Wie mit Meinungsverschiedenheiten und Schuld in einer Gemeinschaft umgehen? – 23. Sonntag im Jahreskreis A

In eigener Sache:
Liebe Leserinnen und Leser,
nach einer langen Krankheitsphase in Folge einer großen Operation, kann ich mich jetzt wieder zurück melden. Es geht weiter mit den Frauenpredigten. Wie wir alle wissen, ist niemand unverwundbar und perfekt. So haben sich auch kleine Lücken eingeschlichen. Ich bitte um Verständnis und Nachsicht. Es wäre schön, wenn sie sich weiterhin an den Frauenpredigten freuen. Vielleicht wird es wieder einmal eine Lücke geben. Aber wir sind wieder da und hoffentlich können wir Sie auch wieder zurück gewinnen.
Mit den besten Wünschen
Birgit Droesser

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 18
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern – und Jüngerinnen:
15 Wenn dein gegen dich Bruder sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.
16 Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde.
17 Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.
18 Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.
19 Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.
20 Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Autorin:
Margret Schäfer-KrebsMargret Schäfer-Krebs, Pastoralreferentin, Referentin im Bischöflichen Ordinariat Rottenburg für Liturgie und Ökumene

 
Die Predigt:
Wie mit Meinungsverschiedenheiten und Schuld in einer Gemeinschaft umgehen?

Liebe Leserin, lieber Leser
„Dem hab ich‘s aber gegeben – und der hab ich mal die Meinung gegeigt“. So oder ähnlich klingt es häufig im Brustton der Überzeugung und des Rechthabens, wenn ein Konfliktpartner, eine Konfliktpartnerin dem oder der anderen Beteiligten Contra gibt und die Dinge „richtig“ stellt. Im Zeitalter der digitalen Kommunikationsmittel und sozialen beziehungsweise unsozialen Netzwerke geht’s erst recht oder noch brutaler zur Sache mit Shitstorms und Hassmails. Gut, wer da cool bleibt und sich eine dicke Haut zugelegt hat. Werden so Probleme, Meinungsverschiedenheiten und auch Fehler behoben? Nach meiner Erfahrung führen diese Wege nicht zu-, sondern auseinander und diese Methoden meist zum Bruch mit den anderen. Am Anfang tut´s noch weh, dann gewöhnt man sich daran und dann dient der Streit zum Gesprächsstoff und zur Unterhaltung bei allen möglichen Begegnungen, aber behoben ist gar nichts; oftmals ist das auch gar nicht oder nicht mehr intendiert. Man hat sich arrangiert.

Unter Christen ist es nicht besser. Glaube und Christsein schützt nicht vor Meinungsverschiedenheiten, Boshaftigkeit, Sünde und Schuld. Die Kirchengeschichtsbücher sind voll davon und auch im kleinen Rahmen der Gemeinden und Gemeinschaften ist man oft meilenweit von dem entfernt, was in der Apostelgeschichte so ideal geschildert wird: … Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam….sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt (Apg 2, 44.47a).

Im Blick auf das heutige Evangelium geht es nicht darum, makellos und schuldlos zu bleiben, sondern darum, wie man miteinander umgeht, wenn man aneinander schuldig wird. Das Evangelium steht im Kontext der ‚Rede über das Leben in der Gemeinde‘. Drei Verse zuvor geht es um die Freude über das eine verlorene Schaf, das wiedergefunden wird und im nächsten Abschnitt geht es um das siebenundsiebzig-malige Vergeben dem- oder der Nächsten gegenüber. Was Jesus hier anbietet ist ein geniales Deeskalationsprogramm. Der Kontext macht deutlich, dass es um Liebe und Fairness im Konfliktfall und um eine wirkliche Lösung geht, um Neuanfang und Zukunft. Freilich, das muss man erst einmal wollen. Allerdings nicht mit oberflächlichen faulen Kompromissen unter denen es weitergärt.

