Das verletzliche Leben – Karfreitag

Erste Lesung aus dem Buch Jesaja, Kap 52 u. 53
Nach der Übersetzung „Bibel in gerechter Sprache“
Diese Übersetzung erschien 2006 als Ergebnis eines mehrjährigen, durch Spenden finanzierten gemeinschaftlichen Projekts, an dem 52 wissenschaftliche Übersetzter/innen ohne Honorar gearbeitet haben. Die „Bibel in gerechter Sprache“ will andere, vertraute Übersetzungen nicht ersetzen, sondern eine Bereicherung sein. Wie jede Übersetzung will sie dem Ursprungstext gerecht werden, darüber hinaus versteht der Herausgabekreis „gerecht“ unter drei Aspekten:
Geschlechtergerechtigkeit, Verzicht auf antijudaische Interpretation und soziale Gerechtigkeit.

Was Gott will, wird durch ihre Hand gelingen.
13 Schau, der Mensch in meinem Dienst wird Erfolg haben,
wird hoch erhöht und sehr erhaben sein.
14 So sich viele darüber entsetzt haben-
so unmenschlich war seine Gestalt,
kaum noch menschenähnlich ihr Anblick-
15 so werden viele fremde Völker in Staunen geraten
und Majestäten davor ihren Mund verschließen.
Denn was ihnen nie erzählt wurde, sehen sie,
und was sie nie gehört haben, nehmen sie wahr.
53,1 Wer findet Vertrauen in das, was wir gehört haben?
An wem wurde der Arm Gottes offenbar?
2 Dieser Mensch wuchs auf wie ein Keimling vor Gott,
wie eine Wurzel aus trockener Erde, ohne Ansehen und ohne Ausstrahlung, auf die wir geachtet hätten,
da war kein Anblick, der uns gefallen hätte.
3 Verachtet und von den Menschen gemieden,
voller Schmerzen, vertraut mit Krankheit,
wie ein Mensch, vor dem man das Gesicht verhüllt,
so verschmäht war sie, wir achteten diese Gestalt nicht.
4 Doch in Wahrheit trug sie unsere Krankheiten,
lud sich unsere Schmerzen auf.
Aber wir hielten sie für geschlagen, von Gott getroffen und erniedrigt.
5 Doch sie war durchbohrt um unserer Verbrechen willen,
zerschlagen wegen unseres Versagens.
Bestrafung lag auf ihr – uns zum Frieden,
durch ihre Wunden sind wir geheilt.
6 Wir alle liefen wie Schafe in die Irre, achteten nur auf den eigenen Weg,
aber Gott ließ auf sie fallen unser aller Schuld.
7 Bedrängt, aber sie beugte sich und öffnet ihren Mund nicht,
wie ein Schaf, das zur Schlachtbank gebracht wird,
wie ein Mutterschaf, das verstummt vor denen, die es scheren
und seinen Mund nicht öffnet.
8 Aus Bedrängnis und Gericht wurde sie weggenommen,
aber ihre Generation, wer regt sich über sie auf?
Denn sie wurde abgeschnitten vom Land der Lebenden,
von der Schuld meines Volkes geschlagen.
9 Sie fand ein Grab bei denen, die Verbrechen begehen,
und ein Grabmal bei den Reichen,
obwohl sie kein Unrecht begangen hatte,
und kein Trug in ihrem Mund war.
10 Aber Gott wollte sie schlagen und machte sie krank.
Wenn du ihr Leben als Schuldopfer gibst,
wird sie Nachkommen sehen und lange leben.
Was Gott will, wird durch ihre Hand gelingen.
11 Durch die Qual ihres Lebens wird sie sehen,
wird sie sich sättigen an ihrer Erkenntnis.
Wer so gerecht ist in meinem Dienst,
wird die Vielen gerecht machen
und ihre Verschuldungen tragen.
12 Darum will ich dieser Person die Vielen zuteilen
und die Zahlreichen als Beute geben,
weil sie ihr Leben in den Tod gegeben hat
und sich zu denen zählen ließ, die Verbrechen begehen.
Doch sie trug die Verfehlung der Vielen
und trat für die ein, die Verbrechen begehen.

