Luzia feiern oder: Polarität schenkt Leben – 3. Adventssonntag C und Gedenktag der Heiligen Luzia

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 3
In jener Zeit
11 fragten die Leute Johannes: Was sollen wir also tun?
Er antwortete ihnen: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.
12 Es kamen auch Zöllner zu ihm, um sich taufen zu lassen, und fragten: Meister, was sollen wir tun?
13 Er sagte zu ihnen: Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist.
14 Auch Soldaten fragten ihn: Was sollen denn wir tun? Und er sagte zu ihnen: Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!
15 Das Volk war voll Erwartung und alle überlegten im Stillen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Messias sei.
16 Doch Johannes gab ihnen allen zur Antwort: Ich taufe euch nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
17 Schon hält er die Schaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen und den Weizen in seine Scheune zu bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.
18 Mit diesen und vielen anderen Worten ermahnte er das Volk in seiner Predigt.

Autorin:
Foto_Jutta_Schnitzler-Forster-225x300Jutta Schnitzler – Forster, verheiratet, zwei Söhne, Gemeindereferentin in den Suso – Gemeinden Ulm, Bildungsreferentin und Organisationsberaterin

 
Die Predigt:
Luzia feiern oder: Polarität schenkt Leben

Liebe Leserin, lieber Leser,
Luzia, die Helle und Leuchtende, wird seit der gregorianischen Kalenderreform 1582 am 13. Dezember gefeiert. Davor war ihr Festtag am Tag der Wintersonnenwende. Die dunkelste und längste Nacht des Jahres war der Hintergrund und Rahmen für die Lichtbringerin. An ihrem heutigen Ehrentag möchte ich Ihnen einige Aspekte dieser Gestalt vorstellen, die ganz verschiedene Wurzeln haben.

Populär und unverzichtbar wird Luzia in Schweden gefeiert und darf in keiner Familie und Schule fehlen. Luzia als christliche Gestalt stammt aus der damals jungen christlichen Gemeinde in Rom. Sie gehört zu den Heiligen, von deren Leben es kaum historische Hinweise gibt. Eine Grabplatte aus dem 4. Jahrhundert bezeugt eine junge Frau, die offensichtlich während der Christenverfolgung unter Diokletian hingerichtet wurde. Ihre Vita hat mit vielen anderen Heiligen Frauen Gemeinsamkeiten: Sie soll jungfräulich gelebt haben und sei gegen den Willen ihrer Familie zum Christentum konvertiert. Den für sie auserwählten Bräutigam hat sie abgelehnt und blieb, trotz vielfältiger Folter standhaft und starb für ihren jungen Glauben. Im regionalen Brauchtum im Voralpenland gibt es eine dunkle Gestalt der Luzia, die ähnlich wie Nikolaus und Knecht Ruprecht als Doppelgestalt auftritt, um vor allem Kinder zu erschrecken oder sie zu belohnen. In allen Gestalten finden wir ein Grundthema: Dunkelheit und Licht.

Das Dunkel war seit jeher mit Ängsten und Bedrohung verbunden. Wer oder was kann aus Dunkelheit retten und wie kann man diese Kräfte wecken und stärken? Viele völkerkundliche Arbeiten bezeugen hier die Kreativität und teilweise auch den Aberglauben der Menschen.

In unserer modernen und eher überbeleuchteten Zeit, fürchten wir weniger das äußere Dunkle. Wohl aber dunkle Gefühle und Ängste, wie sie in uns allen vorhanden sind. Als Dunkelheit empfinden wir auch schwere Zeiten und Schicksalsschläge. Dunkelheit das können die Schattenseiten meiner Seele, mein Versagen, meine Schuld, mein Scheitern sein.

In der Welt gab und gibt es viel Dunkles: Kriege, Gewalt, Zerstörung. Das fällt uns immer in der Adventszeit besonders auf, weil wir uns in diesen Tagen Frieden und Heimeligkeit wünschen. Dunkelheit macht Angst. Nicht nur Kindern! Dunkelheit zu ertragen und sie zu durchleben ist eine Herausforderung. Ob persönlich oder gesellschaftlich. Jeder Schritt ist mühsam, es fehlt die Orientierung, man ist hilflos und es kostet sehr viel Kraft. Wann endlich kommt das Licht? Wann wird es heller, erträglicher?

Aus der Physik wissen wir, dass Licht in der absoluten Dunkelheit entsteht.
Ein Wunder des Lebens, das zeigt, dass Licht und Dunkelheit nicht getrennt sind, sondern ineinander übergehen, in Bewegung sind. Vielleicht kennen Sie das chinesische Zeichen von Yin und Yang, das diese Wahrheit abbildet. In der dunklen Seite gibt es schon den hellen Anteil und umgekehrt. Die Pole sind eine Einheit, sie bilden ein Ganzes. Welch ein Trost für die, die im Dunkeln sitzen, und welch eine Wahrheit für die, die auf der Sonnenseite stehen. Unser Leben, persönlich und gesellschaftlich ist immer in Veränderung.

