Die Menschwerdung Christi ist für Gertrud das Hauptthema in ihren Aufzeichnungen. Der göttliche Mensch Christus, der Mensch gewordene Gott lässt alle Menschen teilnehmen an seiner göttlichen Natur und vergöttlicht so die Menschen. Nur die Menschwerdung des Gottessohnes macht es möglich, dass sie sich als Braut Christi versteht. Bei aller Demut weiß sich Gertrud als von Christus erwählt. Das führt sie so weit, dass sie im Gespräch mit ihm von ihrer Berufung zum Priestertum spricht, weil sie sich als Stellvertreterin Christi sieht.

Nach einem Gespräch mit ihm über die priesterliche Binde und Lösegewalt, berichtet sie von seiner Antwort. Christus sagte: „Wenn du durch die Urteilskraft meines Geistes irgend jemand als nicht schuldig erachtest, so werde auch ich jenen für schuldlos halten; wessen Sache du als schuldig beurteilst, der wird auch vor mir als Schuldiger erscheinen. Denn ich spreche durch deinen Mund.“ In dieser Aussage erhält Gertrud den Auftrag einer Beichtmutter, was sie dann auch ausgeübt hat. Gertruds Priestertum beruht also auf der Gegenwart Gottes in ihrer Seele. Ihre Mitschwestern haben sie so voll angenommen, weil sie spürten, dass es wirklich Christus war, der sie berufen hat.

Trotzdem ist es erstaunlich, dass die Kirche der damaligen Zeit, ihre Texte angenommen hat und Gertrud später heilig gesprochen wurde. Sie erhielt zusätzlich den Titel die Große. Ihre Texte werden bis auf den heutigen Tag gelesen. Sie wurden nicht verbrannt und sie selbst wurde nicht auf den Scheiterhaufen geworfen. Auch wurde ihr nicht die Berufung durch Jesus Christus abgesprochen. Damals hat keiner daran gezweifelt, dass diese Gertrud wirklich mit Christus solche Gespräche geführt hat. Auch wurde ihr nicht verboten, als Beichtmutter viele Menschen von ihren Sünden freizusprechen. Was ist mit der Kirche heute geschehen, dass sie sich so schwer tut, den Frauen ihre Berufung zuzugestehen?

Gertrud lebte in Helfta in einer klösterlichen Gemeinschaft. 200 Frauen lebten dort in den verschiedenen Klöstern, die sich gegenseitig stützten und stärkten in ihrem Glauben: Gertrud von Hackeborn, ihre Lehrerin, Mechtild von Hackeborn und Mechtild von Magdeburg, eine andere Gertrud und andere Mitschwestern, deren Namen nicht genannt werden. Hier fand die heilige Gertrud einen Zugang zu ihrer neuen Spiritualität. Bald wurde sie der Mittelpunkt des Theologinnen-Kreises von Helfta.

Unsere Kirche ist in einer Krise, die nur überwunden werden kann, wenn sie die Frauen einbindet, wie es bei der heiligen Gertrud geschah. Immer wieder hören wir, als Argument, dass Jesus keine Frauen berufen habe. Das Leben der Hl. Gertrud zeigt, dass er den Frauen priesterliche Ämter übergab. Jetzt arbeiten Männer aus verschiedenen Klöstern (z.B. Zisterzienser) daran, dass die heilige Gertrud von Helfta zur Kirchenlehrerin erhoben wird und damit auch ihre Schriften anerkannt werden.

Das Wirken der klugen und tatkräftigen Frau im Buch der Sprüche scheint mit der heiligen Gertrud wenig zu tun zu haben. Doch einiges haben die beiden Frauen gemeinsam. Sie führen ihr Leben als ein eigenständiges Leben in einer Gemeinschaft für andere. Beide Frauen arbeiten für Schwache und Arme, wobei das Wort „Arme“ nicht dasselbe bedeutet. Es gibt körperliche und geistige Armut. Ohne eine Begründung arbeitet die tüchtige Frau Tag und Nacht. Warum arbeitet sie ohne Unterlass? Sie kennt keine Pause. Ein innerer Trieb scheint sie anzutreiben. Ist es die Liebe zu ihrer Familie? Ist es der Erfolg ihrer Arbeit? Ist es die Anerkennung der Männer am Stadttor? Erstaunlich ist es, dass sie ohne eine Begründung den ganzen Tag bis in die tiefe Nacht arbeitet. Was treibt sie dazu? Ist es die Liebe zu ihrem Mann? Warum wurde der Text ins Alte Testament aufgenommen? So viele Fragen und keine Antworten!

Die tüchtige Frau findet in ihrer Arbeit für andere Menschen ihren Lebenssinn. Sie braucht keinen, der sie anerkennt. Statt dessen werden die Mitmenschen aufgefordert, sie zu loben und sie als Vorbild nachzuahmen.

Die heilige Gertrud sieht zunächst keinen Sinn in ihrer Arbeit. Sie braucht jemanden der sie wahrnimmt, sie anspornt, ihr den Weg zeigt und sie lobt. Die Gespräche mit Christus sind für sie eine Stärkung auf dem Weg zu Gott und zu sich selbst. Dort findet sie die Liebe zu ihrem Herrn, die allein ihr Lebenskraft schenkt

    „Nun, o Liebe, halte mich und hab mich dir zu eigen,
    denn fürderhin, wenn nicht in dir,
    hab ich nicht Lebenshauch noch Seele.“

Die tüchtige Frau ist sehr achtsam darauf, was ihrem Mann gut tut. Das ist ihr Leitfaden. Danach sind die Menschen in ihrem Umkreis für sie wichtig. Wenn auch in einem Vers sie als gottesfürchtig bezeichnet wird, wird nie auf ein Gebet hingewiesen. Ihr Schaffen für die Menschen in ihrer Nähe sind ihre Gebete.

Für uns kann es tröstlich sein, dass wir wie die tüchtige Frau unser Leben mit unseren Talenten sinnvoll gestalten können. Mit der heiligen Gertrud wird uns eine Frau vorgestellt, die uns von ihrer innigen Gemeinschaft mit Christus erzählt.

Zwei verschiedene Lebensarten von besonderen Frauen werden hier uns vorgestellt. Unzählbare Arten gibt es, das eigene Leben Gott gefällig zu gestalten. Das Wichtigste ist es, ein Ziel im Auge zu haben.

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