„Ich glaube an Jesus Christus, der aufersteht in unser Leben“ – 5. Sonntag der Osterzeit A

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 14
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern und Jüngerinnen:
1 Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!
2 Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?
3 Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.
4 Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.
5 Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?
6 Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.
7 Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.
8 Philíppus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.
9 Jesus sagte zu ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philíppus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater?
10 Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke.
11 Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!
12 Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.

Autorin:
Utta Hahn (2)Utta Hahn, Gemeindereferentin, Dekanatsreferentin in Schwwäbisch-Hall

 
Die Predigt:
„Ich glaube an Jesus Christus, der aufersteht in unser Leben“

Liebe Leserin, lieber Leser,
vor 20 Jahren starb Dorothee Sölle. Tatsächlich werden wohl dieses Jahr einige ihrer Schriften in Sammelbänden neu veröffentlicht, nachdem es in den letzten Jahren immer schwieriger wurde, diese Bücher selbst antiquarisch zu finden. Manche gibt es einige als ebooks, andere werden schon zu hohen Preisen auf Online-Portalen gehandelt. Es lohnt sich, gerade nach diesem Text aus dem Johannesevangelium an sie und ihr Leben und Schaffen zu erinnern. Eine streitbare, fromme und fehlbare Frau, so beschreibt sie Fulbert Steffensky in seinem Artikel in der aktuellen Ausgabe der Herder Korrespondenz.

Ich kann sicher keine Werkschau machen, ich kann auch nicht von persönlichen Begegnungen erzählen, doch eine persönliche Erfahrung möchte ich gerne hier teilen. Anfang der 90er Jahre schenkte mir eine Freundin das Büchlein „Gott im Müll“, von Dorothee Sölle. Sie erzählt darin, wie sie in verschiedenen Ländern unterwegs war, Menschen und deren Schicksale kennenlernte und selbst im tiefsten Elend Gottes Gegenwart wahrnehmen konnte. „Gott im Müll“ ist für mich ein Statement für eine Theologie, die den Blick von der Not, dem Leiden, dem Schmerz her auf Gott sucht.

Diese Büchlein und viele andere, auch Gedichte und Gebete haben mich durch mein Berufsleben und als Theologin seither begleitet – immer sind Texte von Dorothee Sölle ein Hintergrund oder eine Option in meiner Arbeit. Ich gehöre vielleicht zu jener Gruppe von Menschen, die in der kirchlichen Arbeit bleiben, weil es solche Menschen wie Dorothee Sölle gab und gibt, die die Ambivalenz aushalten, die zornig und zärtlich sind und die das kommunizieren können. Ich bin ihr sehr dankbar dafür.

Es ist der Blick auf die Welt, dass Gott sich nicht – nur oder zuerst – in Kirchen, in kirchlichen Strukturen, über Amtsträger oder in einer Lehre ergründen lässt, sondern immer im Leben, in Beziehungen, in der konkreten Welt. Und hier, in der konkreten Welt ereignet sich die Verwirklichung des Reiches Gottes – oder soll sich hier verwirklichen. Jetzt und hier für Gerechtigkeit sich einsetzen, Machtmissbrauch anprangern, Verantwortung einfordern, politisch werden. Leidenschaftlich, aber niemals fanatisch, denn so stark wie in der Anklage, so tief und stark sind die Texte auch in ihrer Tiefe, ihrem Glauben, ihrem Vertrauen.

Wenn Jesus im eben gelesenen Evangelium zu seinen Freundinnen und Freunden sagt: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!… dann fällt mir das oft verwendete Glaubensbekenntnis von Dorothee Sölle ein:

    Ich glaube an Gott,
    der die Welt nicht fertig geschaffen hat, wie ein Ding, das immer so bleiben muss,
    der nicht nach ewigen Gesetzen regiert, die unabänderlich gelten;
    nicht nach natürlichen Ordnungen von Armen und Reichen,
    Sachverständigen und Uninformierten, Herrschenden und Ausgelieferten.

