Warten oder losgehen? – 2. Adventssonntag B

Erste Lesung aus dem Buch Jesaja, Kapitel 40
1 Tröstet, tröstet mein Volk, /
spricht euer Gott.
2 Redet Jerusalem zu Herzen /
und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst zu Ende geht, /
dass ihre Schuld beglichen ist; denn sie hat die volle Strafe erlitten /
von der Hand des Herrn /
für all ihre Sünden.
3 Eine Stimme ruft: /
Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße /
für unseren Gott!
4 Jedes Tal soll sich heben, /
jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, /
und was hüglig ist, werde eben.
5 Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, /
alle Sterblichen werden sie sehen. /
Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen.
9 Steig auf einen hohen Berg, /
Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, /
Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! /
Sag den Städten in Juda: /
Seht, da ist euer Gott.
10 Seht, Gott der Herr, kommt mit Macht, /
er herrscht mit starkem Arm. Seht, er bringt seinen Siegespreis mit: /
Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her.
11 Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, /
er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, /
die Mutterschafe führt er behutsam.

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 1
1 Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes:
2 Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten vor dir her; /
er soll den Weg für dich bahnen.
3 Eine Stimme ruft in der Wüste: /
Bereitet dem Herrn den Weg! /
Ebnet ihm die Straßen!
4 So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.
Umkehr und Taufe, wörtlich: Taufe der Umkehr.
5 Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.
6 Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.
7 Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.
8 Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

Autorin:
Utta-Hahn-2-150x150Utta Hahn, Gemeindereferentin, Landpastoral Schönenberg in Ellwangen

 
Die Predigt:
Warten oder losgehen?

Liebe Leserin, lieber Leser,
Advent heißt „Ankunft“ – das haben wir vielleicht schon oft gehört. Aber müsste diese Zeit nicht eher „Warten“ heißen? Denn wenn wir schlussendlich die Ankunft feiern – an Weihnachten – ist der Advent, die „Ankunft“ ja schon vorbei. Vielleicht sind „Warten“ und „Ankunft“ in der Sprache des Glaubens ja wie die zwei Seiten der gleichen Münze?

Wir beginnen im Advent jeweils das neue Kirchenjahr und liturgisch sind wir nun im Lesejahr B – was bedeutet, dass wir viele Texte aus dem Markusevangelium in den Sonntagsevangelien hören werden. Und heute, am zweiten Advent, hören wir aus dem ersten Kapitel dieses Evangelisten. Markus beginnt mit diesen Versen sein Evangelium, seine Verschriftlichung der Botschaft Jesu, die ihn und seine Gemeinden seit etwa 40 Jahren prägen. In diesen Jahrzehnten hatten sich viele christliche Gemeinden gebildet, die sich meist als Teil der jüdischen Gemeinschaft verstanden. 67 n.Chr. hatte es einen Aufstand gegen die römische Besatzung gegeben, der von Rom brutal niedergeschlagen wurde – es hatte Kämpfe in Galiläa gegeben und Jerusalem wurde von den Römern nicht nur zurückerobert, sondern komplett zerstört. Die Menschen aus Jerusalem wurden heimatlos und es gab viele Opfer dieses Krieges.

Wie sollte man angesichts des Leides noch glauben?

Markus wollte den Menschen Halt, Trost und eine Perspektive geben. Einer der wichtigsten Sätze des Evangeliums ist gleich der erste: Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, Gottes Sohn.

Alles, was danach kommt, ist der Versuch, diese Glaubenswahrheit verständlich zu machen.
Jesus ist der Christus – der Gesalbte, der Erwählte Gottes
und Jesus ist der Sohn Gottes – ist der „Gott, der unter uns wohnt“, der unser Leben
teilt und sich nicht fern von uns Menschen hält.

Jesus war nicht nur ein netter Mensch, der Gutes getan hat, fatalerweise ermordet wurde und von Freunden als auferstanden bezeugt wurde, aber nun trotz all der Hoffnung nicht wiederkam und auch den Krieg und auch die Niederlage nicht verhindert hatte. Der Evangelist Markus holt mit seinem Evangelium diesen Jesus in die Gegenwart der Gemeinde zurück – indem er alles sammelt, ordnet und in den Zusammenhang von den Schriften, den Verheißungen, den Zeugnissen, den Erfahrungen der Vergangenheit und der Gegenwart hineinstellt.

Es ist ein Zeitzeugnis des ersten Jahrhunderts und gleichzeitig ein Fenster in die immerwährende Gegenwart Jesu auch in unserer Gemeinde heute und in unseren Herzen hier und jetzt.

