18,33 Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein, ließ Jesus rufen und fragte ihn: Bist du der König der Juden?
34 Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?
35 Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die Hohepriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?
36 Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist mein Königtum nicht von hier.
37 Da sagte Pilatus zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.
38 Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit? Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.
39 Ihr seid aber gewohnt, dass ich euch zum Paschafest einen freilasse. Wollt ihr also, dass ich euch den König der Juden freilasse?
40 Da schrien sie wieder: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber.
19,1 Darauf nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln.
2 Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf das Haupt und legten ihm einen purpurroten Mantel um.
3 Sie traten an ihn heran und sagten: Sei gegrüßt, König der Juden! Und sie schlugen ihm ins Gesicht.
Die Predigt:
Die Dornenkrone
Liebe Leserin, lieber Leser,
Eine weltumspannende Dornenkrone
Corona (lateinisch Krone) – das unsichtbare Virus verfolgt uns seit Wochen, rund um die Uhr, rund um den Globus. Diese Pandemie fährt das Leben der Menschen auf das Notwendigste herunter. Und sie zeigt uns unsere gegenseitige Abhängigkeit – wir brauchen einander. Auf schmerzhafte Weise werden wir daran erinnert, dass wir alle miteinander verbunden sind, Kinder Gottes und somit Geschwister.
Ob das Virus gefährlich ist oder nicht, ob gar eine Verschwörung dahinter steht, es um etwas ganz anderes geht oder womöglich die Apokalypse Realität wird – viele Meinungen, doch was ist die Wahrheit, werden wir sie jemals erfahren…? Tatsache sind jedoch die massiven Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Unser gewohntes Leben ist nicht mehr, wie es war. Immer mehr zeigen sich außerdem die Schwachstellen in allen Systemen. Und wie es weitergehen wird, weiß niemand…
Doch statt Lösungen zu sehen und neue Wege zu gehen, wird möglichst viel am Gewohnten festgehalten. Die Medien richten unseren Fokus nicht auf die Chancen für Neuerungen, sondern beständig auf die Angst. So werden tagtäglich die Zahlen der Gestorbenen veröffentlicht, die Gefährlichkeit betont, Horrorszenarien mit Millionen Toten entworfen und damit die Angst – und das verdrängte Thema Tod – in den Gedanken von Milliarden Menschen immer lebendig gehalten. Hinzu kommen der drohende Zusammenbruch des Wirtschafts- und Finanzsystems und die damit verbundenen finanziellen Folgen für sehr viele.
All diese Ängste wiederum schwächen massiv unser Immunsystem und machen uns um so anfälliger für Krankheiten. Und sie verdunkeln den Blick für die Chancen, die diese weltweite Ausnahmesituation des kollektiven Innehaltens bietet für uns Menschen, aber auch für den ganzen Planeten.
Eigentlich ist die Krone ja ein Symbol für königliche Herrschaft und Macht. Doch diese Corona, welche die ganze Erdkugel gefangen hält, ist sehr schmerzhaft. Sie ist zur Dornenkrone geworden, zum Symbol für Leid, Schmerz und Angst, und für diktatorische staatliche Maßnahmen von Verzicht, Abgrenzung, Überwachung und übertriebenen, teilweise wirkungslosen Hygienemaßnahmen.
Kollektive Exerzitien
Passenderweise geschieht diese globale Vollbremsung der Gesellschaft gerade in der Fastenzeit. Die außer Atem gekommenen Menschen, die täglich durchs Leben hetzen, können plötzlich aufatmen! Noch nie war die Welt so still wie in den letzten Wochen, die Luft so klar, der Himmel so blau – die ganze Schöpfung kann sich erholen…! Völlig unvorbereitet werden wir – durch einen Virus der Atemwege! – kollektiv in „Exerzitien“ gezwungen: zum Verzicht auf alles, was nicht lebensnotwendig ist, zur Isolation von anderen Menschen, zum Rückzug in die Wohnung, zur Konfrontation mit uns selbst. Unangenehme Gefühle wie Hilflosigkeit, Verzweiflung und Wut, verdrängte Ängste aller Art und Konflikte zeigen sich schonungslos.
Es tauchen Fragen auf: Was und wer ist mir wirklich wichtig? Was ist der Sinn meines Lebens? Lebe ich wirklich das Leben, das ich mir wünsche? Wer bin ich, wenn ich alles verloren habe? Warum machen mir Sterben und Tod Angst? Was muss ich loslassen, was muss in mir sterben, damit ich wirklich leben kann? Wer ist in der Not tatsächlich für mich da? Für viele sind das völlig neue Erfahrungen, die heraus-fordern, oft auch über-fordern.
Auch Jesus wurde mit ähnlichen Situationen konfrontiert, und er stellte sich ihnen: in der Verzweiflung und Verlassenheit von Gethsemane, dem Verrat durch Judas und Petrus, als unschuldig Angeklagter im Prozess vor den Mächtigen und schließlich im Sterben am Kreuz.
Was diese „Exerzitien“ in uns bewirken, hängt davon ab, ob wir in der Trauer des Karfreitags und der Lähmung des Karsamstags stecken bleiben oder ob wir den Blick auf das leere Grab und die Auferstehung des Ostermorgens richten.
Will Gott uns durch Corona etwas sagen?
Ist dieses Ereignis eine Botschaft Gottes an uns, gar ein göttliches Eingreifen zur Rettung der Menschheit aus der modernen Sklaverei…? Ähnlich wie damals, als Gott das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei befreit hat…?
Manche Dornen dringen tief ein und durchstechen unseren Panzer, den wir uns im Lauf des Lebens zugelegt haben. Fordert Gott uns auf, noch ein letztes Mal auf all diese Dornen zu schauen, damit die Wunden endlich heilen können?
