Josef der Träumer – 4. Adventssonntag A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 1
18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes.
19 Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen.
20 Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.
21 Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.
22 Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat:
23 Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, / einen Sohn wird sie gebären, / und man wird ihm den Namen Immanuel geben, / das heißt übersetzt: Gott ist mit uns.
24 Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

Autorin:
C-Bettin-komprimiert-200x300Christina Bettin, Gemeindereferentin in der Gemeinschaft der Gemeinden Mönchengladbach – Süd im Bistum Aachen

 
Die Predigt:
Josef, der Träumer

Liebe Leserin, lieber Leser,
am ersten Adventssonntag haben wir im Evangelium gehört: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.“ (Mt 24,29-44) Es ging dabei darum, wach und aufmerksam auf die Zeichen der Zeit zu achten. Beim ersten Hinhören auf den Inhalt des heutigen Evangeliums scheint da ein krasser Gegensatz zu bestehen, denn es wird uns von dem „Schläfer“ und „Träumer“ Josef berichtet. In der Bibel hören wir jedoch öfter mal von nächtlichen Ereignissen, denn die Nachtstunden, der Schlaf, die Morgendämmerung, das sind durchaus bevorzugte Zeiten der Gottesbegegnung. Das Matthäusevangelium stellt uns durch die heutige Erzählung Josef, den Verlobten Marias, als einen solchen vor Augen, der mit Gott in enger, vertrauter Beziehung steht.

Was war wohl der Josef für ein Mann? Ich hab mich das schon oft gefragt. Über ihn steht nicht besonders viel in der Bibel, so dass mein Bild von ihm sicher nicht von reinem Faktenwissen genährt ist, sondern manches auch meiner Empathie mit ihm entspringt. Ja, mir ist dieser Josef ein recht sympathischer Mann. Nach meiner Vorstellung zeichnen ihn nämlich keineswegs typisch männliche „Macho- Allüren“ aus. Er ist vielmehr ein nachdenklicher Träumer, ein sehr innerlicher Mensch, der auch seinem Gefühl traut.

Dem heutigen Evangelium entnehme ich dazu einige Indizien. Es wird berichtet, dass Josef schon längere Zeit mit Maria verlobt war, dass sie jedoch noch nicht zusammengekommen waren. In meinen Augen war Josef einer, der warten konnte, der seine junge Frau nicht bedrängt hat. Dann zeigte sich, dass Maria schon schwanger war. Ich stelle mir vor, dass das den Josef ganz schön aufgewühlt und auch gekränkt hat. Doch Josef hat seine Maria nicht beschimpft und verurteilt. Er ist ruhig geblieben. Er hatte weiterhin Wohlwollen und Achtung für sie und überlegte sich vielmehr im Stillen eine praktikable Lösung ohne Gesichtsverlust für alle Beteiligten. In seiner Situation hätte ich kein Auge zubekommen, ständig hätte ich gegrübelt und mich nachts nur hin- und hergewälzt in meinem Bett. In belasteten Situationen gehen mir persönlich die Probleme so dermaßen nach, dass ich nur schwer Abstand finde und eben auch keinen Schlaf. Der Josef scheint aber ganz in sich ruhend gewesen zu sein. Er dachte zwar auch intensiv nach, doch schon während dessen erschien ihm im Traum ein Engel und Gottes gute Botschaft kam ihm darin ganz nahe.

