Gott, hilf doch – Palmsonntag Lesejahr B

Häufig sind am Palmsonntag mehr Kinder als sonst im Gottesdienst. Mit Rücksicht auf sie und auf die Gemeinde wird meistens die Kurzform der Passionsgeschichte vorgetragen: in diesem Jahr Mk 14,1 – 39. Dadurch geht aber eine wichtige Botschaft verloren!

Zum Einzug
Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 11
1 Als sie in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage und Betanien am Ölberg, schickte Jesus zwei seiner Jüngerinnen und Jünger voraus.
2 Er sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; gleich wenn ihr hineinkommt, werdet ihr einen jungen Esel angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Bindet ihn los, und bringt ihn her!
3 Und wenn jemand zu euch sagt: Was tut ihr da?, dann antwortet: Der Herr braucht ihn; er lässt ihn bald wieder zurückbringen.
4 Da machten sie sich auf den Weg und fanden außen an einer Tür an der Straße einen jungen Esel angebunden und sie banden ihn los.
5 Einige, die dabeistanden, sagten zu ihnen: Wie kommt ihr dazu, den Esel loszubinden?
6 Sie gaben ihnen zur Antwort, was Jesus gesagt hatte, und man ließ sie gewähren.
7 Sie brachten den jungen Esel zu Jesus, legten ihre Kleider auf das Tier und er setzte sich darauf.
8 Und viele breiteten ihre Kleider auf der Straße aus; andere rissen auf den Feldern Zweige (von den Büschen) ab und streuten sie auf den Weg.
9 Die Leute, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna! / Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!
10 Gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, / das nun kommt. / Hosanna in der Höhe!
11 Und er zog nach Jerusalem hinein, in den Tempel; nachdem er sich alles angesehen hatte, ging er spät am Abend mit den Zwölf nach Betanien hinaus.

In der Eucharistiefeier
Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 14
1 Es war zwei Tage vor dem Pascha und dem Fest der Ungesäuerten Brote. Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten nach einer Möglichkeit, Jesus mit List in ihre Gewalt zu bringen, um ihn zu töten.
2 Sie sagten aber: Ja nicht am Fest, damit es im Volk keinen Aufruhr gibt.
3 Als Jesus in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen bei Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabastergefäß voll echtem, kostbarem Nardenöl, zerbrach es und goss das Öl über sein Haar.
4 Einige aber wurden unwillig und sagten zueinander: Wozu diese Verschwendung?
5 Man hätte das Öl um mehr als dreihundert Denare verkaufen und das Geld den Armen geben können. Und sie machten der Frau heftige Vorwürfe.
6 Jesus aber sagte: Hört auf! Warum lasst ihr sie nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
7 Denn die Armen habt ihr immer bei euch und ihr könnt ihnen Gutes tun, so oft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht immer.
8 Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat im voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt.
9 Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat…
– Es folgt der Passionsbericht –
Kap 15
33 Als die sechste Stunde kam, brach über das ganze Land eine Finsternis herein. Sie dauerte bis zur neunten Stunde.
34 Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eloï, Eloï, lema sabachtani?, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
35 Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Hört, er ruft nach Elija!
36 Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Dabei sagte er: Lasst uns doch sehen, ob Elija kommt und ihn herabnimmt.
37 Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus.
38 Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei.
39 Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.
40 Auch einige Frauen sahen von weitem zu, darunter Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome;
41 sie waren Jesus schon in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient. Noch viele andere Frauen waren dabei, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren.

Autorin:
_MG_7932-web Birgit DroesserBirgit Droesser, Pastoralreferentin, war tätig in der Gemeindepastoral, Klinikseelsorge und im Theol. Mentorat Tübingen

 
Die Predigt:
Gott, hilf doch – ja, du wirst uns helfen

Liebe Leserin, lieber Leser,
vor zwei Tagen war ich im Frauenkreis der Kath. Gemeinde Winnenden zu einem Abend über Maria Magdalena. Dabei kamen wir auch auf die Frau zu sprechen, die Jesus gesalbt hat. In den Evangelien wird auf verschiedene Weise von ihr erzählt. Ich sagte noch, dass ich mich nicht erinnern kann, den Abschnitt über die Frau, die Jesus vor seinem Leiden salbte, jemals im Sonntagsevangelium gehört zu haben. Doch bei der Vorbereitung für diese Predigt wurde mir alles klar: Am Palmsonntag wird die Passionsgeschichte aus dem Evangelium des jeweiligen Lesejahres vorgetragen – am Karfreitag immer die Johannespassion. Und weil die Palmsonntagsliturgie sich durch den Einzugsteil sehr lange hinzieht, nimmt man in aller Regel vom Passionsevangelium nur die Kurzfassung. So könnten wir bei Markus von der Frau hören, die Jesus salbte und von den vielen Frauen, die mit Maria von Magdala in der Nähe des Kreuzes standen und bis zuletzt dabei geblieben sind. Sie waren, wie wir hören, als seine Jüngerinnen schon mit Jesus hinaufgezogen von Jericho nach Jerusalem. Wir könnten von ihnen hören, fielen sie nicht der Kürzung zum Opfer.