Also zeitlos und doch drängend; Entscheidung verlangend, damals wie heute; keinen Aufschub duldend – Johannes der Täufer, ein Rufer in der Wüste – Markus sieht in ihm den Boten, den Jesaja als den Rufer von Gottes Wort ankündigt. Dass er ruft, dass es nicht unendlich viele Male wiederholt wird, dass es Menschen gab, die darauf warteten und darauf reagierten – das alles sind Hoffnungszeichen: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her – Stimme eines Rufers in der Wüste.

Wüste – das kann die äußere, menschenleere, wasserlose, klimatisch extreme Region sein, die das Leben vor existenzielle und sehr schwierige Herausforderungen stellt und das Überleben nicht einfach macht.

Wüste – das kann auch die innere sein, die beziehungsleere, einsame, glaubenslose oder sinn-lose Region in unseren Gesellschaften oder in unserer Seele, die das Überleben und Sinn-Finden nicht einfach macht.

Wüste – das kann die Stille sein, in der die Zeit stillzustehen scheint und in der Neues entstehen kann.

Wüste – das kann die Stille sein, in der jeder Ton gestorben ist, eine Art Taubheit, die zu einer unüberwindlichen Hürde zu den Mitmenschen geworden ist.

Erkennen wir den Boten?
Hören wir die Stimme?
Führt sie heraus aus der Wüste?

Ja, bei Markus gibt es Menschen, die den Boten sehen und die Stimme hören. Es sind nicht nur ein paar Einzelne, sondern: GANZ Judäa und ALLE Einwohner Jerusalems kommen zu Johannes, hören ihm zu und lassen sich von ihm taufen, als Zeichen ihrer Bereitschaft zur Umkehr.

Ein starkes Zeichen.

Warten wir lieber oder gehen wir schon los?
Gehen wir hinaus in die Wüste und hören die Stimme?
Wollen wir neu beginnen und uns verändern lassen oder weitermachen, bis die Veränderung auf uns zukommt?
Warten wir auf die Anderen oder sind wir Teil vom Ganzen Volk?

Markus hat den Propheten Jesaja vor Augen, wenn er Johannes, den Täufer, charakterisiert. In dem Abschnitt, auf den er Bezug nimmt, finden wir eine Verheißung des Friedens und der Gerechtigkeit für das Volk Israel, das heimatlos und unterdrückt von den Mächtigen Babylons, wenig Hoffnung hatte, jemals wieder in Frieden und selbstbestimmt leben zu können.

Gott legt dem Propheten Trost- und Hoffnungsworte in den Mund – dass Gottes Herrlichkeit wieder offenbar werden wird – dass es jenen Boten geben wird, der dem Herrn voraus geht, und dass er dem Herrn den Weg bahnen wird. Doch aufhorchen lassen mich die letzten zwei Verse dieses Abschnitts: Siehe, Gott der Herr, kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm. Siehe, sein Lohn ist mit ihm und sein Ertrag geht vor ihm her. Wie ein Hirt weidet er seine Herde, auf seinem Arm sammelt er die Lämmer, an seiner Brust trägt er sie, die Mutterschafe führt er behutsam.

Gott kommt mit Macht – ja, das steht da so; aber seine Macht besteht darin,
sein Volk wie ein Hirte zu führen und die Zärtlichkeit gegenüber den Schwachen ist wichtiger als Lärm und Pomp. Das ist mir Trost auch in diesen Tagen, wenn Jerusalem wieder mehr denn je ins Zentrum von Konflikt und Ansprüchen rückt, – Spielball von fremden Interessen wird und die Menschen in der Region wieder mehr denn je unter Unterdrückung und Gewalt leiden müssen.

Gottes Anspruch und Herrlichkeit ist eine fürsorgliche, allen Menschen zugewandte zärtliche Liebe. An Weihnachten hören wir von dieser Liebe vor allem von den anderen Evangelisten – aber Markus wird uns durch das Jahr begleiten und er lädt uns ein, immer wieder genau hinzuhören, die Stimme in der Wüste zu suchen, die uns Gottes Gegenwart ankündigt, und uns aufzumachen, dem entgegenzugehen, der uns mit Heiligem Geist taufen kann.

Warten wir, indem wir losgehen!
Seien wir Botinnen und Boten, die Gott den Weg in unsere Welt und zu den Menschen bahnen!
Erheben wir unsere Stimmen in den Wüsten, die so vielen das Leben schwer machen!
Seien wir voll Hoffnung auf den Heiligen Geist, der uns verheißen ist!
Amen.

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