Brücken bauen wie Matthäus – Taufe des Herrn

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 3
In jener Zeit
13 kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen.
14 Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir?
15 Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen. Da gab Johannes nach.
16 Als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf. Und siehe, da öffnete sich der Himmel und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen.
17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.

Autorin:
Utta Hahn (2)Utta Hahn. Gemeindereferentin, Dekanatasreferentin in Schwäbisch-Hall

 
Die Predigt:
Brücken bauen wie Matthäus

Liebe Leserin, lieber Leser,
Fest der Taufe Jesu – ich bin bei der Beschäftigung mit den Worten bei den Fragen nach dem Autor dieser Worte hängengeblieben und diese Überlegungen führten uns auf eine interessante Spur.
Wir hören aus dem Evangelium des Evangelisten Matthäus.

Matthäus, so sagt uns die Forschung, hat gegen Ende des ersten Jahrhunderts und für Gemeinden in einer Region, die heute Grenzgebiet Syrien-Türkei ist, geschrieben. Die Gemeinden für die er schrieb nennen wir juden-christliche Gemeinden. Viele hatten die Frohe Botschaft aus ihrem jüdischen Glauben heraus kennengelernt. Sicher gab es auch Gläubige, die mit den jüdischen Traditionen nicht so vertraut waren. Angesichts der Katastrophe des Krieges, der Not, Tod und Verwüstung des ganzen Landes bedeutete, war die Verunsicherung, die Angst und die Verzweiflung allgegenwärtig.

Die römischen Besatzer hatten im Jahr 70 nach heftigen und langen Kämpfen Jerusalem (zurück)-erobert, den Tempel zerstört und die Stadt in weiten Teilen unbewohnbar gemacht. Dem Judentum war das religiöse Zentrum, der Tempel genommen und die Gläubigen mussten sich neu ausrichten. Wie kann Glaube nach so einer Katastrophe gehen?

Und genau die gleiche Frage stellten sich ja auch die, die sich auf Jesu Weg eingelassen hatten. Jesu Tod war in der Auferstehung als neuer Weg begonnen, aber nach der Zerstörung der Heimat? Was bedeutete da noch Tod und Auferstehung?

Matthäus will den Gemeinden etwas an die Hand geben, etwas in die Hand geben, was ihnen wieder Quelle und Basis für ein Weitergehen sein kann. Er will die Botschaft Jesu mittelbar machen – VER-mittelbar machen und so entsteht sein Evangelium, seine Frohe Botschaft. Matthäus macht deutlich, wo Jesus stand, aus welcher Tradition und auf welchem Glaubensfundament diese Frohe Botschaft ruht, die er verkündet hat.

Matthäus buchstabiert sein Evangelium von Anfang an in der jüdischen Tradition durch. Jedes Kapitel, jede Geschichte, jedes Ereignis schafft eine Verbindung zu dem, was die Heilige Schrift überliefert hat und was für das Judentum Glaubens-Geschichte war. Beginnend mit der Aufzählung der Generationen von Abraham bis Jesus. Dann die Geschichte der Sterndeuter und der Flucht nach Ägypten und die Rückkehr von dort. Wo auch immer wir lesen, fast überall finden wir den Verweis auf ein Prophetenwort oder eine Geschichte der Vergangenheit, die ein Hinweis auf die Gegenwart war.

Dann das Auftreten des Täufers Johannes, auch er quasi ein Person gewordenes Zitat des Propheten: Die Stimme des Rufers in der Wüste. Und schließlich die Taufe Jesu.

Es ist sozusagen die erste Jesus-Begegnung des Evangeliums, der Anfang der eigentlichen Botschaft. Jesus beginnt seinen öffentlichen Weg mit der Taufe. Er reiht sich ein in die Gruppe derer, die einen Neuanfang wünschen und die Umkehrpredigt des Johannes ernst nehmen. Es wirkt fast intim, wenn es dabei zu diesem kurzen Schlagabtausch zwischen Johannes und Jesus kommt.

Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm:
Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir?
Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen.
Da gab Johannes nach.

Was ist das für eine Argumentation, die mehr Rätsel aufgibt, als Klarheit schafft.
Der Anfang scheint ja noch logisch: Johannes erkennt Jesus, ahnt oder weiß um seine Berufung, erkennt in ihm die Messiasgestalt, auf die er selbst hinweist, und in korrekt hierarchischem Denken will er sich weigern, Jesus zu taufen. Und mit seiner Antwort verweist Jesus quasi vom ersten Wort auf den Kern der Frohen Botschaft, die er verkünden werden wird, wie er sein Leben, seine Aufgabe versteht.

Anders als in den Kategorien der Hierarchie.
Anders als in den Schemata von Oben und Unten.
Anders als in der Einteilung in Heilig, besonders Heilig, vielleicht Selig und dann der Rest.
Anders als in der Abgrenzung von Ämtern und Ständen.

Dann ist die Gerechtigkeit ganz erfüllt.
und Johannes gab nach…
Ob aus Überzeugung oder doch aus Gehorsam, weil der Andere ja der in seinen Augen Höhergestellte war?
Wer weiß?

Jedenfalls war es stimmig – Matthäus schließt mit der Geisterfahrung: Jesus sieht den Geist wie eine Taube auf sich herabkommen und alle hören die Stimme: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.

Vielleicht war das für die Menschen Ende des ersten Jahrhunderts tatsächlich eine Brücke, um sich voll und ganz auf Jesus, auf die Frohe Botschaft, auf das Leben aus dieser Quelle und die Mitarbeit am Reich Gottes einzulassen. Vielleicht war es eine Brücke für Menschen, die durch die Katastrophe des Krieges ihre Glaubensheimat verloren hatten, wieder an die Tradition, an die eigene Geschichte anzuknüpfen und weitergehen zu können.

Und heute?
An Kriegen, Katastrophen, Unmenschlichkeiten, Heimatlosigkeit mangelt es nicht. Auch nicht an Menschen, denen Hierarchie, Abgrenzung, Heilig und Unheilig und Ämter über alles geht und ihnen vielleicht den Blick und das Verständnis von Jesu Botschaft verstellen.

Könnte Matthäus auch uns heute in und außerhalb der Kirche ein Brückenbauer sein, der uns darauf stoßen will: Schaut hin, wo tut sich der Himmel auf? Hört hin, wo zeigt sich, wer geliebter Sohn und geliebte Tochter ist, auf die wir hören dürfen? Wer sammelt die Heimatlosen und bietet eine Quelle der Kraft an, weiter am Reich Gottes zu bauen, an der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung mitzuarbeiten, für ein Miteinander einzustehen.

Jede Gemeinde könnte sich aufmachen, um die „Rufer:innen in der Wüste“ zu suchen und dort zu sehen, dass bei manchen Menschen, sich der Himmel auftut . Vielleicht hört es jede und jeder selbst wieder neu, wie in der eigenen Taufe:
Du bist mein geliebter Sohn!
Du bist meine geliebte Tochter!

Es gibt einen Weg, der sich zu gehen lohnt. Jesus will uns dazu die Liebe, die Kraft und die Hoffnung schenken.
Amen.

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Eine Antwort auf Brücken bauen wie Matthäus – Taufe des Herrn

  1. Gabriele sagt:

    Liebe Utta,
    einfach anders – und richtig gut. DANKE

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