Die namenlose Frau der Salbung

Hier aber soll diese Frau ihren Platz erhalten. Es ist zwei Tage vor dem Paschafest. Die Stadt wimmelt von Pilgerinnen und Pilgern. Die Lage ist explosiv; denn viel ist seit dem festlichen Einzug in Jerusalem geschehen. Jesus ritt auf einem jungen Esel, eine Zeichenhandlung – nach einem Wort des Propheten Sacharja in Kap 9 – , mit der er sich als Messias zu erkennen gab; und die Leute verstanden, jubelten ihm zu Hosanna, d.h. Gott, hilf doch – ja, du wirst uns helfen! Auch sie benützten eine Zeichenhandlung, indem sie ihre Kleider vor ihm ausbreiteten. Damit ehrten sie ihn als den jahrhundertelang erwarteten messianischen König. Und immer wieder die lauten Rufe: Gepriesen sei er, der kommt im Namen des Herrn. Gepriesen sei das Reich unseres Vaters David, das nun kommt. Hosanna Gott in der Höhe! Was aber hatten die letzten Tage gebracht? Die Tempelaustreibung und endlose Streitgespräche mit den Gesetzeslehrern. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Menschen in ihrer hochgestimmten Erwartung Jesus beobachtet haben. Er würde doch helfen, jetzt würde doch das ganze Elend mit der Unfreiheit und Ausbeutung ein Ende haben. Jetzt würde doch das Reich des Friedens anbrechen. Aber danach sah es überhaupt nicht aus. Im Gegenteil. Die Spannung stieg von Tag zu Tag.

Da geht Jesus zum Essen in das Haus des Simon, der immer noch „der Aussätzige“
heißt. Und dann kommt diese Frau in der Haltung einer Prophetin und salbt Jesus inmitten der Männerrunde, die da zu Tisch liegt, zum Messias. Was für eine sinnliche und damit provozierende Szene! Kostbares, teures Nardenöl verwendet sie, ein ganzes Alabastergefäß voll. Ein Tagelöhner müsste ein Jahr lang dafür arbeiten. Nardenöl galt nach alter Überlieferung als Öl der Könige. Es wird aus einer Pflanze gewonnen, die in 3000 m Höhe in den Bergen des Himalaja wächst und soll intensiv herb aromatisch duften. Eine beruhigende, harmonisierende Wirkung wird ihm zugeschrieben, indem es die körperliche und geistige Ebene miteinander verbindet. Wieder also findet eine Zeichenhandlung statt. Diese Frau salbt Jesus das Haupt und drückt damit ohne ein Wort zu sprechen aus, was Jesus anschließend bestätigt: Du bist mein, unser Messias, auch wenn es ganz anders kommt, als wir erwartet haben. Die Männer in der Runde nehmen sehr wohl wahr, was passiert, reagieren ihren Ärger aber auf der Verstandesebene ab mit wirtschaftlichen Argumenten: Was das kostet! Was hätte man mit dem Geld alles an Gutem tun können! Aber Jesus verteidigt die Frau: Sie hat meinen Leib im voraus zum Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man auch an sie denken und erzählen, was sie getan hat. Jesus konnte nicht ahnen, dass man in der Kirche nicht einmal ihren Namen überliefern würde.

Gott, hilf doch!

Die Meinung der Volksmenge schlägt schnell um: So ist er also doch nicht der Messias, wenn er sich nicht gegen die Tempelaristokratie durchsetzen kann, wenn er schließlich doch den Kürzeren zieht. Grenzenlose Enttäuschung schlägt in Hass um, in Hohn und Spott; aus dem Hosanna wird „Kreuzige ihn“ und „ Hilf dir doch selbst!“ Wie aber steht es mit uns; was erwarten wir von Jesus, wir, die wir doch anders als die Menschen der Passion, anders als die Frau der Salbung wissen, wie die Geschichte ausgeht? Diese Frau muss eine tiefe Beziehung zu Jesus gehabt haben, ein großes Maß an Vertrauen und Liebe, sonst hätte sie ihn nicht in dieser Weise erkennen können. Warum hilft Gott nicht? Warum lässt er zu, dass Unschuldige leiden? Diese Frage stellt sich immer wieder, stellen wir immer wieder. Ich denke oft an meine Erlebnisse in der Kinderklinikseelsorge. Damals habe ich mehrfach den Satz gehört: „Wenn mein Kind stirbt, dann glaube ich nichts mehr.“ Wer könnte das nicht verstehen, einen solchen Aufschrei des Schmerzes und der Klage in größter Not? Was ist, wenn alles anders kommt als erwartet, wenn sich Hoffnungen nicht erfüllen, wenn Gebete anscheinend nicht erhört werden, wenn das Unzumutbare zugemutet wird? Ich wünsche mir, dass ich mir die Prophetin im Haus des Simon und die vielen anderen Jüngerinnen Jesu zum Vorbild nehmen kann, die bis ans Kreuz an Jesus, dem König, dem Christus, dem Messias festgehalten haben.

Was für ein unvergleichliches Glück, wenn Menschen zum Glauben an den Messias Jesus finden können, zum Glauben an den, der lebt, und im eigenen Herzen begegnet, in der Mitte und auf den Höhepunkten des Lebens, aber ebenso in den dunklen Stunden. Ein Wort von Dietrich Bonhoeffer aus Widerstand und Ergebung möchte ich an den Schluss stellen; – mit dem Begriff „Heiden“ sind nicht glaubende und anders glaubende Menschen gemeint:

Christen und Heiden

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,
sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod
und vergibt ihnen beiden.
Amen

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Die Auslegung über die Frau der Salbung folgt Dr. Gabriele Theuer, in Gottesvolk, B/3, Stuttgart 2006,
Literaturhinweise: Elisabeth Schüssler Fiorenza, Zu ihrem Gedächtnis, Eine feministisch – theologische Rekonstruktion der christlichen Ursprünge, München 1988
Karl Hermann Schelkle, Der Geist und die Braut, Die Frau in der Bibel, Düsseldorf 1977
Herbert Haag, Joe H. Kirchberger, Dorothee Sölle, Große Frauen der Bibel in Bild und Text, Stuttgart 2004

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Eine Antwort auf Gott, hilf doch – Palmsonntag Lesejahr B

  1. M sagt:

    Worte wie Balsam. Die Wunde ist gesehen. Heilung wird unterstützt.
    Danke.

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