Wer Ohren hat, höre! – 15. Sonntag im Jahreskreis A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 13
1 An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees.
2 Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer.
3 Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen. Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen.
4 Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen sie.
5 Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war;
6 als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte.
7 Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat.
8 Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.
9 Wer Ohren hat, höre!

Autorin:
_MG_7932-web Birgit DroesserBirgit Droesser, Pastoralreferentin, war tätig in der Gemeindepastoral, in der Klinikseelsorge und im Theol. Mentorat Tübingen

 
Die Predigt:
Wer Ohren hat, höre!

Liebe Leserin, lieber Leser,
eigentlich kann man ein Gleichnis gar nicht für andere auslegen. Es spricht alle, die zuhören, unmittelbar und ganz individuell an, zieht mit hinein, fordert unser eigenständiges Denken heraus und stellt die Frage: Was ist mit dir? Wo stehst du gerade? So möchte ich Ihnen mitteilen, was mir dieses Evangelium zu denken gibt, als Anregung für Sie, um selber weiter daran zu stricken.

Eine große Menschenmenge läuft zusammen, um Jesus zu hören, und er erzählt von einem Sämann, der seine Arbeit tut und Samen ausbringt. Jedes Samenkorn hat in sich das Potential, eine reiche Kornähre auszubilden. Es kommt aber darauf an, wie der Boden beschaffen ist, der es aufnimmt, ob es ein weicher, vorbereiteter und geeigneter Boden ist, oder ein trockener, harter, felsiger und dorniger Untergrund. Das ist zunächst einmal die wichtigste Voraussetzung, damit ein Samenkorn überhaupt aufgehen und Wurzeln bilden kann, um dann nach der Wachstumsperiode, in der sehr viel vom Wetter, von Sonne, Regen und Wind abhängt, Frucht zu bringen. Darauf kommt es Jesus offensichtlich an. Sofort drängt sich der Gedanke auf, dass Jesus Gott, seinen Vater, mit dem Sämann meint. Durch Moses und die Propheten, in der langen Geschichte mit seinem Volk, hat Gott so viel guten Samen in Geist und Herz der Menschen gesenkt, dass sie eigentlich in der Lage sein sollten, ihn zu kennen und seine Absichten für seine Schöpfung zu verstehen. Aber weil sie eben nicht, oder immer wieder nicht, auf ihn gehört und bei anderen Göttern und Idealen Orientierung gesucht haben, sandte er schließlich seinen Sohn. An dem, was er sagt, und an dem, was er tut, können wir ein für alle Mal erkennen, wer und wie Gott ist, und was er von seinen Menschen will. Wer Augen hat, sehe! Wer Ohren hat, höre!

Dieses Evangelium wird uns als christliche Gemeinde im Sonntagsgottesdienst vorgetragen. Wir sind da; wir sind gekommen um zu hören, in vielen Kirchen als kleine Restgemeinde im Gegensatz zur Mehrheit derjenigen, die am Sonntag einen anderen Lebensstil für sich wählen. Legt es sich da nicht nahe, dass wir das Bild vom guten Boden für uns in Anspruch nehmen? Hatten nicht auch die anderen Religionsunterricht? Wurde nicht die Erstkommunion auch in diesem Jahr mit großem Einsatz der Katechetinnen und und einer besonders schönen Liturgie gefeiert? Und wo sind die Kinder und die Familien jetzt? Wo sind die Jugendlichen nach ihrer Ministrantenzeit, wo die jungen Erwachsenen? Das ist doch wie die Aussaat auf felsigen Boden mit wenig Erdreich; die Saat geht zwar auf, aber die Alltagssonne versengt die Pflänzchen, weil sie keine kräftigen Wurzeln bilden konnten. Es war also nur ein kurzes Strohfeuer!

Vorsicht, möchte ich rufen, wenn wir uns bei solchen oder ähnlichen Gedanken ertappen! Denn ist es wirklich so: Bringt Gottes Same in uns, bringt er in mir tatsächlich reiche Frucht? Ist da, um im Bild zu bleiben, nicht auch viel leeres Stroh und verschimmeltes Korn dabei? Diese Frage stellt mir das Gleichnis, denn es wird mir ja verkündet, damit ich nachdenke, damit mir die Augen aufgehen, mit einem Wort, damit ich mich ändere. Bei dem, was ich jetzt sage, schließe ich mich deshalb von vornherein mit ein. Ich habe den Eindruck, dass oft ein Firnis, oder besser gesagt eine glänzende Lackierung über dem Gemeindeleben liegt. Viel Gutes wird getan, weil wir ja Gutes tun und alles recht machen wollen. Aber ist „das Gute“ immer gut? Haben wir wirklich Interesse aneinander und Augen für das, was die anderen brauchen? Wie steht es mit der Herzlichkeit unter uns? Haben die anderen unseren aufrichtigen Respekt, oder ist da nicht auch viel überflüssiges, manchmal sogar bösartiges Gerede und Getratsche?

