Was mein Leben reicher macht – 18. Sonntag im Jahreskreis C

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 12
In jener Zeit
13 bat einer aus der Volksmenge Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen.
14 Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt?
15 Dann sagte er zu den Leuten: Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt.
16 Und er erzählte ihnen folgendes Gleichnis: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte.
17 Da überlegte er bei sich selbst: Was soll ich tun? Ich habe keinen Platz, wo ich meine Ernte unterbringen könnte.
18 Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen.
19 Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich!
20 Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast?
21 So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist.

Autorin:
Passfoto A.R.Angela Repka, Literaturübersetzerin und ausgebildete Diakonin, diakonische Tätigkeit in der Pfarrgemeinde

 
Die Predigt:
Was mein Leben reicher macht

Liebe Leserin, lieber Leser,
unter der obigen Überschrift gibt es auf der letzten Seite der Wochenzeitung DIE ZEIT eine Rubrik, in der Leserinnen und Leser in wenigen Sätzen kleine Erlebnisse und Erfahrungen teilen, die ihr Leben bereichert haben. Eine ähnliche Geschichte durfte auch ich neulich erleben: Am Abend eines heißen Sonntags hatte es angenehm abgekühlt und so ich lud meinen Mann zu einem kleinen Spaziergang vor dem Dunkelwerden ein. Wir gingen los, bogen in den Weg zwischen Wiesen und Schrebergärten ein und kamen an uns wohlbekannten Brombeerhecken vorbei. Dort hingen für uns erreichbar nur noch kleine Beeren, von denen wir einige naschten. Ein hochgewachsener Mann mittleren Alters ging an uns vorbei. Kurz darauf sahen wir, dass auch er sich an den Beeren gütlich tat, aber an weit oben hängenden. Als wir an ihm vorübergingen, kam mir unwillkürlich der alte Schlager „Die süßesten Früchte essen nur die großen Tiere…“ in den Sinn. Nach ein paar Schritten holte uns der Fremde ein und sagte: „Hier, nehmen Sie, machen Sie die Hand auf!“ Ich war verdutzt und zögerte ein wenig. Doch dann rollten große, schwarze, reife Brombeeren aus seiner Hand in meine. Wir bedankten uns und der Mann ging weiter. Die Beeren schmeckten köstlich – Früchte einer wahrhaft sonntäglichen Begegnung.

„Was mein Leben reicher macht.“ Es tut gut, Woche für Woche diese kleinen Geschichten zu lesen, die Zeugnis von der zwischenmenschlichen Achtsamkeit, von Zuneigung und Liebe, nicht zuletzt vom Humor so vieler völlig unterschiedlicher Menschen ablegen. Ein wahrer Schatz ist da über die Jahre zusammengekommen, einer, der ganz sicher zu jenen gehört, die nicht von Motten zerfressen werden und die kein Dieb stehlen kann (vgl. Lukas 12,33 oder Matthäus 6,20). Ein Schatz, der schon vielen Leuten Freude und Mut gemacht hat.

Ganz anders die Geschichte des reichen Kornbauern aus dem Gleichnis, das Jesus im heutigen Evangelium erzählt. Da geht es um das Horten von Gütern, die Vermehrung von Besitz. Da kreist einer nur um sich selbst und meint, in Erwartung einer guten Ernte ausgesorgt zu haben und sein Leben endlich in vollen Zügen genießen zu können, wenn er die alten Scheunen abreißt und neue, größere baut, um seine ungeheuren Vorräte unterzubringen. Höher, weiter, größer, schöner, mehr, immer mehr. Das kennen wir nur allzu gut. Heute kam die Meldung, dass weltweit für dieses Jahr bereits alle nachwachsenden Ressourcen verbraucht sind, wir also über unsere Verhältnisse leben. Drei Erden würde es brauchen, wenn wir allein in unserem Land so weitermachen wie bisher.

Die Warnung vor Habgier und Maßlosigkeit ist auch der Anlass, dass Jesus dieses Gleichnis erzählt: Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt. Und das trifft eben auch auf Gruppen und ganze Gesellschaften zu. Der reiche Kornbauer verschwendet keinen Gedanken an Gott und seine Mitmenschen, von denen viele in Armut leben und Hunger leiden, denen er mit seinem Überfluss helfen könnte. Sie sind ihm egal. Ihn interessieren nur die Schätze, die er für sich selbst sammelt, nicht die, welche ihn reich machen vor Gott, dem er sein Leben und alle Gaben verdankt. Deshalb nennt dieser ihn Narr, weil er falsche Prioritäten gesetzt hat, denn er wird noch in derselben Nacht sterben. Wie steht er dann da vor Gott? Was hat er von seinem Besitz, den andere unter sich teilen oder an sich reißen werden? Nichts.

Materieller Reichtum und der Umgang damit ist, wie gesagt, nicht nur ein individuelles, sondern vor allem auch ein strukturelles Problem. Wenn sich, wie in unserer Gesellschaft, aller Besitz bei dem reichsten ein Prozent und dann den reichen 10 Prozent der Bevölkerung konzentriert, der „Rest“ aber fast leer ausgeht, führt das zur sozialen Schieflage und vielfältigen Problemen. Historische Forschungen haben gezeigt, dass Kriege in der Regel von Staaten und Machthabern ausgehen, die großen Reichtum angehäuft haben. Wir erfahren es gerade wieder mit allen auch global schrecklichen Folgen in der Ukraine, wo die einfachen Leute in Interviews immer wieder traurig und verständnislos fragen: Hat das riesige Russland nicht genug?

Jesus hat sich als erstes den Armen zugewandt, um ihnen die frohe Botschaft vom nahen Reich Gottes zu bringen, um sie zu trösten, zu heilen und ihnen Mut zu machen. Bei ihm hatten s i e Priorität und eine besondere Berufung – nicht, wie bis heute üblich, die Reichen und Schönen, die Mächtigen und mit allen denkbaren Privilegien Ausgestatteten. Daran knüpft auch der peruanische Theologe und Priester Gustavo Gutiérrez, wenn er lehrt: „Den Gott der biblischen Offenbarung erkennt man, indem man zwischenmenschliche Gerechtigkeit praktiziert. Wo diese nicht existiert, kann Gott nicht sein.“ Kein Wunder also, dass der reiche Kornbauer nicht an Gott gedacht hat und Jesus ihn als bleibendes warnendes Beispiel auch für uns anführt, selbst wenn wir keine großen materiellen Reichtümer besitzen. Auch die kleinen und die nicht-materiellen Ressourcen zählen. Gerechtigkeit statt Selbstgerechtigkeit und Ungerechtigkeit lautet die Ansage. Menschlichkeit statt Rücksichtslosigkeit und Unmenschlichkeit.

Menschlichkeit beginnt im Kleinen, wie in den anfangs erwähnten, keineswegs banalen Geschichten. Sie beginnt in aufmerksamen, liebevollen, gerechten Beziehungen, die uns reicher machen und verhindern können, dass Menschen unter die Räder geraten. So ist auch Jesus, der Christus, seinen Weg gegangen und er hat eine Spur hinterlassen, in der auch wir heute im Vertrauen auf Gott zum Wohl der Menschheit und der Schöpfung gehen können. Ehre sei Gott in der Nähe! Amen.

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