Jesus gibt einen Drei-Stufen-Plan vor: Der erste Schritt ist das Gespräch unter vier Augen. Jeder Psychologe kann das heute genauso sagen: Sprich „mit“ einem, dann brauchst du nicht „über“ ihn zu reden. Zurechtweisen heißt nicht von oben herab „in den Senkel stellen“, was in der Regel auch nichts bringt. Zurechtweisen heißt recht weisen, sich der Situation in Wahrhaftigkeit und Klarheit stellen, lösungsorientiert und bereit zu verzeihen. Auf der anderen Seite braucht es aber ebenso die Akzeptanz der eigenen Schuld und die Annahme der Vergebung und das kann sehr schwer sein. Tausend Ausreden stellen sich dagegen, oft auch einfach Uneinsichtigkeit und Verstockt-Sein. Erfahrungen dazu kann wohl jeder und jede zur Genüge beisteuern. Beim zweiten Versuch, wenn der erste nichts nützt, werden andere eigeschaltet, das erhöht die Objektivität. Hilfreich ist auch hier, dass alles noch nicht an der großen Glocke hängt, sondern diskret behandelt wird. Erst wenn dieser Versuch ins Leere läuft wird es der Gemeinde gesagt. Viermal steht das Wort hören in diesem Schrifttext. Oft erlebe ich es so, dass mein Gegenüber – und ich ertappe mich auch dabei – schon die Antwort parat hat, noch bevor ich ausgeredet habe. Das ist nicht „hören“, sondern überhören und weghören. Zuhören heißt verstehen wollen, was der andere sagt, sich darauf einlassen, nachdenken und dann von dort aus weiterdenken. Das ist anstrengend, aber erfolgversprechender als das auch anstrengende Aneinander-Vorbeireden, mit dem man auf der Stelle tritt.

Ob es bis zum dritten Versuch kommt, hängt also auch davon ab, ob es mit dem Hören geklappt hat und dadurch Einsicht und Umkehr vorher möglich wurde. Wenn auch auf die Gemeinde nicht gehört wird, ist eine Grenze erreicht und zwar für die Gemeinde. Es gehört zur Realität einer Gemeinschaft und Gemeinde, dass man sich auch von Mitgliedern distanzieren muss oder distanzieren können muss, wenn jemand so Ärgernis gibt, dass die ganze Gemeinde darunter leidet. Distanz kann weh tun, sie bringt aber auch Ruhe und verhindert weitere Verletzungen. Hört er auch auf sie, die Gemeinde, nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner (V 17b), damit hört das heutige Evangelium nicht auf. Die Liebe hat keine Grenzen – der Lieblosigkeit müssen aber Grenzen gezeigt und gesetzt werden. Der gebotene Abstand und einander loslassen bedeuten nicht, dass der Übeltäter oder Zerstörer für tot erklärt werden. Man bleibt füreinander verantwortlich.

Und da wo man menschlich nichts mehr machen kann, ist Gott noch lange nicht fertig. Die Verbindung bleibt über das Gebet. Die Gemeinde, und seien es nur zwei oder drei, können einmütig bitten dein Wille geschehe. Wie oft hat sich dann später eine Beziehung wieder neu gefügt. Die Tür soll offen und die Gebetsfürsorge erhalten bleiben. Wie aus dem Gleichnis vom Weizen mit dem Unkraut bekannt ist (vor einigen Wochen stand es am 16. Sonntag in der Leseordnung), hat das letzte Wort und das letzte Urteil immer Gott. Wer Mist gebaut hat kann zuvor jederzeit um- und zurückkehren. Und dabei geht es um den Menschen. Es ist nicht nur ein Problem gelöst, sondern Gemeinschaft wieder hergestellt: So hast du einen Bruder, eine Schwester zurückgewonnen, wie es beim erfolgreichen Vieraugengespräch heißt.

Ich stelle mir eine Gemeinde und eine Kirche vor, die das aufmerksame Hören vor jedes Reden über andere stellt und das Gebet, vor jedes Beurteilen und vor jedes Konfliktgespräch. Wir wären wirklich eine Stadt auf dem Berg und Friedenslichter in den Streitigkeiten diese Welt.

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