Ein Erlebnis aus dieser Woche hat mich auf diese Fragen gebracht. Es war ein langes Telefongespräch mit einem sehr alten Herrn aus der entfernteren Verwandtschaft, der sich für ein Geburtstagspäckchen bedanken wollte. Er ist verwitwet und kinderlos, lebt alleine in einer kleinen Mietwohnung. Früher hat er sich viele Jahre in der Seniorenarbeit der Gemeinde engagiert, war bis vor nicht allzu langer Zeit Mitglied im Kirchenchor und geht noch regelmäßig zum Gottesdienst. Und doch fühlt er sich mutterseelenallein. Ins Seniorenheim möchte er nicht, weil er niemanden hat, der sich um ihn kümmert und nach dem Rechten sieht; er fürchtet, dort fremden Menschen ausgeliefert zu sein. Und das Schlimmste für ihn ist: es gibt ein jüngeres Ehepaar, mit dem er und seine Frau früher befreundet waren, das sich bereit erklärt hat, nach ihm zu schauen und sogar die Vorsorgevollmacht für ihn zu übernehmen. Die Leute sind in der Kirchengemeinde aktiv und sehr angesehen, aber für den alten Herrn bleibt, so empfindet er es, wenig Zeit und Aufmerksamkeit. Er meint, er könne sich niemandem anvertrauen, um nicht noch das zu verlieren, was er jetzt an Unterstützung hat.

Zu dieser Geschichte ist mir ein ähnliches Beispiel aus meinem Umfeld eingefallen. Und deshalb möchte ich mir und uns die Frage stellen: Wie leben wir miteinander? Wie aufmerksam sind wir füreinander? Ist unser Herz dabei, wenn wir jemandem etwas Gutes tun? Wie schön wäre es, wenn es bei uns so freudig und warm zuginge, dass andere sagen: „Toll, diese Christen; das interessiert mich; da will ich dazugehören.“ Wer Ohren hat, höre! Amen

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten auf Wer Ohren hat, höre! – 15. Sonntag im Jahreskreis A

  1. Kähny sagt:

    …nicht zu beneiden…!

    in Joh 9.39 sagt der Christus:“ Ich bin gekommen zu richten- die Sehenden blind, die Blinden sehend zu machen…“
    entspr: …“die Hörenden taub, die Tauben hörend zu machen…“.

    Das Dilemma mit der Interpretation der überkommenen und so widerspruchsvollen “ Hl.Schriften “ „erleiden“ ja alle abrahamitischen Religionen- und nicht nur die.

    Vielleicht will Gott SEINE Herde auf ganz andere Weise in „SEIN Reich“ zurückführen, als von der Kanzel herab…!!!

  2. W. sagt:

    Diese Predigt hat mich angespornt, einen längst fälligen Krankenbesuch endlich zu machen. Es begann, wie in dem Predigtbeispiel, mit Klagen, dass die Kinder zu wenig Zeit haben und auch die Freundinnen. Aber dann haben wir uns anderhalb Stunden unterhalten und waren sehr erstaunt, wie die Zeit so schnell vergangen war.
    Vielleicht ist der Samen auf felsigen Grund nicht so ganz zu verachten. Er geht auf und schafft es vielleicht zu einer kleinen Blüte. Immerhin! Ob ich mich noch einmal aufraffe und den Besuch wiederhole? Versprochen habe ich es nicht. Auch zweifle ich daran. Aber auch eine kleine Blüte hat einen Reiz. Danke für die anspornende Predigt!
    Mag sein,Herr Kähny, dass die ganze Herde nicht von der Kanzel her geleitet wird, aber auch ein Schaf hat seinen Wert.

  3. Kähny sagt:

    Zwanghaftigkeit und Freiheit…

    “ solo Dios- basta ! “ ( Theresa v.Avila)

    und-

    „…denn Gott ist´s ,der in Euch wirkt beides, das Wollen u n d das Vollbringen- nach SEINEM Wohlgefallen.“ ( Phil 2,13).

  4. clara sagt:

    Ich möchte ein paar ermutigende Gedanken loswerden:
    ich war Jungscharkind, Ministrantin, Lektorin, Jungschargruppenleiterin, im Kirchenchor – und dann war einmal Pause mit der Kirche. Es kam eine suchende Phase, es müsse doch anderswo auch Antworten geben. Ich fand sie in der Stille der Natur, ich schaute mir Kirchen rein kunsthistorisch an, ich empfand bei Musik, die im Weitesten mystisch genannt werden kann, zb Jan Garbarek.
    Mir den Segen von Gott zu holen auf dem Weg mit meinem Mann war irgendwie logisch, bei der Vorbereitung der Hochzeit staunte unser Priester, wie gut ich mich noch auskannte und ließ mich gewähren. War das die Initialzündung der Rückkehr? Oder als mit den Kindern die Sehnsucht nach Stärkung, Anvertrauen,… wiederkam und als ich kein entsprechendes Angebot fand in der Nähe eines entwickelte? Es wurde angenommen und seit dem bin ich wieder kirchlich engagiert. Höhen und Tiefen inklusive!
    Der Same lag also gute 15 Jahre in der guten Erde, ich sah sie nicht, ok, aber sie war da. Und jetzt werde ich Religionspädagogin – mit dem „Anspruch“, für Gott die Tür zu öffnen im Leben meiner SchülerInnen, ihnen den Samen meiner wiedererwachten Begeisterung einzupflanzen – und ich lerne, dass ich die Ernte nicht selbst erleben werde. Aber ich vertraue sie Gott an.
    Auch mein Tun kann dieser Same sein, der andere vielleicht einmal dazu anregt, zu fragen, warum tut sie das? Jeden Sonntag neu stärkt mich der, der uns vorgelebt hat, wie es geht und uns zum großzügigen Handeln befreit hat.
    Mein Scheitern, mein Unkraut auf diesem Weg gehört scheinbar dazu. Es hilft beim Reifen. Denn: laut ökologischer Landwirtschaft gibt es kein Un – kraut, es hat jedes Kraut manchmal seinen sehr versteckten Sinn… als Beispiel die Distel, die den Boden langsam, aber stetig auflockert…

Schreibe einen Kommentar zu clara Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

1 + 4 =

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>