Die Macht der Friedfertigkeit – 22. Sonntag im Jahreskreis A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 16
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
In jener Zeit
21 begann Jesus seinen Jüngern und Jüngerinnen zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und Vieles von Ältesten, Hohenpriestern und Toragelehrten erleiden und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.
22 Petrus nahm ihn beiseite und begann, ihm Vorhaltungen zu machen: »Gott sei dir gnädig, zu dir gehöre ich doch. Das darf dir nicht passieren!«
23 Jesus drehte sich um und sagte zu Petrus: »Geh‘ weg von mir, Satan. Du willst mich zur Untreue verleiten, denn du hast nicht Göttliches im Sinn, sondern Menschliches.«
24 Da sagte Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: »Wer meinen Weg gehen will, sage sich von sich selbst los und nehme das eigene Kreuz auf sich und folge mir nach.
25 Wer das eigene Leben retten will, wird es verlieren. Wer das eigene Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.
26 Was nützt es Menschen, wenn sie die ganze Welt gewinnen, ihr Leben aber Schaden erleidet? Was werden Menschen an Stelle ihres Lebens eintauschen können?
27 Der Mensch wird im Schein göttlichen Lichtes, umgeben von Engeln Gottes, kommen und dann wird er jedem Menschen nach den eigenen Taten Recht sprechen.

Autorin:
Utta-Hahn-2-150x150Utta Hahn, Gemeindereferentin, Dekanatsreferentin in Schwäbisch Hall

 
Die Predigt:
Die Macht der Friedfertigkeit

Liebe Leserin, lieber Leser,
die Neue Einheitsübersetzung wollte die Übersetzung näher zum Urtext rücken, will für alles deutschsprachigen Diözesen und für alle Anlässe, in denen die Bibel gelesen wird gelten – für Gottesdienst wie für Schule, für Selbststudium wie für die meditative Betrachtung. Und sie wollte im Vergleich mit der Vorgänger-Übersetzung manche Tradition der Hörgewohnheit bewahren.

Das sind immens viele Anliegen und Ansprüche und allein, wenn wir die Lesungen am Sonntag im Gottesdienst hören, merken wir, dass das wohl wirklich eine schwierige Aufgabe war. Nun sind wir hier im Predigtblog in der privilegierten Situation, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser den Text, auf den wir Autorinnen uns beziehen direkt vor sich haben – und wir sind in der glücklichen Lage, dass wir auch andere Übersetzungen heranziehen können und ihnen somit ein zweites Ohr auf den Text des Sonntags anbieten.

Genau aus diesem Grund habe ich für diesen Sonntag den Text aus der „Bibel in gerechter Sprache“ gewählt – er klingt anders als der der Einheitsübersetzung – und er legt uns eine gute Spur in unsere heutige Situation.

Jesus erklärt seinen Freundinnen und Freunden, er müsse nach Jerusalem gehen und Vieles erleiden und getötet werden und auferstehen. Ich stelle mir vor, dass das Gespräch sich in diesem Moment darum gedreht hatte, wie denn nun alles weitergeht – wie mit Misserfolg oder Ablehnung seitens der Zuhörerinnen und Zuhörer und seitens der religiösen Autoritäten und der Staatsmacht umgehen? Und Jesus predigt, indem er das lebt, was er verkündet.

In der Konsequenz der Botschaft vom Reich Gottes treu bleiben – der Botschaft von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes, der Botschaft von Gottes Zu-Trauen, dass jeder Mensch gleich an Würde ist und die Gemeinschaft wächst, wenn miteinander, nicht übereinander entschieden wird….dieser Botschaft treu zu bleiben, heißt, in Konflikt mit der Obrigkeit zu geraten, denn es stellt die ungerechte Struktur von Macht, Einfluss und Gewalt in Frage.

Jesu Botschaft vom Reich Gottes, das schon angebrochen ist, setzt auf das Wachstum – der Anfang ist klein – ein Mensch, ein Herz, ein Gedanke, der der Welt mit Wohlwollen und Zutrauen, mit dem Blick Gottes – barmherzig, geduldig und liebend – entgegentritt. Das hat Jesus in all seinen Belehrungen, in all seinen Begegnungen und Heilungen gelehrt und das hofft er, haben auch seine Freundinnen und Freunde nun schon ein klein wenig verstanden.

Die Konsequenz kann durchaus sehr krass sein oder ist oft sehr krass. Jesus sieht, dass er wird leiden müssen – aber vielleicht kann er dem entgegengehen, gerade weil er das lebt, was er am Ende des Abschnittes heute nochmal sagt. Absehen von der eigenen Wichtigkeit und genau dadurch immens wichtig werden.

Kein Wunder, dass er den Einwand von Petrus harsch und kurz angebunden zurückweist. Geh weg von mir, Satan. Petrus will das nicht, weil er da ja auch dranhängt, wenn es Jesus so ergeht. Die Bibel in gerechter Sprache macht das sehr gut deutlich. Es ist dahinter vielleicht mehr die Sorge um die eigene Zukunft als um die Unversehrtheit von Jesus. Und er bringt Gott ins Spiel – Gott darf das nicht zulassen. Und auch das weist Jesus als falsches Gottesverständnis zurück. Es geht nicht darum, was Gott zulässt oder nicht, es geht darum, ob wir dieser Botschaft, diesem Reich Gottes Raum geben – in uns selbst und in der Welt und dies in aller Konsequenz leben.

Ich denke bei diesem Evangelium an all die vielen friedlichen Demonstrationen, vor allem an die Menschen in Belarus, die in diesen Tagen mit aller „Macht“ der Friedfertigkeit und des Wunsches nach Veränderung auf die Straßen gehen und sich mit allem, was sie haben – ihre Zeit, ihre Person, ihre Einigkeit, ihre Unerschrockenheit und ihrem Mut ihre Forderung nach Veränderung, nach Wahrhaftigkeit und Demokratie Ausdruck verleihen.

Ich weiß nicht, ob die Menschen in Belarus Christen sind, ob sie das Evangelium oder gar diese Stelle im Matthäusevangelium kennen, aber vielleicht macht dies auch deutlich, dass Jesus uns etwas – neu – gelehrt hat, was in uns Menschen steckt, was wir entdecken können, was uns groß und vielleicht auch glücklich macht.

Für was setzen wir unsere Energie ein?
Was gibt unserem Leben Sinn?

Jesus bringt das auf den Punkt:
25 Wer das eigene Leben retten will, wird es verlieren. Wer das eigene Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.
26 Was nützt es Menschen, Was nützt es Menschen, wenn sie die ganze Welt gewinnen, ihr Leben aber Schaden erleidet?

Welches Leben kann den Schaden leiden, wenn wir uns für das Gute Leben, für Würde, Gleichberechtigung und Achtung einsetzen? Ich denke an die vielen Bewegungen, die es in der Geschichte schon gab, die friedfertig und ohne Gewalt für ihre Ziele gearbeitet haben. Wie sähe die Welt, wie sähe das Christentum heute aus, wenn es sich hauptsächlich an dieser Haltung orientiert hätte?

All dies, kann nicht von oben und von außen den Menschen, den Gläubigen, den Christen verordnet werden. Aber es steckt in jedem Menschen – das ist es, was Jesus uns gelehrt hat.

Ich wünsche allen, die an so vielen Orten auf der Welt sich einsetzen für das Reich Gottes, dass sie Lebendigkeit und erfülltes Leben ausstrahlen, daraus leben und damit den Weg Jesu gehen. Amen.

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