Müssen wir hinschauen auf all die Dunkelheit und all die Schmerzen in unserem Leben?
Können wir durch die erzwungene Isolation zu uns selbst und zu Gott, der in uns wohnt, zurückfinden?
Müssen wir unsere Lügen entlarven, durch die wir uns von unserer göttlichen Ebenbildlichkeit entfernt haben?
Müssen wir all die Ablenkungen beenden, um Kraft unserer göttlichen Schöpfungsmacht das Leben zu erschaffen, von dem wir träumen?
Müssen wir uns – wieder – bewusst machen, dass wir alle miteinander verbunden sind und einander brauchen?
Müssen wir in allen Lebensbereichen wieder die Verantwortung für uns selbst übernehmen?
Müssen wir mutig die not-wendigen Veränderungen und einen Neuanfang machen?
Können wir radikal das leben, was Jesus uns verkündet hat: Uns selbst lieben, für unsere Schwestern und Brüder in Liebe da sein, die Schöpfung achten, allzeit mit Gott, der in unsrem Herzen wohnt, verbunden sein und den Himmel auf Erden erschaffen?
Eine nie da gewesene Situation
Niemals befand sich die Welt in einem solchen Zustand – das ganze Leben wurde überall heruntergefahren auf das Allernötigste. Wir befinden uns in einer völlig widersprüchlichen Situation: Schicksalhaft verbunden durch die weltweite Virus-Gefahr, müssen wir uns gleichzeitig voneinander zurückziehen – zurückgeworfen auf uns selbst, bleiben wir jedoch abhängig voneinander.
Schon sehr lange ist eine tiefe Traurigkeit, sozusagen ein kollektiver Karfreitag als Dauerzustand, in den Augen vieler Menschen zu sehen, besonders in der westlichen Welt. Denn Milliarden Menschen über-leben nur noch statt das von Gott verheißene Leben in Fülle genießen zu können.
Die Folgen dieses noch nie da gewesenen Sozialexperiments, wie wir es gerade erleben, sind noch nicht absehbar. Vermeintlich Wichtiges wird plötzlich unwichtig, wir müssen, oft unfreiwillig, zurückkehren zur Essenz des Lebens. In den Handlungen der Regierenden zeigt sich eine große Hilflosigkeit, ebenfalls in der Kirche. Eines ist allerdings ganz klar: Die bisherige Welt ist zu Ende, alles scheint zusammenzubrechen, epochale Veränderungen geschehen, ein langer, schmerzhafter Prozess beginnt, und die Heilung ist – noch – nicht sicher, noch nicht sichtbar…
Unser persönliches österliches Triduum
Der Gründonnerstag zeigt uns die Wichtigkeit der persönlichen Beziehungen – Familie, Partnerschaft, Freundschaft. Verbringen wir möglichst viel Zeit mit den Menschen, die wir lieben. Treffen wir uns zum gemeinsamen Essen, Feiern, Lachen, Singen, Tanzen, Spielen und in die Natur gehen. Teilen wir unsere Gedanken, Gefühle und Erlebnisse, Träume und Visionen, aber auch unsere Sorgen und Ängste miteinander. Gehen wir gemeinsam durch schwere Zeiten.
Der Karfreitag lädt uns ein, um Hilfe zu bitten, wenn wir keine Kraft mehr haben aufzustehen oder nicht mehr weiterwissen. Betrachten wir mitfühlend und liebevoll all die Dornenkronen in unserem Leben, die uns gefangen halten: unsere tiefsten Ängste, unsere verdrängten Gefühle, unsere dunkelsten Erlebnisse. Schauen wir hin auf mangelnde Selbstliebe, Suchtverhalten, zerstörerische Glaubenssätze und Verhaltensmuster, Verzweiflung, Wut, Aggressionen, Hass- und Rachegefühle, mangelnde Vergebungsbereitschaft, Enttäuschungen, Verletzungen und Schuldzuweisungen, Verrat und Verlassenheit, Abschiede, Verluste und Trauer, unerfüllte Wünsche und Träume, Schmerz, Leid und Tod.
All das Dunkle, Schmerzhafte hat eine Botschaft für uns. Es will gesehen werden, wie ein kleines, schreiendes Kind. Dann können wir alles loslassen und ins Grab hineinlegen.
Der Karsamstag fordert uns auf, wie Maria von Magdala und die anderen Frauen uns mutig im Morgengrauen auf den Weg zu machen. Darauf vertrauend, dass Gethsemane und Karfreitag nur die Durchgangsstationen zur Auferstehung und dem Leben in Fülle sind. Denn am dunkelsten Punkt der Nacht beginnt schon das Licht des neuen Tages, auch wenn es noch unsichtbar ist. Wir können unsere Dornenkronen abnehmen, denn Gottes Liebe verwandelt alles Dunkle und Tote in neues Leben. Wir können wieder unsere leuchtend goldene Krone aufsetzen und wieder Königin/König, ja Schöpferin/Schöpfer des eigenen Lebens werden und unser eigenes Reich erschaffen.
Öffnen wir unseren Geist, unsere Seele und unser Herz für neue Möglichkeiten, neue Sichtweisen, für neue Lebensweisen, für ein neues Miteinander. Denn das Neue wird auf jeden Fall kommen – wie es aussieht, das liegt an uns!
Wie entscheiden Sie sich…? Wollen Sie unter Ihrer Dornenkrone in der kollektiven Trauer und Lähmung des Karfreitags stecken bleiben? Oder wollen Sie sich wieder Ihre königliche Krone aufsetzen und zu einem neuen Leben auferstehen…?
Eine frohe Osterzeit!