    Ich glaube an Gott, der den Widerspruch des Lebendigen will
    und die Veränderung aller Zustände durch unsere Arbeit, durch unsere Politik.

    Ich glaube an Jesus Christus,
    der recht hatte, als er „ein einzelner, der nichts machen kann“, genau wie wir, an der Veränderung aller Zustände arbeitete und daran zugrunde ging. An ihm messend erkenne ich, wie unsere Intelligenz verkrüppelt, unsere Phantasie erstickt, unsere Anstrengung vertan ist, weil wir nicht leben wie er lebte.
    Jeden Tag habe ich Angst, dass er umsonst gestorben ist,
    weil er in unseren Kirchen verscharrt ist,
    weil wir seine Revolution verraten haben in Gehorsam und Angst vor den Behörden.

    Ich glaube an Jesus Christus, der aufersteht in unser Leben, dass wir frei werden von Angst und Hass und seine Revolution weitertreiben auf sein Reich hin.

    Ich glaube an den Geist, der mit Jesus Christus in die Welt gekommen ist;
    an die Gemeinschaft aller Völker und unsere Verantwortung für das, was aus unserer Erde wird: ein Tal voll Jammer, Hunger und Gewalt oder die Stadt Gottes.

    Ich glaube an den gerechten Frieden, der herstellbar ist;
    an die Möglichkeit eines sinnvollen Lebens für alle Menschen;
    Ich glaube an die Zukunft dieser Welt Gottes und des Menschen.
    Amen.

Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!
Es gibt natürlich auch ganz andere Spuren, diese Worte Jesu ins Heute zu holen. Da gibt es die Rede, dass der Zeitgeist den Blick auf den wahren Glauben verstellt, den „richtigen“ Glauben gäbe es nur in einer immer kleiner werdenden Gruppe derer, die diesen Anspruch für sich geltend machen.

Doch auch hier fand ich Dorothee Sölles Umgang mit dem „wahren Glauben“ absolut inspirierend. Sie hielt sich nie mit konfessionellen Schranken auf. Einzig die Bibel schien die Richtschnur zu sein. Ganz dem Wort Jesu folgend: Glaubt an Gott und glaubt an mich.

Wenn dann ein paar Sätze weiter auch noch die großen Worte stehen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben… … dann würde ich mir wünschen, dass Dorothee Sölle als leuchtendes Beispiel für eine gelungene Nachfolge bekannt, gelesen und weitergetragen würde.

Jeder Lebensweg ist individuell – und kann, Jesu Worten folgend, zu Gott führen. In jedem Menschen liegen Würde und Größe, Göttlichkeit und Gottebenbildlichkeit. Jesu Botschaft und Einladung: Entdecke dies in dir.

Die Wahrheit ist kein Dogma sondern vielleicht eher Wahrhaftigkeit. Jesus die Wahrheit, die Wahrhaftigkeit, die Authentizität. Ja – und auch hier: der Weg zum Vater liegt im immer neuen Versuch, das eigene Leben wahrhaftig zu leben, nicht vollkommen, aber immer in der Hoffnung, dass Neubeginn immer möglich ist.

Das Leben kann nur gelebt werden. Mit aller Leidenschaft, mit Zorn, mit Trauer, Freude, Liebe Schmerz – in allen Gefühlen in aller Beziehung – Gott ist Beziehung und Leben und wünscht sich das für uns, für alle Menschen.

Vielleicht ist Dorothee Sölle tatsächlich nicht mehr zeitgemäß – wie hat sich unsere Welt und Kirche ja in den letzten 20 Jahren beschleunigt und verändert.

Aber es ist mehr als eine Jugendnostalgie, wenn ich daran glaube, dass ihre Haltung, die Welt und den Glauben zu sehen und auszudrücken, auch heute noch Hoffnung und Zuversicht vermitteln kann. Und ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, dass sowohl das Johannesevangelium als auch Menschen, denen Sie begegnen, in Ihnen den Glauben stärken und die Hoffnung lebendig halten. Amen.

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