Das Ende ist für uns ein Anfang – Christi Himmelfahrt A

Aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 28
16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte.
17 Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber hatten Zweifel.
18 Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde.
19 Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
20 und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Autorin:
Utta Hahn (2)Utta Hahn, Gemeindereferentin, Dekanatsreferentin in Schwäbisch Hall

 
Die Predigt:
Das Ende ist für uns ein Anfang

Liebe Leserin, lieber Leser,
Ende und Anfang – so müsste eigentlich die Überschrift über den letzten Versen des Matthäusevangeliums heißen. – „Ende und Anfang“ kommt uns ein wenig sperrig über die Lippen – wir tendieren eher dazu „Anfang und Ende“ zu sagen, denn das hat was von Ganzheit, etwas Rundes, etwas Abgeschlossenes.

Aber „Ende und Anfang“ – das ist in beiden Richtungen offen, das ist eine Zäsur, eine Momentaufnahme mit viel Unbekanntem. Was geht zu Ende, was beginnt?
Manchmal ist es gut, wenn etwas zu Ende geht, weil dann vielleicht Raum entsteht für etwas Neues, oder weil es im Kreislauf des Lebens uns ganz natürlich vorkommt.
Manchmal ist ein Ende eine Katastrophe, weil es nicht passt, weil etwas noch nicht fertig ist, nicht zu Ende gedacht, nicht zu Ende gelebt. Von außen gesetzt, unerwartet hereinbrechend, plötzlich.

Bei den Versen aus dem Matthäusevangelium fällt es mir schwer zu entscheiden, ob das nun eine Zäsur ist, die der Evangelist hart und unerbittlich setzt oder vielleicht doch ein Angebot, das einen Übergang markiert, gar einen Weg weist.

Wenn wir uns hineinversetzen in die Zeit, in der er diese Zeilen aufgeschrieben hat – vermutlich in den Jahren zwischen 70 und 80 nach Christus – also schon 40 bis 50 Jahre nach Jesu Leben, Tod und Auferstehung, dann könnten wir fragen, was die Jüngerinnen und Jünger der Jesusbewegung beschäftigt hat. Die Welt, in der sie lebten, war ziemlich aus den Fugen geraten. Sie lebten in einer Nachkriegszeit. Jerusalem, die Hauptstadt der jüdischen Volks- und Religionsgemeinschaft war gerade von den Römern gänzlich erobert und total zerstört worden. Der Tempel, das Zentrum des religiösen Kultes gab es nicht mehr. Das Volk litt unter Heimatlosigkeit, die Not war groß, die Frage nach dem Glauben, der das Leben trägt sicher existenziell.

Die Anhänger der christlichen Lehre waren in Palästina allermeistens noch immer Teil der jüdischen Gemeinschaft. Auch sie litten unter den schwierigen Umständen in einem besetzten Land als Teil eines unterdrückten Volkes. Und eine der großen Fragen war sicher, ob die Ausrichtung auf Jesus Christus auch in dieser Not und angesichts der Zerstörung noch Bestand hat. Konnte die Kraft und die Begeisterung, die die Menschen in der Botschaft und der Lebensweise der frühen Gemeinden gespürt und gefeiert hatten, auch über die Krise hinwegtragen?

Matthäus, so der heutige Forschungsstand, wollte genau für die Gemeinden schreiben, die mit der jüdischen Tradition vertraut waren, die verwurzelt waren in der Schrift und der religiösen Praxis. Ihnen hat er in seinem Evangelium vom ersten bis zum letzten Satz darlegen wollen, dass Jesus wirklich der Richtige ist. Angefangen von der Herkunft Jesu, die bei Matthäus bis auf König David zurück geht, bis hin zu dieser Sequenz am Ende des Evangeliums, wenn Jesus sagt: Mir ist alle Vollmacht gegeben. Jesus ist der Richtige. Jesus ist der von Gott Erwählte, er ist der, auf den die Menschen vertrauen können. – Auch die Erfahrung der Begegnung mit dem Auferstandenen – die Zeitzeugen der ersten Jahre. Das alles war vielleicht nicht mehr so präsent, das alles war vielleicht auch eine Erinnerung an Jahre ohne Krieg und Not.

Matthäus wollte das festhalten – und als Fundament den Christen mitgeben. Welch genialer geist-erfüllter Schreiber.
Denn das Ende ist eigentlich der Anfang.
Das Ende eröffnet das Programm für die Christen.
1. die göttliche Anerkennung – mir ist alle Vollmacht gegeben
2. die Aufgabe für uns Christen – die Frohe Botschaft weitersagen, Menschen zu „Jüngern“ und „Jüngerinnen“ zu machen und das grenzenlos – die Liebe kennt keine politischen, keine geografischen oder religiösen Grenzen, die Würde gilt allen Menschen aller Nationen, die Gerechtigkeit hat jeder Mensch verdient. Mission sucht nicht neue Kirchenmitglieder sondern ein wahrhaft würdevolles Leben für alle Menschen auf der ganzen Welt.
Und
3. die Quelle – Er lässt uns nicht alleine „wurschteln“ – ich bin bei euch bis zur Vollendung der Welt. Egal was uns passiert, egal welche Katastrophen wir uns gegenseitig und der Welt zufügen. Er bleibt Immanuel – Gott mit uns – Jesus in unserer Mitte.

Liebe Leserinnen und Leser,
soweit der kleine Versuch, dem Evangelisten ein wenig auf die Spur zu kommen. Gleichzeitig ist auch zu spüren, wie aktuell das alles ist. Wie leicht es ist, manches einfach ins Heute zu denken.

Groß ist die Sehnsucht nach Sicherheit, groß der Wunsch, unser Glaube möge uns trösten und in den Unsicherheiten unseres Lebens und unserer Zeit ein Rückzugsort, eine Wohlfühloase sein. Gerade jetzt, wo wir nicht wissen, ob vieles nicht ganz zu Ende geht? Ob wir wieder so glauben und feiern können, wie wir es gewohnt waren; wo viele Angst haben, dass geliebte Gewohnheiten vielleicht längerfristig oder gar dauerhaft verloren gehen?

Vielleicht sind wir auch am Ende einer Zeit, in der wir vieles so irgendwie aufrecht erhalten haben.
Und genau uns –
Und genau heute soll auch für uns ein Anfang sein –
schickt uns Jesus in die Welt – in die grenzenlose, auch die virtuelle, auch die säkulare, auch die „gott-verlorene“ und gibt uns den Auftrag, seine Botschaft von der Liebe zu verkünden – diese Liebe zu den Menschen und auch zur Natur, zu unserer Umwelt, für die wir uns einsetzen müssen.

Und genau uns
Und genau heute
Sagt er uns zu: Siehe, ich bin mit euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Dankbar und hoffnungsvoll können wir dranbleiben.
Wandel annehmen und Gestalten – Veränderung nicht befürchten sondern versuchen.

Wir sind nicht allein und
Wir dürfen kreativ und fantasievoll an die Arbeit gehen. Amen.

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