Das haben wir in diesem Jahr besonders durch die stark gestiegene Zahl der Flüchtlinge bemerkt. Sie fliehen vor den dunklen Machenschaften ihrer Despoten, vor Terror und Gefahr für Leib und Leben. Sie suchen Wege in eine hellere und lichtvollere Zukunft. Sie wollen sich nicht abfinden mit den dunklen Abgründen ihrer Herkunftsländer, die in Gewalt und Elend versinken. Für unsere helle und vergleichsweise heile Welt sind diese Menschen und die Herausforderungen, die durch ihr Kommen entstehen, eine Bedrohung. Wir spüren und benennen unsere Ängste. Wie wird sich unsere Gesellschaft weiter entwickeln? Welche Verteilungskämpfe und sozialen Verwerfungen werden auf uns zu kommen? Eine komplexe und widersprüchliche Situation ist entstanden und verführt uns, die Fremden als Bedrohung zu sehen und den Teufel an die Wand zu malen.

Warum sehen wir schwarz? Warum anerkennen wir nicht, dass wir inzwischen längst in einer globalisierten Welt leben und Abgrenzungen und rassistische Parolen die globalen Probleme nicht lösen, sondern verschärfen. Warum leisten wir nicht alle einen kleinen Beitrag, um das sprichwörtliche kleine Licht anzuzünden, das der Dunkelheit die Bedrohung und den Schrecken nimmt? Warum haben wir so wenig Hoffnung?

Was ich von Luzia über Licht und Dunkelheit gelernt habe, ist, dass beide Pole zusammen gehören und es nie „entweder – oder“, sondern „sowohl – als auch“ heißt.
Ja, es ist eine Herausforderung für unsere Gesellschaft, doch wir haben genug Geld und genug Menschlichkeit, um es schaffen zu können! Ja, es braucht Regeln für das Miteinander und wir alle können unsere christlichen Werte glaubwürdig vorleben und einfordern!
Ja, wir dürfen unsere Ängste thematisieren, sollten aber mehr auf konkrete Begegnungen setzen, denn sie bauen Vorurteile ab!
Das Dunkel verliert seinen Schrecken, wenn ich mich einlasse und wenn ich aktiv werde.

Dunkel und Licht haben für mich auch eine tiefe religiöse Bedeutung: Gott bringt zusammen, was Menschen trennen und abspalten.

Gott ist auch ein Gott der Dunkelheiten und Herausforderungen. Gerade hier will er uns nahe sein. In unsere unheilvolle Welt schickt er seinen Sohn. Er ist das Licht, das die Gegensätze verbindet, und so Zukunft ermöglicht. In der Weihnachtsgeschichte treffen Licht und Dunkelheit, Himmel und Erde, Gott und Mensch, Mensch und Tier, Männer und Frauen, einfache Hirten und Könige aufeinander und alle haben einen guten Platz. Das göttliche Kind schenkt Frieden und gibt allen Raum zum Leben.

Luzia bringt uns Licht, wenige Tage vor Weihnachten. Sie zeigt uns, dass Gegensätze zusammengehören und einander brauchen. Gott hat die Welt in Polarität geschaffen. Es ist an uns, nicht eine Seite abzuwerten oder zu dämonisieren. In der Spannung und in der Bewegung der Pole liegt die Kraft, die Leben schafft. Deshalb trägt Luzia den immergrünen Kranz, sie gürtet sich in der Farbe der Lebenskraft und sie schenkt Brot. Eine hoffnungsvolle Botin von Licht und Leben in dunkler Zeit. Amen.

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3 Antworten auf Luzia feiern oder: Polarität schenkt Leben – 3. Adventssonntag C und Gedenktag der Heiligen Luzia

  1. Andrea sagt:

    Kleiner Hinweis: Der erste Satz im Bibeltext stellt einen falschen Bezug her. Johannes der Täufer wird gefragt und antwortet im Folgenden, nicht Jesus!

    • Birgit Droesser sagt:

      Danke für die Aufmerksamkeit. Der Fehler ist mir in der manchmal unvermeidlichen Eile unterlaufen und jetzt korrigiert. B. Droesser

  2. Walburga Rüttenauer-Rest sagt:

    „Aus der Physik wissen wir, dass Licht in der absoluten Dunkelheit entsteht.“ Leider wissen wir nicht, wie das Licht entstanden ist. Es gibt viele Modelle, Theorien u.ä. dazu, aber keine ist unangefochten. Es ist bis heute ein Geheimnis der Schöpfung, ein Geheimnis Gottes? Dunkelheit ist kein Gegenstand der Physik, sie ist ein Fehlen, ein Mangel an Licht.

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