„Den Seinen gibt´s der Herr im Schlafe!“ Auch dieser Ausspruch birgt also eine tiefe Wahrheit. Wie steht es damit bei mir selbst? Tue ich Träume nicht oft als „Schäume“ ab. Traue ich meinen Träumen und meinem Gefühl? Erkenne ich darin Gottes Plan für mein Leben? In diesem Zusammenhang spricht mich auch der Liedtext von Sybille Fritsch an, wenn sie dichtet: „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags und in ihrer dunklen Erde blüht die Hoffnung.“ Das bezieht sich nicht nur auf den wiederkehrenden Tag – Nachtwechsel, sondern meint die Nacht und Dunkelheit des Wartens eines ganzen Volkes auf Rettung und den Beginn der großen Verheißung. Denn noch verborgen in der dunklen Erde, blüht schon die Hoffnung auf. So ging es dem Volk Israel in der langen Wartezeit auf den Messias. Der Liedtext spricht von einer existentiellen Tiefe, wo sich Dunkelheiten auftun im Leben, da offenbart sich Gott. Das ist eine bleibende Verheißung auch für unsere Nachtzeiten, nicht nur alljährlich zur Adventszeit sondern auch immer dann, wenn wir Gottes Nahekommen ersehnen. Und das passiert buchstäblich „über Nacht“. Das meint dann: Gott kommt ohne unseren Verdienst, ohne unsere Leistung, eben unverhofft und als Geschenk. Gottes Menschwerdung ist nicht „machbar“ oder „leistbar“, nicht erklärbar oder rational erfassbar. Deshalb genau ist die Nacht, ist der Traum die angemessene Zeit und Form wann und wie sich Gott ankündigt und realisiert. Eine empfängliche Persönlichkeit wie der Josef ist dazu erforderlich.

Das „Traummotiv“ begegnet uns im Matthäus Evangelium noch öfter, denn Josef träumt noch einmal solch einen Engelstraum, als er nämlich mit seiner jungen Familie zur Flucht nach Ägypten aufgefordert wird – wir hören davon am Fest der Heiligen Familie, am 29.12. – und auch die Sterndeuter träumen und machen sich aufgrund dessen auf einem anderen Weg zurück in ihre Heimatländer – wir hören davon am Fest der Erscheinung des Herrn.

Auch in der Neuzeit gibt es bedeutende „Träumer“ Martin Luther King zum Beispiel in seiner flammenden Rede gegen die Diskriminierung Farbiger in den USA „Ich habe einen Traum…“ (1963) oder auch den brasilianischen Befreiungstheologen Dom Helder Camara, dessen Zitat wir als Kanon singen: „Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, so ist das der Beginn, der Beginn einer neuen Wirklichkeit. Träumt unsern Traum!“ Beide machen uns deutlich dass unsere Traumbilder im gemeinsamen Tun auch Gestalt annehmen können. Träume wollen etwas in Bewegung setzen, wollen ansteckend wirken. Es gilt also nach ihnen zu leben und von ihnen zu erzählen. Dann bieten sie die Chance auf Veränderung. Auch der Liedtext von Alois Albrecht aus den siebziger Jahren „Wir haben einen Traum, der macht nicht blind, wir sehen“, weist uns darauf hin, dass zu dem „Träumen“ ein hellwaches „Aufstehen“ und „das Erkannte in die Tat umsetzen“ dazu gehören.

Der Josef ist mir genau deshalb so sympathisch, weil er eine empfängliche Persönlichkeit war, Gottes Botschaft im Traum erkannt und danach gehandelt hat. Alles selbst fest im Griff haben; schaffen, schaffen; sich abhetzen; alles richten; es allen rechtmachen; ohne Pause und ohne Unterlass; alle Eventualitäten planen; bedenken; organisieren… Alles das ist nicht die Sphäre Gottes; darin kommt er nicht vor! Ich denke mir: öfter mal ausruhen, Abstand gewinnen von belastenden Problemen, ja, sich sogar mal Zeit nehmen für ein Mittagsschläfchen, das lehrt mich dieser adventliche Josef. Empfänglich darauf zu vertrauen: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe“, da wär ich im Traum nicht drauf gekommen!

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Eine Antwort auf Josef der Träumer – 4. Adventssonntag A

  1. claus kilian sagt:

    Ich habe vor Jahren meinen schlimmen Krankenhaus-Aufenthaltmit einem Hörbuch gut überstanden. Thomas Mann – „Josef und seine Brüder“ . Danke für Ihren Josef und ein gesegnetes Weihnachtsfest! Claus

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