Beides sehen und gelten lassen – 29. Sonntag im Jahreskreis A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 22
In jener Zeit
15 kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen.
16 Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst; denn du siehst nicht auf die Person.
17 Sag uns also: Was meinst du? Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?
18 Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, versucht ihr mich?
19 Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin.
20 Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das?
21 Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!

Autorin:
Greiner-Jopp Gabriele 2017Gabriele Greiner-Jopp lebt in Wendlingen, war als Dekanatsreferentin, Gemeindereferentin und Beraterin tätig

 
Die Predigt:
Beides sehen und gelten lassen

Liebe Leserin, lieber Leser,
„Jede Medaille hat zwei Seiten“, so heißt ein bekanntes Sprichwort, das aus Erfahrung gespeist ist. Oft im Leben ist es nützlich, sogar hilfreich, zwei Seiten einer Sache zu betrachten. Wenn wir eine Seite ausblenden, was leider ebenso oft der Fall, weil scheinbar einfacher ist, wird es fehlerhaft – es fehlt ja die andere Seite. Und das Leben ist wesentlich vielfältiger als eine Medaille. Meistens haben Situationen, Ereignisse, vor allem aber Menschen mehr als zwei Seiten und eine differenzierte Betrachtung verdient. Gut, dass Jesus in dieser Geschichte sich nicht auf die eine Seite: dem Kaiser Steuer zahlen, oder die andere Seite: dem Kaiser keine Steuern zahlen, festlegen lässt. Er wählt eine neue, dritte Dimension und bringt Gott ins Spiel. Statt „entweder oder“ „sowohl als auch“. Jesus ist damit der Falle entwischt, für uns allerdings fängt mit seiner Antwort das Fragen erst an.

Denn was bedeutet es, dem Kaiser zu geben was dem Kaisers gehört und Gott was Gott gehört? Wie orientieren wir uns daran in unseren täglichen Entscheidungen? Der Kaiser auf der Steuermünze, bzw. unser Geld steht für die irdische Macht, für das Gesetz, für die äußere Wirklichkeit. Die brauchen wir und dürfen sie nicht leugnen. Ihr zu geben was ihr gehört heißt für mich, auf die Realität zu achten und zu hören. Es bedeutet die Gesetze zu kennen und zu beachten, wenigsten soweit sie für die Menschen da sind und ihre Würde respektieren. Es bedeutet, mich nicht von vornherein in einen Widerspruch treiben zu lassen: Gott oder Welt, Diesseits oder Jenseits, arm oder reich, schwarz oder weiß, gut oder böse, so als könne es jeweils nur eines davon geben.

Was aber bedeutet es Gott zu geben was Gott gehört? Für mich ist es der Bereich des Göttlichen, das menschliche Leben überhaupt in all seine Dimensionen. Unsere Individualität, unsere Begabungen, Fähigkeiten, unsere Grenzen, unsere unsterbliche Seele. Das Wissen und die Erfahrung, dass wir als Menschen / als Person weitaus mehr sind als Steuerzahler*in, Kirchgänger*in, Fußballfan, Lehrer*in und anderes mehr.
Als Person gehören wir einerseits dem göttlichen Bereich an und sind ewig. Andererseits stehen wir in der Welt und sind zeitlichen Bedingungen unterworfen. Jesus ist der Überzeugung, dass wir beide Dimensionen in uns vereinen können. Darauf zu vertrauen, Jesus das zu glauben, heißt für mich, in unserem göttlichen Kern unverfügbar für Menschenmacht zu sein. Es heißt, uns nicht an das Diesseits und seine Gesetze auszuliefern.

Deshalb hat sich Jesus nicht von den Fragern in den Gegensatz hineintreiben lassen zwischen der Frage nach äußerer Macht und Ansehen und göttlichem Leben. Gott und die Welt, es braucht beides sagt er mit seiner Antwort. Und es braucht – das sagt der nicht, aber so lebt er – die Qualität der Liebe, die nicht rechnet und Gleiches mit Gleichem heimzahlt. Die Qualität der ewigen Lieben Gottes, die uns Menschen innewohnt, kann mich lösen aus dem Kampf um Macht, Geld, Ansehen, Rechthaberei. Sie muss andere nicht klein machen, um selbst groß zu sein. Wo ich liebe, kann ich dem anderen gönnen und mich freuen an dem was er hat.
Im Hier und Jetzt erlöst sie uns auch aus der Falle der Alternativlosigkeit. Letztlich haben wir immer eine Alternative, die Frage ist nur ob wir uns trauen sie zu sehen, zu benennen und zu wählen.
Beides sehen und gelten lassen: Zeit und Ewigkeit, Gott und Mensch, Diesseits und Jenseits – das kann uns erlösen.

Jesus hat so gelebt und damit die Einseitigkeit der Menschen, die nur im Äußeren leben, für die nur Gesetze zählen, aufgedeckt. In der Bibel heißen die Menschen Gesetzeslehrer oder Pharisäer. Es gibt sie auch bei uns – in der Kirche, in der Politik, in der Gesellschaft. Und so wie sie damals Jesus bekämpfen mussten, weil er ihren einseitigen Standpunkte aufgedeckt hat, werden bis heute Menschen bekämpft, die sich für die menschliche Würde einsetzen wie Jesus. Allerdings: so wenig wie es ihnen damals gelungen ist, Jesus endgültig zum Schweigen zu bringen, so wenig gelingt es bis heute Machthabern aller Art friedfertiges, gewaltloses und liebevolles Verhalten endgültig niederzuknüppeln oder gar zu töten.

Einzelne Menschen können mund – tot gemacht werden, göttliches Leben nicht.

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