Autorin:
scale-210-210-12_25508028_2Maria Sinz, Gemeindereferentin, Aalen, stellvertretende geistliche Leiterin der KAB (Katholische Arbeitnehmerbewegung)

 
Die Predigt:
Das verletzliche Leben

Liebe Leserin, lieber Leser,
wir Christen sind so an das Bild vom Kreuz gewöhnt, dass wir mit Karfreitag einen Tag inne halten, um uns dem Geschehen bewusst zu stellen, unsere Erfahrungen zu vertiefen und bereit werden, unser Verständnis vom biblischen Gott des Lebens zu erweitern.
Dazu passt die Lektüre des Jesaja Textes in der vorliegenden Form.
Die „Bibel in gerechter Sprache“ spricht von der Person oder der Gestalt.
Und so bringt sie den vertrauten Text, der als letztes von vier Gottesknecht-Liedern bekannt ist, neu zu Gehör. Wir Christen lesen diesen Text, der ca. 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung entstanden ist, auf Jesus hin. Durch die Wortwahl Person oder Gestalt sind wir gefordert, Vertrautes neu zu hören und, wer mag, kann sich den Text neu anverwandeln.

Ich war verblüfft. Wo in der gewohnten Übersetzung der Antiheld, der Schmerzensmann bildlich hervorgerufen wird, der irgendwie für meine Schuld leidet, kommt in dieser Übersetzung allein dadurch, dass nicht auf die männliche Form verengt wird – in meinen Ohren- viel stärker ein Thema hervor, eine Qualität, nämlich Verletzlichkeit.
Es wird ein anderer Aspekt hervorgehoben.
Konzentriere ich den Blick auf den Einen, Leidenden, der alle Schuld auf sich nimmt, wird dieser mir fremd, entfernt, überhöht. Lenke ich die Aufmerksamkeit auf das, was geschieht, entsteht Nähe und Verbindung. Verletzlichkeit ist eine alle Menschen verbindende, weil allen Menschen eigene Eigenschaft. Leben ist verletzlich.
Neben Qualitäten wie impulsiv, stark, vielfältig, reich, kräftig, explosiv gehört Verletzlichkeit zum Wesen des Lebens.
Dieser naiven Wahrheit widmen wir uns am Karfreitag.

Leben ist verletzlich – und wird verletzt. Eine Wahrheit, die Menschen in allen Zeiten erfahren mussten und müssen. Mir fällt dabei ein Bild ein, das mich seit ich es dieser Tage sah, beschäftigt.
Am Grenzübergang stehen Schlangen palästinensischer
Arbeiter, die als Tagelöhner auf Einlass in israelisches Gebiet warten.
Schmale Schleusen, hohe Zäune, befestigte Sicherheitsanlagen.
Palästinensische Pendler sind gezwungen ein Drittel ihres Tages mit Warten zu verbringen.
Am Übergang haben sich israelische Frauen postiert, die beobachten, was täglich dort passiert. Sie dokumentieren ihre Beobachtungen und veröffentlichen sie. Diese Frauen sind mit der demütigenden Behandlung
der palästinensischen Arbeiter durch das israelische Militär nicht einverstanden und setzen sich regelmäßig freiwillig diesem brisanten und belastenden Geschehen hautnah aus.

Zunächst zögerte ich, als Deutsche und Christin gerade dieses Beispiel zu benennen. Doch lässt es mich nicht los. Und natürlich sind gerade Christen in Deutschland und Europa sich – mehr oder weniger – bewusst, dass wir zutiefst verstrickt sind in die Geschichte dieses Konflikts. Wer wollte die Sehnsucht nach Sicherheit nach dem Völkermord, der Shoa, ernsthaft ignorieren? Und wer will bestreiten, dass Christen im Nationalsozialismus mehrheitlich versagt und Schuld auf sich geladen haben?
Am Karfreitag den israelisch-palästinensischen Konflikt auszublenden hieße in eine realitätsferne, weltvergessene Frömmelei abgleiten.
Dabei ist der Mensch Jesus den Machtverhältnissen seiner Zeit, der Politik zum Opfer gefallen. Die Römer haben ihn zum Tod verurteilt.

Genauso fallen heute Menschen überall auf der Welt – auch in Israel/Palästina – aktuellen Machtinteressen zum Opfer. Auf beiden Seiten. Leben wird verletzt. Menschliche Würde wird verletzt.
Die israelischen Frauen weisen mit ihrer Präsenz darauf hin.
Sie lenken den Blick darauf, was Menschen angetan wird. Sie machen aufmerksam allein dadurch, dass sie regelmäßig anwesend sind, da sind.
Ausschließlich das verletzte Leben in die Mitte der Aufmerksamkeit nehmen. Sehr schlicht und hochbrisant. Eine durch und durch politische Haltung. Eine durch und durch gläubige Haltung, wie ich es nenne, ohne zu wissen, ob diese Frauen religiös motiviert sind.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe „Frauenpredigten- Gemeinde“,
dies tut der Jesaja Text, im Exil geschrieben: verletztes Leben in die Mitte nehmen.
Verachtet und von den Menschen gemieden,
voller Schmerzen, vertraut mit Krankheit,
wie ein Mensch, vor dem man das Gesicht verhüllt,
so verschmäht war sie….
… Bedrängt, aber sie beugte sich und öffnet ihren Mund nicht,…
… abgeschnitten vom Land der Lebenden…

Und
was Gott will wird durch ihre Hand gelingen.
Ich höre in diesem Satz eine Hoffnung. Richten wir unseren Blick beharrlich und konsequent auf das verletzte Leben, anstatt auf Machtinteressen, werden wir gemeinsam den Weg aus dem Exil, den Weg aus der Gottesferne finden. Muslime, Juden und Christen.
Der Weg aus dem Exil in das gelobte Land kann heute keine Frage der Landkarte sein. Vielleicht war es das nie. Das menschliche Grundbedürfnis nach Schutz kann nicht mit Stacheldraht beantwortet werden. Insbesondere dann nicht, wenn – relativ – Reiche ihren Besitz vor Armen schützen wollen, nicht nur in Israel/Palästina, auch in Europa, wenn wir Asylbewerber in Abschiebehaft wegsperren. Da wird Stacheldraht zur Waffe.
Exil in einem nicht geografischen sondern umfassend menschlichen Sinn verstanden bedeutet:
Wir Menschen, gleich welcher Nationalität oder Religion leben im Exil, solange wir gezwungen sind in einer Realität zu leben, die das verletzliche Leben auf dem Altar des Geldes, des Profits und der Macht opfert. Im Exil sind wir abgeschnitten von unserer wirklichen Lebenskraft, von der Fähigkeit in Gemeinschaft, in gegenseitigem Respekt zu leben.
Und in dieses Exil hinein spricht der Jesaja Text:
viele fremde Völker werden in Staunen geraten und Majestäten ihren Mund davor verschließen
vor dieser Haltung, die zuallererst dem verletzten Leben Respekt entgegen bringt, dieses in die Mitte nimmt und sich vom Leben leiten lässt.

Diesen Aspekt habe ich beim Lesen des Jesaja Textes neu gehört.
Vielleicht wird es für Sie, wenn sie den Bibeltext in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache nochmals lesen, ein anderer Aspekt sein?
Die Bibel will immer wieder neu gelesen, gehört und gelebt sein, damit wir uns von Gott zum Leben leiten lassen. Amen.

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Eine Antwort auf Das verletzliche Leben – Karfreitag

  1. UH sagt:

    Auch mir geht es regelmässig so, dass die Lektüre der BigS eine frische Fremdheit des Textes freisetzt – oft produktiv, bisweilen störend, manchmal verstörend.

    Wenn mir also hier die Figur des traditionellen Gottesknechts offener entgegentritt, kann ich mein eigenes Wahrnehmen und Erzählen von Leiden und Verletzlichkeit einfacher dazustellen. Und dass just an diesem Karfreitag die dokumentierenden Frauen an den Checkpoints in Israel/Palästina in den Blick kommen, ist für mich eine wichtige Konkretion, wenn sich grad einige Grosse streiten um den Text von Grass…

    Mich beschäftigt dennoch weiterhin, wie sich die verschiedenen personifizierten Verletzlichkeiten (nicht nur die Frauen an den Checkpoints, auch jene „in Schwarz“ oder Oscar Romero usw.) und die von Jesaja besungene Gestalt zueinander verhalten. Keine Übersetzung bringt weg, dass Gott auf sie „unser aller Schuld“ fallen liess und lässt. Daran werde ich wohl noch manchen Karfreitag zu kauen haben.

    Aber danke für den anregenden Zugang zu diesem „Lied für die Leidenden“!

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